Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Sterben ist schwer, weil es nicht gelingen will

Alte Menschen, die gebrechlich werden, fallen aus unserer Gesellschaft. Dass uns das alle etwas angehen sollte, zeigt Michael Hanekes neuer Film «Amour», der in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Mit einem Beilschlag bricht die Polizei in die Wohnung ein. Und damit gleichsam in den Kinosaal, denn die Kamera ist bereits in der Wohnung. Sie folgt den Polizisten ins Schlafzimmer, wo eine Tote im Bett liegt, schön zurechtgemacht, Blumen in den gefalteten Händen. Folgt ihnen weiter, als sie die Flügeltüren zu den andern Zimmern der gutbürgerlichen Pariser Altbauwohnung aufstossen, die Fenster aufreissen. Der Gestank muss unerträglich sein.

Nicht der Tod bricht hier quasi mitten ins Publikum. Der eigentliche Einbruch, den Michael Haneke in «Amour» zum Ausgangspunkt nimmt, ist jener Moment, in dem die zunehmend eingeschränkte Funktionstüchtigkeit, mit der die heutige Gesellschaft das Alter gemeinhin definiert, augenfällig wird. Jener Moment, in dem man sozusagen einbiegt in die Einbahnstrasse Richtung Tod.

Haneke führt uns in zwei Stunden durch diese Einbahnstrasse, in der alles nur noch weniger wird. Die Welt schrumpft auf die Ausmasse der Wohnung des alten Musikerehepaars Georges (Jean-Louis Trintignant) und Anne (Emmanuelle Riva) und entschleunigt sich bis zur Erstarrung, versinnbildlicht durch die Kamera, die in langen Einstellungen starr einfängt, was sich in Entrée, Salon, Küche, Bad und Schlafzimmer abspielt. Das berührt umso mehr, als Haneke jeden Griff in die emotionale Trickkiste vermeidet: keine tickenden Uhren, keine Musik – ausser, sie ist Teil der Geschichte. Dafür ein Protagonist, der selber längst in diese Einbahnstrasse eingebogen ist.

Hommage an Trintignant

«Amour» feierte im Mai am Filmfestival in Cannes Premiere, Michael Haneke wurde für den Film mit der höchsten Auszeichnung, der «Palme d’Or», bedacht. «Ich habe diesen Film für Jean-Louis Trintignant geschrieben», sagte der Regisseur kürzlich in einem Interview. Trintignant hat mehr als zehn Jahre lang nicht mehr vor der Kamera gestanden. Mit seinen bald 82 Jahren wirkt Trintignant nicht nur sehr gebrechlich, wenn er sich in den grobschlächtigen Hausschuhen durch die Wohnung pflügt, als befände er sich auf Deck eines Schiffs in stürmischer See. Er ist es auch. Als Haneke ihm die Rolle anbot, war er gerade im Spital, weil er sich zum wiederholten Mal etwas gebrochen hatte.

Ausgerechnet Trintignant, der so oft den Gehetzten spielte, den Verfolgten, Rastlosen, ist des Rennens nicht länger mächtig. Ungebrochen wirkungsvoll aber ist seine unterkühlte Mimik, das auf die Augen reduzierte, stets ambivalente Spiel. Auch wenn diese Augen mittlerweile ziemlich nackt in der zerfurchten, fast wimpern- und brauenlosen Gesichtslandschaft liegen, leicht gerötet und umgeben von wächsern-durchsichtiger, altersfleckiger Haut.

Auch dramaturgisch verwendet Haneke keinen Weichzeichner. Mit wenigen Strichen skizziert er die eingespielte Zweisamkeit, konterkariert zehntausendfach eingeübte Handgriffe und Abläufe mit der innigen gegenseitigen Achtsamkeit der beiden im Gespräch. Bevor er den Zerfall dokumentiert: erst der starre Blick von Anne beim Frühstück – ein «Schlägli», wie sich herausstellt. Dann ihre Heimkehr im Rollstuhl, halbseitig gelähmt, weil die Operation misslang. Kurz darauf der zweite Schlaganfall, der Anne bettlägrig, inkontinent und sprachlos zurücklässt. «Mal» ruft sie immer und immer wieder, ein an- und abschwellendes Wehklagen, das durch die Flügeltüren der Wohnung zu Georges dringt.

Bei der Heimkehr aus dem Spital habe er sich bereits den Baum ausgesucht, gegen den er später mit Vollgas habe fahren wollen, so Trintignant gegenüber verschiedenen Quellen. Auch Anne versucht, sich nach dem ersten Schlaganfall aus dem Fenster zum Lichtschacht des Hauses in den Tod zu stürzen.

«Amour» ist der Titel, den sich Trintignant für Hanekes Film ausgesucht hat. Es ist die Liebe von Georges zu Anne, um die er sich mit aller ihm noch verbleibenden Kraft kümmert. Oft ist nicht klar, wer wen stützt, wenn er sie von der Toilette auf den Rollstuhl hievt oder mit ihr Gehübungen im Entrée macht. Wenn sie von ihm das alte Fotoalbum verlangt, entrückt darin blättert, lächelt: «Es war schön, das Leben.»

Doch Anne entgleitet Georges zusehends. Bald kocht er pürierte Speisen, die er ihr mit einem Löffel zuführt, lässt sich von der Krankenschwester zeigen, wie er ihr Windeln anzuziehen hat, singt mit ihr «Sur le pont d’Avignon», um sie beim Formen von Lauten zu unterstützen. Ein einziges Mal, als sie ihren Wunsch zu sterben nur noch ausdrücken kann, indem sie das Trinken verweigert, schimmert für einen Moment auch seine Verzweiflung durch: Er flösst ihr das Wasser mit Gewalt ein, sie spuckt es ihm ins Gesicht, er ohrfeigt sie, entschuldigt sich sogleich.

Sterben ist schwer, weil es nicht gelingen will. Und deshalb schieben wir es von uns weg, wissen immer weniger, damit umzugehen, sind überfordert, ungeduldig mit der Langsamkeit der Alten, die aus dem Raster unserer hyperaktiven Gesellschaft fallen, mit ihrem störrischen Beharren darauf, dass wir uns auf sie und ihre Wahrnehmung, ihre Bedürfnisse einlassen. Stattdessen lassen wir sie von professionellen Institutionen verwalten, lassen zu, dass man sie wie Kinder behandelt. Ja, wir, ihre Kinder, tun das mitunter sogar selbst.

Raum zum Nachdenken

All das lässt Haneke in «Amour» anklingen, ganz ohne dramatischen Gestus. Gemeinsam mit Trintignant, dem Schauspieler, der nichts so sehr fürchtet, als dass er zu stark schauspielern könnte, überlässt er das Publikum dabei der Perspektive von Georges. Wer sich darauf einlässt, wird die unangekündigten Auftritte der um ihre Mutter besorgten Tochter Eva (Isabelle Huppert) als Eingriff in die selbstbestimmte Lebensgestaltung des Vaters wahrnehmen, wird sich im Kinostuhl winden ob der unsensiblen, ja erniedrigenden Behandlung, die Anne von der Krankenschwester zuteil wird.

Andere werden sich nichts denken beim Zuschauen, wie die junge Frau Anne das Haar bürstet und ihr dann mit einem routinierten «Sehen wir heute nicht wunderschön aus?» den Spiegel an die Nase presst. Sie werden sich vielleicht erst innerlich ertappt fühlen, als Georges die Pflegerin deswegen zur Rede stellt und sie ihn daraufhin mit gehässigen Schimpftiraden traktiert.

Haneke schafft mit «Amour» einen Raum, darüber nachzudenken, wie wir als Gesellschaft mit alten Menschen, mit Altern und Sterben umgehen wollen. Die Wahrnehmung wird unterschiedlich ausfallen, je nachdem, welcher Generation wir uns zurechnen. Der NZZ-Filmkritiker im Pensionsalter kam beschwingt aus dem Kino, dem jungen Kollegen von der «NZZ am Sonntag» war der Film etwas gar «tötelig».

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