Nr. 32/2012 vom 09.08.2012

Tausendundein Interesse

Eineinhalb Jahre nach dem Ausbruch der Rebellion in Syrien kämpfen im Land mittlerweile unzählige Gruppierungen um ihre Interessen. Was bedeutet das für die Zukunft Syriens?

Von Vicken Cheterian

Anfang der Woche intensivierte die syrische Armee, die seit eineinhalb Jahren einer Rebellion gegenübersteht, ihren Kampf: Sie zog 20 000 Soldaten in und rund um Aleppo zusammen, ihre Truppen drangen im Süden der Hauptstadt Damaskus in das Al-Tadamon-Quartier ein. Kurz darauf verkündete die Armee, Syriens «loyale Kräfte» würden nun sämtliche Stadtteile kontrollieren. Gleichzeitig kam es sowohl im Osten des Landes als auch in westlichen Städten – etwa in Rastan, Homs und Kusayr bis hin zur südlichen Grenze zu Jordanien – zu heftigen Zusammenstössen.

Die syrische Armee hält sich erstaunlicherweise ziemlich gut. Sie ist nicht zusammengebrochen und hat sich auch nicht von der militärischen Front zurückgezogen – und das, obwohl Mitte Juli der Verteidigungsminister und drei weitere hochrangige Sicherheitsbeamte bei einem Bombenanschlag in Damaskus getötet wurden. Dennoch lässt sie erste Zeichen der Erschöpfung erkennen. Seit Monaten werden die Soldaten, die den Truppen wegsterben oder desertieren, nicht ersetzt. Kein Wunder: Die Armee, die auf Wehrpflicht gründet, findet kaum neue Rekruten. Auf den letzten Einberufungsbefehl im Mai reagierten in Aleppo nur 5000 Männer – in den vorangehenden Jahren waren es jeweils 40 000 bis 45 000 . Viele Soldaten werden über Monate zum Weiterkämpfen gezwungen, obwohl sie ihre Dienstzeit längst hinter sich haben. Und so desertieren sie, sobald sich die Chance bietet. Die der Regierung gegenüber loyalen Kräfte stützen sich zunehmend auf Milizen, die erst kürzlich gegründet und ausgerüstet wurden. Diese Milizen rekrutieren sich aus Segmenten der syrischen Bevölkerung, die das Regime noch immer unterstützen. Die im Volksmund als «Schabiha» bezeichneten Paramilitärs prägen mit ihrer brachialen Vorgehensweise zunehmend die gesamte Armee. Junge Männer, die verdächtigt werden, der bewaffneten Opposition anzugehören oder politische Aktivisten zu sein, werden von ihnen sofort hingerichtet.

Doch die Unnachgiebigkeit, die die syrische Armee an den Tag legt, könnte sich als Achillesferse erweisen: Über eineinhalb Jahre war sie nicht in der Lage, ihre Taktiken zu ändern und aus Fehlern zu lernen. Vielmehr hielt das Regime eisern an seiner ursprünglichen Entscheidung fest, die Revolte mit Gewalt zu unterdrücken, koste es, was es wolle. Als die Rebellen ihre Widerstandskraft bewiesen, entschied sich das Regime für ein noch härteres Vorgehen. Im Mai 2011 eröffneten Sicherheitskräfte in Daraa das Feuer auf DemonstrantInnen; im Sommer 2011 rückten Armeetruppen gegen Rebellenstädte wie Hama oder Homs vor; im Februar 2012 beschoss das Militär vier Wochen lang Baba-Amro in Homs, das unter Kontrolle der Rebellen stand, bevor es das Quartier einnahm; im Mai wurden erstmals Kampfhelikopter in Rastan eingesetzt, im Juli Militärflugzeuge in Aleppo.

Mit der Gewalteskalation braucht das Regime allmählich seine Ressourcen auf. Dagegen haben sich die Rebellen angepasst; sie erhalten mittlerweile Geld aus den Golfstaaten und sind seit zwei Monaten in der Lage, Armeepanzer zu zerstören – einer der letzten militärischen Vorteile der Assad-treuen Kräfte. Nachdem sich der hohe General Manaf Tlas im Juli abgesetzt hat und ihm Anfang der Woche Premierminister Riad Hidschab gefolgt ist, haben sich die Risse innerhalb der militärisch-politischen Führungselite zudem vertieft.

Eine gespaltene Opposition

Aber wie sieht es auf der Seite der Opposition aus? Die alte syrische Opposition zeigte grosse Mühe mit der plötzlichen Revolte. Der Syrische Nationalrat (SNC) wurde erst am 23. August 2011 gegründet – fünf Monate nachdem der Aufstand ausgebrochen war. Er wurde zur wichtigsten Institution, um die sich bald die syrischen Oppositionsfiguren gruppierten. Allerdings brauchten die Mitglieder des SNC, die sich vorwiegend aus syrischen Dissidenten im Exil rekrutieren, viel Zeit, um sich politisch einzuklinken. In der Vergangenheit war es ihnen kaum möglich gewesen, sich zu engagieren. Sie müssen das Geschäft erst erlernen.

Ihnen fehlt der Zusammenhalt, und sie sind nicht fähig, den SNC als Führungskraft im syrischen Aufstand zu etablieren. Der SNC hat über alles debattiert – über die Frage, ob die Revolution pazifistisch oder militärisch ausgetragen werden soll (was zur Abspaltung einiger bis dahin prägender Personen führte), ob eine internationale Intervention gefordert werden oder ob der SNC-Präsident für drei Monate oder ein Jahr gewählt werden soll. Die Debatten innerhalb des SNC spielten sich weniger zwischen Muslimbrüdern und den säkularen Gruppierungen ab als zwischen führenden Figuren. Der kürzliche Zwist um die Frage, ob in einer künftigen Übergangsregierung Träger des Baath-Regimes akzeptiert werden sollen oder nicht (dabei ging es sehr wahrscheinlich um Manaf Tlas), erinnerte erneut daran, dass es dem SNC kaum gelingt, mit den Ereignissen mitzuhalten – geschweige denn, sie zu lenken.

Die Auseinandersetzungen spiegeln sowohl gesellschaftliche als auch ideologische Verschiebungen innerhalb der Rebellion wider. Die Dissidentenbewegung der Vergangenheit wie auch die Protestbewegung 2011 bestanden aus gebildeten, verarmten Männern und Frauen aus dem Mittelstand – ihre Slogans waren zumeist säkular und politisch. Heute sind die meisten Oppositionskämpfer Deserteure der syrischen Armee oder Männer vom Land – und ihr Diskurs ist religiös. Diese Verschiebung könnte die ehemals übernationale Bewegung in kleine Gruppierungen mit lokalen und religiösen Identitäten zersplittern. Was die heutigen Kämpfer politisch denken und was sie unter dem Slogan «Freiheit» verstehen, bleibt im Dunkeln. Die Ermordung des Chefs des Berri-Clans und vierzehn seiner Mitglieder in Aleppo durch die oppositionelle Tawhid-Brigade letzte Woche und die anschliessende Verurteilung solcher Hinrichtungen durch Offiziere der Freien Syrischen Armee, die sich der Genfer Konvention verpflichtet fühlen, weisen auf eine fundamentale Uneinigkeit innerhalb der Opposition hin.

Palästinenser und Kurdinnen

Auch die palästinensischen Flüchtlingslager in Syrien werden mit in den Bürgerkrieg hineingezogen. In mindestens zwei Lagern kam es in den vergangenen Wochen zu Kämpfen: Das eine liegt in Daraa, das andere, Yarmuuk, in Damaskus. Yarmuuk liegt nur acht Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Das grösste Palästinensercamp Syriens, in dem über 110 000 der 440 000 palästinensischen Flüchtlinge leben, war lange Zeit unter Kontrolle palästinensischer Fraktionen, die dem Baath-Regime loyal gegenüberstehen – wie etwa der Populären Front für die Befreiung von Palästina. Mitte Juli, als die Opposition ihre Angriffe auf die Hauptstadt lancierte, geriet Yarmuuk jedoch bald unter die Kontrolle pro-oppositioneller Kämpfer – am Wochenende reagierten Regierungstruppen mit schweren Mörserangriffen. Zwanzig Menschen wurden getötet.

Die Entwicklung in den kurdischen Gebieten Syriens könnte weitreichende Auswirkungen auf die Region haben. Letztes Jahr verlegten rund 2000 syrische PKK-Kämpfer ihre Basis aus den Bergen von Kandil in das Dreieck der irakisch-türkisch-iranischen Grenzregion. In den vergangenen Monaten übernahmen sie im kurdisch bevölkerten Norden Syriens die Sicherheits- und Verwaltungsaufgaben. Einige BeobachterInnen sehen darin eine Instrumentalisierung der PKK durch das syrische Regime, die sich gegen die Türkei richtet, die ihrerseits syrische Rebellen unterstützt. PKK-Quellen sagen, dass sie nicht mit dem untergehenden Baath-Regime zusammenspannen und ihre eigene Agenda verfolgen würden. Das Vorrücken der PKK verärgerte auch andere syrisch-kurdische Kräfte, die sich rund um den SNC gruppiert haben – der seinerseits Hunderte von Kämpfern in nordirakischen Peschmerga-Lagern ausbilden lässt, um sie dann zurück nach Syrien zu schmuggeln. Im Juli vereinbarten die Kurden des SNC und die PKK, die kurdischen Gebiete gemeinsam zu verwalten.

Viel wurde schliesslich über die Beteiligung von Dschihadisten spekuliert. Ihre Präsenz haben sie letztlich selbst belegt – durch die Entführung zweier Fotojournalisten, die von mehreren islamistischen Kämpfern unterschiedlicher Herkunft gekidnappt wurden. Besonders zu denken gibt der Umstand, dass Dschihadisten mittlerweile Bab al-Hawa kontrollieren, einen Grenzübergang zur Türkei. Diesen können sie als Brücke nutzen, um weitere dschihadistische Aktivisten nach Syrien zu schleusen, die sich am Krieg beteiligen.

Aus dem Englischen von Yves Wegelin.

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