Nr. 36/2012 vom 06.09.2012

Mutmassungen über ein Massaker

Illegale Schürfer sollen in Venezuela eine Yanomami-Gemeinschaft massakriert haben. Die Regierung dementiert. Trotzdem ist es denkbar: Goldgräbermafias gehen in Südamerika über Leichen.

Von Toni Keppeler

Kommunikation im Dschungel ist keine einfache Angelegenheit; zumal, wenn Yanomami daran beteiligt sind. Das Volk gehört zu den letzten von der Zivilisation weitgehend unberührten Indígenas. Die Meldung, dass Anfang Juli eine Gruppe illegaler Goldschürfer aus Brasilien eine Yanomami-Gemeinschaft im Süden Venezuelas massakriert habe, brauchte fast zwei Monate, um die Aufmerksamkeit der internationalen Nachrichtenagenturen zu erlangen. Und dann dauerte es nur zwei Tage, bis sie von der Regierung Venezuelas wieder dementiert wurde. Was war geschehen?

Bereits Ende Juli hatte die Indígena-Organisation Horonami Yanomami bei der Armee Venezuelas einen Überfall von Goldschürfern auf eine Yanomami-Gemeinschaft gemeldet. Angeblich waren die Indígenas mit einem Helikopter angegriffen, ihre gemeinsam bewohnte Rundhütte niedergebrannt und rund achtzig Menschen massakriert worden. Nur drei hätten überlebt. Bewohner eines Nachbardorfs hätten später die zerstörte Hütte und verbrannte Leichen gefunden. Der Organisation war die Nachricht von Dritten übermittelt worden. Sie zu überprüfen, ist schwer. Yanomami scheuen den Kontakt mit Aussenstehenden. AnthropologInnen, die über sie geforscht haben, wissen, dass sie nicht über den Tod reden und dass Zählen für sie keine Bedeutung hat. Mehr als drei sind einfach «viele».

Zunächst wollte auch gar niemand überprüfen, was da wohl geschehen war. Erst als die Indígena-Schutzorganisation Survival International einen Monat später die Nachricht von dem Massaker verbreitete und die Nachrichtenagenturen einstiegen, handelte die Regierung in Caracas. Eine Untersuchungskommission wurde eingerichtet, eine Delegation flog übers vergangene Wochenende den Dschungel im Süden des Landes ab und besuchte sieben der neun bekannten Yanomami-Siedlungen. Am Ende sagte Nicia Maldonado, die Ministerin für indigene Völker: «Wir konnten keinerlei Beweise finden.» Keine Toten, keine niedergebrannte Rundhütte.

Das Dementi der Ministerin ist, was die Glaubwürdigkeit angeht, nicht höher einzuschätzen als die Meldung, die es in Abrede stellt. Sogenannte unkontaktierte Völker sind ja gerade deshalb unkontaktiert, weil sie in unzugänglichen Gegenden leben und nur schwer aufzufinden sind. Eine schnelle Suchaktion übers Wochenende reicht da kaum aus. Und so fragwürdig andererseits eine Alarm schlagende Meldung auf der Basis reinen Hörensagens ist – es ist zumindest denkbar, dass das Massaker stattgefunden hat.

Illegale Goldschürfer sind schon lange nicht mehr schlammverkrustete Glücksritter in Lumpen auf der Suche nach dem alle Probleme lösenden Nugget, wie sie der brasilianische Fotoästhet Sebastião Salgado so malerisch im Gegenlicht aufgenommen hat. Es sind knallharte Mafias. Erst Mitte Juli, wenige Tage nach dem angeblichen Massaker, hat die brasilianische Polizei eine solche Gang ausgehoben und dabei elf Kleinflugzeuge beschlagnahmt – ausgerechnet im Siedlungsgebiet der Yanomami an der Grenze zu Venezuela.

Die Ausstattung der Goldschürfer erinnert an die von Drogenkartellen, und tatsächlich haben beide sehr viel miteinander zu tun. «Die Kokaregionen wurden von der Regierung hart angegriffen, mit Pestiziden aus der Luft und von der Armee am Boden», sagt Ramiro Restrepo, der Vorsitzende des Verbands kleiner Minenbetreiber in Kolumbien. «Viele, die früher auf den Kokaplantagen gearbeitet haben, sind heute im Minengeschäft.» Es ist fast so rentabel wie Kokain: Der Preis für eine Feinunze Gold (31,1 Gramm) hat sich allein in den vergangenen drei Jahren auf knapp 1700 US-Dollar nahezu verdoppelt. Und Gold hat einen Vorteil gegenüber dem weissen Pulver: Auch wenn es illegal geschürft wurde, es ist ein ganz legales Produkt.

Aus Venezuela und Brasilien gibt es keine auch nur einigermassen verlässlichen Zahlen, was den Umsatz mit illegal geschürftem Gold angeht. In Peru wird er mit mindestens 600 Millionen US-Dollar veranschlagt. In Kolumbien schätzt die Regierung, dass zwischen dreissig und fünfzig Prozent des gewonnenen Goldes illegal geschürft wurden – ein Geschäft, das mindestens 2,5 Milliarden Dollar einbringt. Gold hält den Bürgerkrieg am Laufen: Sowohl die ultrarechten Paramilitärs als auch die Guerilla der Farc betreiben heute eigene illegale Minen und treiben von anderen Kriegssteuern ein. Umwelt und Menschenleben spielen dabei keine Rolle: In der Provinz Antioquia im Nordosten des Landes wurden in Gold fördernden Gemeinden Quecksilberwerte gemessen, die tausend Mal höher liegen als der von der Weltgesundheitsorganisation empfohlene Grenzwert. Wer das lebensgefährliche Gift – es wird zur Gewinnung von Goldstaub aus Gesteinsmehl verwendet – einfach in die Landschaft kippt, dem ist auch das Leben von ein paar Yanomami egal.

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