Nr. 22/2017 vom 01.06.2017

Strauchelnd gegen den Perfektionswahn

Michael Turinsky arbeitet als Choreograf und Tänzer, trotz einer starken Behinderung. In seinen Stücken, die auf verschiedenen Bühnen in der Schweiz zu sehen sind, macht er die Grenze zwischen behinderter und nichtbehinderter Körperlichkeit durchlässig.

Von Maya Künzler

Mit überspitzter Ironie den gängigen Tanzästhetikdiskurs durchkreuzen: Michael Turinsky in seinem Solo «Heteronomous Male». Foto: Lucas Zavalia

Erlebt man Michael Turinsky auf der Bühne, ist man von seinen staccatohaften und kraftvollen Bewegungen in Bann gezogen. Selbst in Videomitschnitten vermittelt sich seine starke Präsenz. Tänzerisch virtuos im landläufigen Sinn ist das nicht, kann es nicht sein, denn Turinsky ist mit der Diagnose einer Zerebralparese geboren worden: Sein Körper wackelt mehr als der eines Spastikers, ist aber weniger verkrampft. Turinsky ist auf den Rollstuhl angewiesen und in seiner Arbeit auf viele AssistentInnen, die ihm durch den Alltag helfen. Der 39-Jährige lebt allein in einer Wohnung in Wien, braucht aber morgens und abends eine ambulante Hilfe.

Wenn Turinsky spricht, muss man konzentriert hinhören, um ihn zu verstehen. In seinen Performances arbeitet er trotzdem immer wieder mit Sprache und durchkreuzt dabei mit überspitzter Ironie lustvoll den gängigen Tanzästhetikdiskurs. Seine körperlichen Besonderheiten und Einschränkungen geben ihm einen anderen Takt vor. Mit tänzerischer Virtuosität kann er nicht punkten, dafür aber mit einer anderen Form von Perfektion.

«Meine Virtuosität liegt wahrscheinlich im geschickten Umgang mit der Physis, in der Ausdauer, Kraft und Kompromisslosigkeit», schreibt Turinsky in unserem schriftlich geführten Interview. In seinem Solo «Heteronomous Male» über Fremdbestimmung und Männlichkeit kann das Publikum erleben, was der Tänzer damit meint. Radikal wirft er seinen Körper in die öffentliche Arena, robbt auf seinen Knien herum und scheint keine Schonung für sich zu kennen. «Die eigenen Gefühle intelligent in eine künstlerische Form zu bringen, das Ringen um die adäquate Form, stellt die grösste Herausforderung dar», meint der Choreograf und Tänzer.

Zuckeln und Wackeln

Leicht macht er es sich nicht, weder sich noch den anderen. Das Stück «My Body, Your Pleasure» hat er für sich und vier nichtbehinderte TänzerInnen choreografiert. Interessant dabei ist, dass diese den Bewegungsmodus von Turinsky übernehmen. Die Grenze zwischen behinderter und nichtbehinderter Körperlichkeit durchlässiger zu machen, war dabei eine der Triebfedern des Choreografen. Zum anderen wollte er zwei ansonsten getrennte Welten miteinander verknüpfen: «In dieser Arbeit habe ich einerseits Bilder des behinderten Körpers, seines Zuckens und Wackelns, andererseits populärkulturelle Bilder der Lust, in der sich Sexualität und Bewegungslust verdichten, überlagert.» Die japanische Tänzerin Manaho Shimokawa war Teil des Entstehungsprozesses. Sie kennt Turinskys Arbeit seit fünf Jahren und erzählt, wie dessen nur mühsam und langsam formulierte Sätze anfangs eine Geduldsprobe für sie waren. Seither hat sie die Langsamkeit als eine besondere Qualität entdeckt. Sie schätzt die humorvolle Art Turinskys und die entspannte Atmosphäre beim Proben. Künstlerisch habe sie auch profitiert, meint sie, ihr eigenes Bewegungsvokabular habe sich eminent erweitert.

Vier Tanztheaterfestivals in der Schweiz zeigen im Juni die beiden aktuellen Stücke von Turinsky und bringen so den «inklusiven Tanz» ins Bewusstsein. Der Begriff steht für die gemeinsame künstlerische Praxis von behinderten und nichtbehinderten TänzerInnen und setzt deren Gleichwertigkeit voraus. Mit dieser grundlegenden Unterschiedlichkeit umzugehen, ohne einebnen und angleichen zu wollen, bedeutet einen Balanceakt. Für Turinsky ist es die «Weltrevolution», wie er scherzend anmerkt. Er hat sich mit dem Thema auch theoretisch in einem Essay auseinandergesetzt. Darin spricht er von «strauchelnden Gesten» gegen eine vom Perfektions- und Kontrollwahn bestimmte Leistungsgesellschaft.

Ein kämpferischer Geist

Mit dem Tanzen hat Turinsky erst mit 28 Jahren begonnen. Eine gute Freundin, ebenfalls im Rollstuhl, hatte ihn auf eine kleine Improtanzgruppe aufmerksam gemacht. Eine formale Tanzausbildung hatte der Performer nie. Bei ihm mischen sich ganz verschiedene Einflüsse. Als Vorbilder nennt er aus der queeren Szene unter anderem Miguel Gutierrez, Cecilia Bengolea und François Chaignard, aber auch «die moderne Klassikerin» Anne Teresa de Keersmaeker.

Bevor Turinsky zum Tanz kam, hatte er an der Uni Wien den Magister in Philosophie erworben. Neben seiner künstlerischen Existenz arbeitet er nach wie vor als Dozent. Sowohl der Tanz als auch die Philosophie sind für Turinsky «lustvolle und zugleich widerständige Bewegungen». «Im einen Fall jongliere ich mit Ideen und Begriffen, im anderen Fall mit dem Körper und seinen Teilen. Im Grunde geht es stets darum, eine Position im engeren Feld der Choreografie, aber auch im weiteren Feld des Gesellschaftlichen zu finden.» Da spricht ein kämpferischer Geist. Gerade war er zusammen mit der Wiener Kollegin Doris Uhlich auf Tournee in Kanada. Dass sie nur positives Feedback bekamen, stimmt Turinsky skeptisch: «Etwas zu affirmativ, mir fehlte der kritische Reibungspunkt mit dem Publikum.» Reibung sucht er auch in seinem nächsten Projekt. Da soll es um «den solidarischen Kollektivkörper», um Ausbeutung und Fluchterfahrungen gehen. Zur Veranschaulichung zitiert der Philosoph Adorno mit seiner wunderbar paradoxen Formulierung: «Kunst als Erinnerung an die Zukunft.»

«Heteronomous Male» und «My Body, Your Pleasure» in: Lugano, Orme Festival, 2. Juni 2017; Basel, Wildwuchs-Festival, 5./6. Juni 2017; Bern, Beweggrund-Festival, 8. Juni 2017; Genf, Out of the Box, Biennale des Arts inclusifs, 10. Juni 2017.

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