Nr. 39/2012 vom 27.09.2012

Die Zweitfrau

Von Silvia SüessMail an Autor:in

Ein kleines Dorf in Anatolien: Die junge Türkin Ayse (Begüm Akkaya) heiratet den in Wien lebenden Hasan (Murathan Muslu) – so scheint es zumindest. Als die Familie mit der neuen Braut in Wien ankommt, wird klar, dass Ayse Hasans Vater Mustafa (Vedat Erincin) geheiratet hat. Nur die beiden beteiligten Familien wissen über den «Hochzeitsbetrug» Bescheid. Das ganze Umfeld – in Wien wie in Anatolien – hält Ayse und Hasan für ein Ehepaar.

Organisiert hat die Hochzeit Mustafas Frau Fatma (Nihal Goldas). Sie hat Krebs und möchte, dass sich nach ihrem Tod jemand, dem sie vertrauen kann, um ihre Kinder und um ihren Mann kümmert. Die schüchterne, fleissige Ayse scheint dafür perfekt zu sein. Demütig sorgt sie sich in ihrem neuen Wiener Zuhause um den Haushalt, um Fatmas Kinder und ihre ehelichen Pflichten – zum Ärger von Fatmas ältesten Töchtern, die die «Zweitfrau» nicht akzeptieren können.

«Kuma», der Titel des Spielfilms des in Wien geborenen und aufgewachsenen kurdischen Regisseurs Umut Dag, ist zugleich das türkische Wort für «Zweitfrau». Im Zentrum des Films stehen die Frauen der Familie. Es kommt nämlich ganz anders, als Fatma es sich ausgemalt hat: Nicht sie stirbt, sondern ihr Mann. So ist das Haus plötzlich voll mit Frauen, die ganz unterschiedliche Wünsche, Vorstellungen und Ansprüche ans Leben haben: Fatmas erwachsene Töchter, die ein Leben führen wollen wie die anderen jungen österreichischen Frauen. Ayse, die in einem türkischen Supermarkt zu arbeiten beginnt und das Leben ausserhalb der Familie entdeckt. Und schliesslich Fatma, die von einem traditionellen türkischen Familienleben träumt. Dass es früher oder später zum Eklat kommen muss, ist absehbar.

Leider dringen während des Films zu häufig die Schwächen des Drehbuchs durch, ein paar Wendungen wirken etwas gar konstruiert. Und doch ist Umut Dag mit «Kuma» ein Film gelungen, der Einblick in eine Parallelgesellschaft gibt, von der viele nur wenig wissen.

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