Nr. 36/2012 vom 06.09.2012

Tanners magischer Zauber

Von Anna Wegelin

Krimis handeln von Mord und Totschlag. Doch was nach der Lektüre von Urs Schaubs viertem Tanner-Roman «Der Salamander» hängen bleibt, ist nicht Sex and Crime: Wir erliegen dem feinen Zauber um seinen Ermittler Simon Tanner, der uns in Schaubs Erstling «Tanner» noch gehörig auf den Wecker ging, weil er derart selbstverliebt war.

Nun hat der Ermittler das reife Alter erreicht: Simon Tanner, ungefähr so alt wie sein 1951 geborener Schöpfer, kehrt an einem nebligen Novembertag in sein Dorf in der Dreiseenlandschaft zurück. Mit dabei hat er den «Idiot» von Dostojewski, ein Abschiedsgeschenk seiner Geliebten «aus dem hohen Norden». Fast ein Jahr ist er bei Solveig in den schwedischen Schären gewesen. Die Meeresbiologin, die er seine «Seejungfrau» nennt, hatte einen Sommer lang im Dorf serviert.

Kurz vor seiner Ankunft in der Schweiz begegnet Tanner im Zug einem mysteriösen Jüngling. Als wir erfahren, was dessen Gepäckstück beinhaltet, haben die Dinge längst ihren Lauf genommen. Wir folgen Tanner, dem inoffiziellen «Berater» seines Compagnons Serge Michel von der «Abteilung Leib und Leben», auf verschlungenen Ermittlungspfaden. Die Spuren führen zu einer sektiererischen Gemeinschaft und ihrem diabolischen Führer. Es gibt einen erhängten Pseudopfarrer und eine erschossene Russin – eine Referenz an Dostojewski. Ein fast dreissig Jahre alter Fall wird wieder aufgenommen, die französische Fremdenlegion und Missionare in Afrika kommen ins Spiel. Das Ganze ist gewürzt mit illegalem Drogenhandel, einer alchemistischen Skulptur und einem Bunkersystem aus dem Zweiten Weltkrieg.

Als der Fall gelöst ist, hört auch all das Verhexte auf, das Tanner gefährlich reale Träume bescherte. Die Landschaft um das Haus des Ermittlers liegt unter einer dicken Schneedecke, und Tanner kann endlich durchatmen: «Es war Sonntag, und man musste nichts machen, gar nichts. Man durfte einfach sein.» «Der Salamander» lesen ist zur Ruhe kommen. Magisch!

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