Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Tausend Dollar für ein totes Kind

Wenn wohlhabende StädterInnen in die Berge fahren, um die arme Bevölkerung mit Geld zu überhäufen: der iranische Regisseur Mani Haghighi und die Schauspielerin Taraneh Alidoosti über ihren Film «Modest Reception».

Von Johanna Lier

Die Grundidee ist simpel: Ein Mann und eine Frau fahren in die Berge, wo die Menschen unter äusserst harten Bedingungen leben. Die gut gekleideten StädterInnen machen jedoch keinen Ausflug, sie führen im Kofferraum Plastiktüten voller Geld mit, die sie verschenken wollen. Die Jagd nach dem verführbaren Menschen beginnt, es entwickelt sich ein manipulatives Spiel, das bald in pure Gewalt umschlägt und den Mann und die Frau zum Opfer ihrer eigenen Strategie werden lässt. Sie sitzen im Gefängnis, knapp dem Tod entronnen, und knabbern «Modest Receptions» – so heissen die Schokoladenkekse aus lokaler Produktion.

Baudrillards Erkenntnis

Ob einer nun seine verwahrloste Kneipe kaum über Wasser halten kann, einem Brüderpaar das Geld für die Hochzeit fehlt oder ein alter Mann in seiner Behausung aus notdürftig zusammengehaltenen Stoff- und Papierfetzen kauert: Die BergbewohnerInnen widersetzen sich dem grosszügigen Geschenk. Der Kampf der beiden «WohltäterInnen» wird immer hemmungsloser, und sie reden auf ihre Opfer ein, als ginge es um Leben und Tod.

Immer unverhüllter zeigt sich der innere Mechanismus der psychischen Gewalt: Man erkenne die unerfüllten existenziellen Bedürfnisse, die tiefsten, ungestillten Sehnsüchte seines Gegenübers und stelle deren Erfüllung und die Erlösung von Not und Angst in Aussicht – um daraufhin die Verletzung der wesentlichsten Werte und die Aufgabe der persönlichen Integrität zu fordern. Der Lastwagenfahrer wird seinen geliebten Bruder verraten. Er findet nicht mehr die Kraft zu widerstehen.

WOZ: Der französische Philosoph Jean Baudrillard hat gesagt, man könne Menschen die grösste Demütigung zufügen, indem man ihnen bloss geben, aber nichts von ihnen nehmen wolle.
Mani Haghighi: Ja, ich kenne Baudrillard und liebe ihn. Im Vorfeld des Films beschäftigte ich mich jedoch mehr mit den Theorien von Marcel Mauss, der in seinem bahnbrechenden Buch «Die Gabe» den Austausch von Geschenken in archaischen Gesellschaften untersuchte, ein Austausch, der im Amazonasgebiet die Grundlage des ökonomischen Kreislaufs bildete. Dabei stellte er fest, dass niemals gegeben wurde, ohne etwas zurückzuerwarten. So wurde das Gleichgewicht der Kräfte aufrechterhalten. Aus dieser Perspektive erscheint Wohltätigkeit als eine Form der Gewalt: Wer jemandem gibt, ohne etwas zurückerhalten zu wollen, bekommt Macht über diese Person.

Den Wölfen zum Frass

Glasklar legt der Film die Mechanismen der Manipulation frei. Das gipfelt in der Szene, in der ein Dorfschullehrer, der mühevoll versucht, in der eisigen, harten Erde ein Grab für sein totes Kind zu schaufeln, dazu gebracht werden soll, das Geld anzunehmen – unter der Bedingung, dass er die Leiche des Säuglings den Wölfen zum Frass überlässt. Eine Spirale von Überredungskunst, Versprechungen, Angstmacherei und emotionaler Erpressung bringt den Lehrer dazu, auf das Spiel einzugehen. Er nimmt das Geld und rennt davon.

Haghighi: Jede Szene ist ein Symbol oder eine Metapher für den Vorgang der Manipulation. Man könnte den Film in dem Sinne lesen, wie sich der Mann und die Frau daran erfreuen, Macht über andere zu bekommen. Mich interessiert aber auch eine andere Lesart: Könnte es sein, dass zwei Personen unterwegs sind, auf der Suche nach dem perfekten Menschen, der sich nicht manipulieren lässt und in diesem Kampf nicht unterliegen wird? So gibt es ganz unterschiedliche Möglichkeiten, den Film zu interpretieren. Ich liebe es, dem Publikum Fragen zu stellen und herauszufinden, wie die Zuschauer den Film aus ihrem ganz persönlichen Kontext heraus sehen.

WOZ: Die Geschichte von «Modest Reception» könnte irgendwo handeln, das Thema ist universell. Warum haben Sie sich entschieden, den Film im Iran zu drehen?
Haghighi: Ich wollte an einem Ort drehen, an dem die Klassenunterschiede zwischen wohlhabenden und armen Leuten auf den ersten Blick sichtbar sind. Im Iran ist es noch eher möglich, aufgrund der äusseren Erscheinung zu erkennen, in welchen Verhältnissen jemand lebt. Auch in westlichen Ländern gibt es sehr arme Leute, aber oft unterscheiden sie sich äusserlich nicht sehr von Personen aus dem Mittelstand. Im Iran findet man noch eher Typen, die rein äusserlich leicht einem bestimmten Milieu zuzuordnen sind: den Schäfer, den Arbeiter, den Banker. Dieses visuelle Konzept gehört zur Ästhetik des Films.

Taraneh Alidoosti: Die Frau ist ein gutes Beispiel. Sie wirkt in dieser wilden Umgebung auf den ersten Blick fremd, verrückt, extravagant und provozierend wohlhabend. Als ich das Kostüm zum ersten Mal angezogen habe, waren die Leute vor Ort extrem irritiert. Sie konnten nicht verstehen, was eine solche Frau in einer solchen Umgebung zu suchen hat. Eigentlich sind die Leute es ja gewohnt, dass Filmemacher aus der Stadt in die Berge fahren und dort ihre Filme mit ansässigen Laien drehen – es gibt diesbezüglich im Iran, vor allem durch Abbas Kiarostami und Mohsen Makhmalbaf, eine lange Tradition.

Haghighi: Alle unsere Darsteller waren aber professionelle Schauspieler. Wir konnten unsere Geschichte den Leuten vor Ort nicht zumuten, sie ist viel zu direkt. So informierten wir auch niemanden über den Inhalt unseres Films. Einzig die vielen kopierten Banknoten erregten grosses Aufsehen.

Radikal ungefällig

Ausgehend von einer einfachen Konstellation wird das Experiment der Manipulation wiederholt und auf die Spitze getrieben. Es tut bisweilen ziemlich weh beim Zuschauen. Doch verdient der Film von Mani Haghighi grosse Anerkennung für den Verzicht auf jegliche Gefälligkeit, für seine formale Radikalität und den Willen, menschliche Abgründe auszuloten und in immer wieder neuen Variationen bis an ihre Grenzen zu gehen.

WOZ: Die ökonomische Situation für die Menschen im Iran hat sich in den letzten Jahren extrem verschlechtert. War das mit ein Grund, diesen Film zu produzieren?
Haghighi: Der Entscheid für diesen Stoff liegt viel länger zurück. Diese Gleichzeitigkeit ist eher ein Unfall – oder ein Zufall. Der Film ist keinesfalls ein Abbild der aktuellen Situation.

Wird er im Iran gezeigt?
Haghighi: Ja, und zwar zur selben Zeit wie in der Schweiz. Es gab Diskussionen mit den Zensurbehörden, daraufhin mussten wir sieben Sekunden herausschneiden: Auf einer der brennenden Banknoten war Ruhollah Khomeini, der Revolutionsführer und Gründer der Islamischen Republik, zu sehen.

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