Nr. 03/2016 vom 21.01.2016

Die Metadiva

Sie war die Baronin in Michael Hanekes «Weissem Band», für ihre Rolle in «Traumland» wurde sie mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet: Ursina Lardi, die Bündnerin an der Berliner Schaubühne. Dabei hat das Kino noch längst nicht alles von ihr gesehen.

Von Florian KellerMail an AutorIn

«Gott, ich weiss überhaupt gar nichts mehr!» Es ist ein Sonntagmorgen im Dezember, und Ursina Lardi sitzt in der Bar eines Businesshotels in der Nähe des Zürcher Schiffbaus. Draussen ist es grau, drinnen etwas trostlos im künstlichen Licht, auch die Blumen auf dem Tisch können dagegen nicht viel ausrichten. Doch die Kulisse mag noch so steril sein, Ursina Lardi scheint das nicht zu kümmern. Sie sprengt diese fensterlose Nische, in der wir sitzen, mit der hellen, klaren Energie, die von ihr ausgeht.

Auch dann, wenn sie sich nicht so recht erinnern kann, wie sie jetzt sagt. Es geht um den allerersten Film, in dem sie einst mitspielte. Sie war noch Schauspielschülerin in Berlin, als sie in ihrer Bündner Heimat für «Love Game» (1994) erstmals vor der Kamera stand. Es war das Regiedebüt eines jungen Mannes, der etliche Jahre später einen Grosserfolg mit mehr oder weniger lustigen Rekruten feiern sollte. Sein Name: Mike Eschmann («Achtung, fertig, Charlie!»). Sein Erstling von damals aber ist ein Phantom: Niemand kennt den Film, weil ihn kaum jemand gesehen hat, und ausgegraben wurde er seither auch nie mehr. Ursina Lardi erinnert sich noch vage an eine Premiere daheim in Chur, sonst weiss sie nicht mehr viel über «Love Game», ausser dass sie und Bruno Cathomas ein schräges Liebespaar spielten. Und dass im fertigen Film alles ganz anders war, als es im Drehbuch gestanden hatte. Die Story wurde nachträglich so komplett verändert, dass ihr die Lust, Filme zu drehen, danach für einige Jahre verging.

Aber vielleicht spielt sie jetzt auch einfach eine Schauspielerin, die sich nicht mehr erinnern kann. Wenn, dann spielt sie diese Rolle perfekt, mit der bestechenden Routine ihrer 45 Jahre.

Das Mädchen im Rollstuhl

Am Abend davor war Ursina Lardi noch ein Teenager. In der Box im Schiffbau gastierte sie unter der Regie von Thorsten Lensing in «Karamasow», nach dem Brüderroman von Fjodor Dostojewski. Sie spielt dort die pubertierende Lisa, die den Klosterschüler Aljoscha mit ihren romantischen Avancen verwirrt und ihre Mutter mit zielsicher getakteten hysterischen Anfällen provoziert. Fast vier Stunden lang steht sie da auf der Bühne, wobei, nur die Hälfte davon steht sie wirklich: Die ersten zwei Stunden sitzt sie im Rollstuhl. Gehbehindert? Entfesselt!

Die Bühne ist sparsam eingerichtet und wirkt so weitläufig wie selten in der Box, der Abend dauert und ist manchmal etwas verplaudert, wie sich das gehört für einen epischen Russen. Aber bei diesem handverlesenen Ensemble würde man auch nach sechs Stunden noch dranbleiben: Sebastian Blomberg und Devid Striesow sind dabei, dazu André Jung in einer Doppelrolle als Hund und Priester, um nur die bekanntesten Namen zu nennen. Im Kino würde man von einem All-Star-Cast sprechen. Und mittendrin eben dieses vorlaute Mädchen im Körper einer Frau: Ursina Lardi, geboren 1970 in Samedan, seit drei Spielzeiten festes Mitglied im Ensemble der Berliner Schaubühne.

Es braucht nur wenige Momente von ihr auf der Bühne, bis einem klar wird, was man alles verpasst, wenn man sie nur vom Kino kennt. Dort erscheint sie manchmal wie eingeschnürt in der Sprödheit der bürgerlichen Figuren, die sie immer wieder zu spielen bekommt, in Filmen wie «Traumland» (2013) oder zuletzt in «Unter der Haut» (2015). Jetzt, auf der Bühne, wirkt sie ungemein elastisch, obwohl sie zwei Stunden lang zum Sitzen verdammt ist. Pink gekleidet wie ein Cheerleader, spielt sie diese Lisa als verzweifelt maliziöses Ding: aufreizend, manipulativ, mit einem Hang zum Nihilismus.

Ursina Lardi hat einen weiten Weg hinter sich, heute und überhaupt. Aufgewachsen ist sie im Bündnerland, die ersten fünf Jahre im Puschlav. Ihre Muttersprache war Pus’ciavin, der italienische Dialekt im südöstlichsten Zipfel der Schweiz, in Samedan kam später Romanisch dazu. Erst mit dem Umzug der Familie nach Chur lernte sie auch Deutsch, da war sie schon zehn Jahre alt. Seither sind Sprachen keine Hürden mehr für sie, im Leben nicht und auch nicht auf der Bühne, die ihr Leben ist. «Ich denke jeweils auch in der Sprache, in der ich gerade spreche», sagt sie. Jetzt gerade heisst das: Sie denkt in einem Bündner Dialekt, der sich überhaupt nicht abgeschliffen hat.

Die Jury war belustigt

Fragen nach der Kindheit in den Bergen lacht sie aber weg wie einen indiskreten Witz. Vorgespurt war jedenfalls nichts auf dem Weg zur Schauspielerin, alles sei Schritt für Schritt passiert. Und es war durchaus nicht so, dass sie schon als Kind hätte Schauspielerin werden wollen: «Ich wusste damals noch gar nicht, dass das überhaupt ein Beruf sein könnte.»

Erst spät hat sie das Schauspiel zum Beruf gemacht, dabei hat sie schon immer gespielt, aber immer aus Spass, als Hobby. Auch in der Theatergruppe am Lehrerseminar in Chur, wo sie die Ausbildung zur Primarlehrerin machte, samt Praktikum in Bolivien. Und wer weiss, vielleicht wäre sie Lehrerin geblieben, wenn der damalige Direktor des Stadttheaters Chur sie nicht für die Aufnahmeprüfung an der Schauspielschule in Berlin angemeldet hätte.

Sie ist dann ahnungslos hingefahren und sagte beim Eignungstest «ein paar Gedichte» auf, wie sie erzählt. «Pegasus im Joche» von Friedrich Schiller unter anderem. Die Jury reagierte belustigt: «Die sagten, das sei ja ganz nett, aber eigentlich müsse ich schon Rollen vorsprechen.» Ursina Lardi durfte trotzdem nochmals antreten, zur eigentlichen Aufnahmeprüfung. Und dann war sie drin, in der Hochschule für Schauspielkunst «Ernst Busch». Sie schloss dann zuerst noch das Lehrerseminar ab, und als sie 1992 nach Berlin ging, war sie mit ihren 22 Jahren eine der Ältesten auf der Schule. Von den Eltern gabs keinen Widerstand: «Ich glaube, sie waren froh, dass ich nicht nach Südamerika auswanderte.»

Die Baronin bei Haneke

Inzwischen hat sie ihr halbes Leben in Berlin verbracht, aber hier in der Schweiz brauchte es dann schon Michael Haneke, damit man im Kino auf sie aufmerksam wurde. Das Haar streng gescheitelt, blütenweiss die hochgeschlossene Bluse: Das war ihre Baronin in «Das weisse Band» (2009). Eine hagere Statue des stummen Entsetzens und eine der ganz wenigen Figuren in diesem Film, die einen Rest von bürgerlicher Menschlichkeit verkörpern – und von erinnerter Hoffnung auf ein anderes, besseres Leben. Die Baronin will den Stumpfsinn und die Böswilligkeit, die im Dorf und in ihrer Ehe herrschen, hinter sich lassen, weil sie weiss, dass es eine Welt jenseits der puritanischen Verstocktheit gibt, die alles erstickt in dieser Pastorale der Kaltherzigkeit.

Rigide Ordnung schon bei den Dreharbeiten? Haneke gilt ja als Regisseur, der sein Ensemble gerne millimetergenau dirigiert. Ursina Lardi widerspricht nicht: «Das Bemerkenswerte an seiner unbedingten Präzision ist aber, dass sie einen weit macht und nicht eng.» Und ob sie nun im Korsett strikter Ansagen spielt oder unter einer Regie, die ihr alle Freiheiten lässt, das ist für sie völlig zweitrangig. «Ein klarer Blick und klares Denken: Das ist, was produktiv macht», sagt sie. «Und Vertrauen. Misstrauen ist das Unproduktivste überhaupt.»

Ihren Figuren nähert sie sich aus dem Spiel: «Ich bin keine, die im Kämmerlein vor sich hin recherchiert. Das überlasse ich der Regie», sagt sie mit einem Lachen. Sie weiss schon: Recherche gehört sich auch, aber ein guter Text führe einen ganz von selbst in die richtige Richtung. Der Rest passiert in der Probe, beim Spielen. Auch dann, wenn sie in die Rolle eines Teenagers schlüpft, wie eben in «Karamasow». Wozu soll sie Jugendliche studieren, um eine solche Figur einzustudieren? «Ich war ja selber mal 14.» Also weiss sie, wie das ist. «Und ich bin auch nicht immer nur 45. Bei jedem Menschen scheinen doch immer viele verschiedene Alter durch.»

Das Theater funktioniert hier ungebundener als das Kino, wo eine Schauspielerin in der Regel auf ihre körperliche Erscheinung festgeschrieben wird. Auf der Bühne kann sie sich eine unglaubliche Freiheit der Figuren erspielen, ob sie nun König Ödipus gibt oder ein Mädchen im Rollstuhl: «Über so etwas wie einen Rollstuhl kann ich mir ausgiebig Gedanken machen. Aber nicht, indem ich Gelähmte studiere oder so etwas. Ich bestelle mir einfach verschiedene Rollstuhlmodelle und probiere sie aus.» Der Rollstuhl bleibt für sie, was er ist: ein Requisit für die Wahrheit einer Figur, kein Fetisch irgendeiner abgeschauten Wirklichkeit. Jetzt wird Ursina Lardi kategorisch: «Ich muss mich um meinen Rollstuhl kümmern, nicht um den der anderen.»

Wichtig ist für sie, dass sie jeweils nicht zu früh fertig wird mit ihren Figuren: «Sonst wird mir grad langweilig.» Darum kann es passieren, dass sie diesen Prozess künstlich hinauszögert. Eine ihrer Methoden, um sich selbst zu überlisten: «Speziell schlecht spielen, das ist manchmal tatsächlich eine gute Idee. Es ist sehr produktiv, sich immer wieder in einen Zustand von Hilflosigkeit und Ahnungslosigkeit zu bringen.»

Technik interessiert sie weniger, beim Film wie auf der Bühne. Ob das Licht nun von hier kommt oder von dort, das ist ihr egal: «Hauptsache, es ist … hell!» Dunkel mag sie nicht? «Dunkel geht mir auf die Nerven», sagt sie mit Trotz in der Stimme. Und dann lacht sie auf wie ein Kind, das gerade etwas Ungezogenes gesagt hat. Das ist es wohl, was sie vorhin gemeint hat: Kein Mensch ist immer nur so alt, wie er ist.

Ringen mit Milo Rau

Aus den Boxen in der Hotelbar tropft jetzt leise die Stimme von Cher: «I’m strong enough to live without you.» Musik für Flughäfen. Es fühlt sich hier ein bisschen an wie im Transit, und so ist es auch, für Ursina Lardi. Am Tag davor ist sie aus Frankreich angereist, von der Vorpremiere eines neuen Stücks, das der Schweizer Milo Rau mit ihr an der Berliner Schaubühne entwickelt hat: «Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs». Sie hat den Regisseur dafür in den Kongo begleitet, hat mit ihm die Flüchtlingsrouten abmarschiert. Also doch Recherche? «Ja, aber am Schluss stehe ich auf der Bühne. Und dann wird gespielt!»

Milo Rau, der zerebrale Dokumentarist des Realen, und Ursina Lardi, für die schon das Spiel als Spiel etwas wert ist: Das klingt nach einem explosiven Rendezvous zwischen zwei völlig gegensätzlichen künstlerischen Temperamenten. «Es war ein Ringen», sagt sie. «Aber ich ringe gerne.» Und von diesem Ringen handelt auch das Stück, in dem sie die Mitarbeiterin einer humanitären Organisation in Zentralafrika spielt: Man sieht, wie Ursina Lardi sich die Figur erst aneignet, wie sie sich mit ihr identifiziert, sich in sie hineinsteigert, bis sie schliesslich an der Rolle verzweifelt. Milo Rau hat sie dafür aus allen Schauspielerinnen der Schaubühne ausgewählt. Er sieht in Ursina Lardi eine «Metadiva», schwärmt von der Dialektik in ihrem Spiel: «Es geht um alles bei ihr, sie ist völlig präsent – aber eben nicht als Ursina Lardi, sondern als etwas anderes, etwas Drittes. Ich werde wohl noch oft mit ihr arbeiten.»

Das Kino muss diese Metadiva in allen ihren Möglichkeiten erst noch entdecken. Der Auftritt bei Haneke hat ihr zwar breite Aufmerksamkeit gebracht, aber das Spektrum ihrer Filmrollen ist überschaubar geblieben. Da war die leidende Ehefrau, die ihrem gestrengen Mann damit droht, ihn zu verlassen («Das weisse Band»). Die leidende Ehefrau, die entdeckt, dass ihr Mann sie mit Prostituierten betrügt («Traumland»). Die leidende Ehefrau, die versucht, ihr Familienglück zu retten, als ihr Mann sich in einen anderen Mann verliebt («Unter der Haut»). Das ist eine ganze Reihe von leidenden, wenn auch in ihrem Leiden durchaus handlungsmächtigen Frauen. In Hollywood nennt man so etwas Typecasting. Ursina Lardi ist sich dessen bewusst, aber es scheint sie nicht zu kümmern: «Es stimmt, auf der Bühne ist mein Spektrum viel breiter, als ich es im Film bisher zeigen konnte. Aber ich bin mir sicher, das kommt noch.» Vielleicht schon mit dem TV-Film «Charlotte», den sie im Frühling drehen wird, unter der Regie von Katalin Gödrös («Songs of Love and Hate»). Ursina Lardi spielt darin die Titelfigur, eine Frau die sich in den Fall eines erfrorenen Flüchtlings verbeisst.

«Es knallt richtig»

Die Carte blanche, die Lardi jetzt als Ehrengast an den Solothurner Filmtagen ausrichten darf, kann man so auch als Appell an die Fantasie der Filmleute verstehen. Einen Herzensfilm durfte sie auswählen, sie hat sich für «Mommy» (2014) von Xavier Dolan entschieden. Das ist dieses emotional hemmungslos übersteuerte Drama über eine Mutter und ihren unkontrollierbaren Sohn. Hohe Amplituden, rückhaltlose Schauspielkunst, voller Einsatz. «Da ist nichts Vorsichtiges, nichts Zurückhaltendes, es knallt richtig», schwärmt Ursina Lardi, die selber einen Sohn im Teenageralter hat. «Diese Zartheit und diese Wucht dieser Schauspieler! Jeden Millimeter bin ich mit ihnen mitgegangen. Und was mich so berührt hat: Sie lieben sich ja wirklich. Aber diese Liebe schützt sie nicht vor dem Untergang. Das ist entsetzlich.»

Mit diesem Film im Kopf versteht man auch nochmals besser, wie Ursina Lardi zuvor im Gespräch ihr Ethos als Schauspielerin skizziert hat: «Es ist immer ein Kampf gegen die Trägheit, ein Kampf gegen die Bequemlichkeit, gegen die Sicherheit. Bin ich weit genug gegangen? Habe ich mich weit genug dorthin bewegt, wo es ungemütlich wird? Dann ist überhaupt erst die Chance da, dass es interessant werden könnte.»

Die Mutter in «Mommy», von Anne Dorval als überbordende, flamboyante Provinzdiva gespielt: Wäre das also eine Rolle auch für Ursina Lardi? «Natürlich würde ich so etwas gerne machen», sagt sie, als wärs das Selbstverständlichste auf der Welt.

Wir warten also auf den hiesigen Xavier Dolan, der eine solche Filmfigur für sie erfindet. Man möchte Ursina Lardi einmal explodieren sehen auf der Leinwand.

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