Nr. 37/2012 vom 13.09.2012

So nah dran – und dennoch so weit weg

Jonathan Littells Reportage aus der syrischen Stadt Homs ist ein Beispiel dafür, wie «irreal» ein Krieg in Zeiten der permanenten Medialisierung erscheinen kann.

Von Ulrike Baureithel

Dem französischen Theoretiker Paul Virilio verdanken wir luzide Einblicke in den Zusammenhang von Krieg und Fotografie. Wenn das neue Medium bereits im Ersten Weltkrieg in das militärische Kalkül eingegangen ist, wie viel mehr bedeuten dann Bilder in einer Zeit, wo jeder Augenzeuge als Frontberichterstatter auftreten und in Sekundenschnelle seine Community einstimmen kann? Das gilt für Kriege wie in Afghanistan ebenso wie für Aufstände; wer weiss, was aus dem Arabischen Frühling geworden wäre, wenn die Ereignisse nicht unmittelbar via Facebook verbreitet worden wären?

Doppelt gefilterte Wahrnehmung

Aber in Syrien, das durch das Beharrungsvermögen und die Brutalität des Assad-Regimes zum blutigen Symbol geworden ist, spielt der Bilderkrieg eine besondere Rolle. Jedes Handy, schreibt Jonathan Littell in seinen «Notizen aus Homs», sei ein Museum des Horrors. Die letzten beiden Januarwochen 2012 verbrachte der französisch-amerikanische Autor – bekannt durch seinen umstrittenen Roman über den SS-Offizier Maximilian von Aue («Die Wohlgesinnten») – im Auftrag von «Le Monde» in der Stadt. Er verliess Homs am 2. Februar, einen Tag bevor die Armee Granatenwerfer im Stadtteil Khaldije einsetzte und den Aufstand in einen Bürgerkrieg verwandelte. Littells Bericht, der zunächst in mehreren Zeitungsfolgen erschien, liegt nun als Buch auch auf Deutsch vor, nachdem die Ereignisse in Syrien den Hanser-Verlag veranlasst hatten, das für den Herbst geplante Erscheinen vorzuziehen.

An seinem Anliegen, die Sache der Aufständischen zu unterstützen, lässt Littell keinen Zweifel. Seine Momentaufnahme (mehr konnte der Autor in der kurzen Zeit nicht leisten) soll die Welt aufrütteln und zur Intervention seitens des Westens beitragen. Gemeinsam mit seinem «Raed» (Begleiter) genannten Fotografen lässt er sich von Schleusern illegal nach Homs schmuggeln, um, wie Littell im Vorwort schreibt, «treuestmöglich Bericht zu erstatten über einen kurzen und bereits verschwundenen Moment», in dem noch alles offen schien.

Zusammen mit Raed besucht Littell Untergrundkrankenhäuser, spricht mit AktivistInnen, wird Zeuge der hinterhältigen Angriffe der Scharfschützen, die auf PassantInnen und desertierende Soldaten zielen. Er lässt sich von seinen GesprächspartnerInnen die Unterschiede zwischen salafistischen Strömungen erklären, berichtet über die Strategie der Freien Syrischen Armee (FSA), das Für und Wider, den Dschihad auszurufen, aber er schwadroniert auch über Waffen und ihren Preis. Bei den zahlreichen Beerdigungen beobachtet er, wie sich ein ganzes Volk zum «Märtyrer» erklärt und wie sich Trauerzüge zu Demonstrationen der Wut entwickeln. Der Tschetschenien-erfahrene Littell ist auch nicht blind für die gezielt geschürten religiösen Konflikte und dafür, dass Frauen im Strassenbild von Baba Amr, dem von der FSA kontrollierten Stadtteil, überhaupt nicht auftauchen. Littell ist nah dran. Und zugleich weit weg.

Das beginnt schon mit dem als «Begleiter» figurierenden Fotografen, der in guter Kenntnis der Örtlichkeiten und der Sprache für Littell, der kein Arabisch versteht, auch als Dolmetscher fungiert und somit Bild und Text bestimmt. Alle Augenzeugenberichte, häufig ohnehin Geschichten vom Hörensagen, die der Autor oft genug als «verworren» einstuft, werden durch den Übersetzer noch einmal gefiltert. Aus Angst vor den Sicherheitsdiensten dürfen die JournalistInnen von den AktivistInnen auch keine identifizierbaren Fotos «schiessen»: «Die Kunst besteht darin, gute Fotos ohne ein einziges Gesicht darauf zu machen», schreibt Littell.

Die Krux der Fotografie

Genau dies ist auch das Problem seines Berichts: Je mehr von den Gräueltaten des Militärs die Rede ist, den Folterungen und Morden, je tiefer Littell im Blut der Verwundeten und Toten watet, desto gesichtsloser, «irrealer» wird dieser Krieg. Das liegt mitunter auch an der eigenartigen Fasziniertheit des Autors. Eine «Stimmung wie bei Guerillalehrlingen» nimmt er wahr – und fühlt sich «seltsam, nach so vielen Jahren mal wieder in einer Bude voller junger Kämpfer und Kalaschnikows zu schlafen». Ein Schlaf, in dem ihn viele eitle Träume heimsuchen, die er den LeserInnen nicht vorenthält.

Dass kein Tag ohne Tote und Verwundete vergeht, er dessen ungeachtet aber «ins Warme» flüchten kann, zu den ausführlich geschilderten Mahlzeiten, die von den unsichtbar in der Küche arbeitenden Frauen hergerichtet werden, scheint ihn kaum zu irritieren: «Ich bin ein bisschen fiebrig und habe keine Kraft, Krieg zu spielen», schreibt er am Ende, ungeduldig darauf wartend, die eingeschlossene Stadt endlich verlassen zu können. Wenn die Kriegsspiele zu ernst werden, zieht es westliche JournalistInnen doch in die Sicherheitszone.

Das ist keineswegs ein Vorwurf. Aber ein Krieg erklärt sich nicht durch seine noch so authentisch-dokumentarische Verdoppelung. Das ist eben die Krux der Fotografie. Ein Schriftsteller wie Littell sollte eigentlich wissen, dass jedes Bild durch ein anderes widerlegt werden kann.

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