Nr. 03/2010 vom 21.01.2010

«Wo sollen wir denn hin?»

Über eine Woche nach dem starken Beben liegen noch immer Verletzte und Tote auf den Strassen. Logistische Probleme erschweren die Hilfe. Die Menschen sind erschöpft, frustriert – aber auch solidarisch.

Von Hans-Ulrich Dillmann, Port-au-Prince

Es ist ein Wunder, dass Altagrace Nazé überlebt hat. Jetzt steht die 22-Jährige völlig verstört an einer Strassenecke der Rue des Miracles, der «Strasse der Wunder». «Gott hat mich gerettet», sagt die Mutter eines dreijährigen Sohnes, während sie sich hilflos zwischen umgestürzten Marktständen umschaut und vom Moment berichtet, als sie dem Tod entrann.

Altagrace Nazé verkaufte wie jeden Tag Billigkleider in der Nähe des bekannten Marché du Fer, des Zentralmarktes von Port-au-Prince. Reich wurden sie und ihre Familie damit nicht, aber es genügte für den Lebensunterhalt, für Essen und Kleider. Dann bebte am Dienstag vergangener Woche um 16.53 Uhr (22.53 Uhr Schweizer Zeit) die Erde und zerstörte die Strasse, an der Altagrace Nazé ihren kleinen Stand besass.

Graben mit Dosen

Menschen schrien in Panik auf, und plötzlich spürte Altagrace Nazé einen heftigen Schlag am Kopf. Taumelnd sprang sie mitten auf die Kreuzung. Mauern stürzten mit lautem Getöse in sich zusammen. Ganze Strassenzeilen kollabierten durch die Erschütterung, die vom Erdbeben ausgelöst wurde, dessen Epizentrum rund fünfzehn Kilometer entfernt war. Wie durch ein Wunder entging sie dem Schicksal der Marktfrauen, die neben ihr sassen. «Rechts und links von mir wurden alle erschlagen», sagte sie und ringt um ihre Fassung. Noch immer schreckt sie bei jedem Geräusch auf und schaut sich ängstlich um.

Wie betäubt rannte Nazé kilometerweit durch die Strassen zu ihrem Haus im Armenviertel Carrefour, in dem sie Kind und Ehemann wusste. Ihr Mann, der zum Zeitpunkt des Bebens im Hause war, wurde von den Steinmassen erschlagen, ihr dreijähriger Sohn hat überlebt.

Brauchbare Waren finden sich nicht mehr im Marktareal von Port-au-Prince, einem zuvor besonders lebendigen und quirligen Teil der haitianischen Metropole. Die Fassaden dieser Häuser lassen erkennen, dass das Viertel schon bessere Zeiten gesehen hat – vor vielen Jahrzehnten. In den Trümmern eines Eckhauses graben junge Männer mit einer Milchpulverdose nach Verwertbarem. In einer Ecke schwelt ein Feuer, davor sieht man eine Leiche, die zu einer schwarzen Masse verbrannt ist und aus der ein Armknochen in den Himmel ragt. Auf den Strassen, wo früher die «Tap-Tap» genannten Busse vor lauter Menschen Schwierigkeiten hatten, sich einen Weg zu bahnen, ist es fast menschenleer. Immer mehr verwandelt sich das einstige Zentrum zur Gespensterstadt, über der inzwischen ein unerträglicher Totengeruch hängt.

Vier Tage nach dem Beben steht Altagrace Nazé wieder in der «Strasse der Wunder». Unruhig blickt sie auf das fast surreale Bild, dass sich ihr bietet. Sie will nachsehen, ob noch etwas von ihrem Stand und den dort zurückgelassenen Waren zu finden ist. «Ich habe gehofft, etwas retten zu können», sagt sie. Aber von ihren Sachen ist nichts mehr zu sehen. «Was soll ich jetzt machen?», fragt sie verzweifelt.

Sinnbild der Krise

Durch das Zentrum der Hauptstadt zieht sich eine staubige Schneise der Zerstörung – vom Meer bis zu den kühleren Bergen im Vorort Pétionville. Dort haben viele wohlhabende HaitianerInnen ihren Wohnsitz und Botschaften verschiedener Länder ihre Residenz. Rund um den normalerweise in leuchtendem Weiss in der Sonne strahlenden Sitz des haitianischen Staatspräsidenten sind zahlreiche Gebäude eingestürzt. Das Finanzamt: eine Schutthalde. Der Finanzminister wurde tot geborgen. Das Aussenministerium: ein Abrissgelände. Das Justizministerium: auf einen Steinhaufen reduziert. Im Ministerbüro starben der Chef der Behörde Paul Denis und der bekannte Universitätsprofessor und führende Sozialdemokrat Micha Gaillard. Von der berühmten Hauptkathedrale an der Rue Pétion stehen nur noch die Grundmauern. Joseph-Serge Miot, der Erzbischof von Port-au-Prince, starb in seinem Büro. Aus dem teilzerstörten Gefängnis sind die rund 5000 Gefangenen geflohen – einige sind für die vereinzelten Plünderungen verantwortlich, die sich im Stadtzentrum ereignen.

Der dem Kapitol in Washington nachempfundene Präsidentenpalast ist unter den Schockwellen der Erschütterung zusammengebrochen. Nur die schusssicheren Fenster haben die linke Kuppel davon abgehalten, auch das Amtszimmer von Staatspräsident René Préval zu zermalmen. Er konnte sich retten.

Der Regierungssitz ist über die ganze Länge eingestürzt. Die mächtige Mittelkuppel, auf der jeden Tag stolz die blau-rote Fahne der ersten unabhängigen Republik in Lateinamerika aufgezogen worden ist, knickte einfach nach unten  – und jeden Tag rutscht sie weiter ab auf den Rasen vor dem Gebäude, der mit Schutt überladen ist. Der Regierungspalast wird den Staatschef wohl über Jahre nicht mehr beherbergen können  – die dieses Jahr anstehenden Wahlen werden vermutlich verschoben.

Der Zusammenbruch der Staatsgebäude ist auch Sinnbild für die Krise, die das Land seit Jahrzehnten durchlebt. Finanziell hängt Haiti am Tropf internationaler KreditgeberInnen. Politisch ist das Land zu einem unregierbaren Gebilde geworden – zur Beute der einheimischen PolitikerInnen und zum Spielball von Nationen wie den USA, die das soziale Pulverfass des Krisenlands angeblich vor der Explosion bewahren wollen. Der Staat ist enthauptet. Préval meldet sich erst am Tag nach dem Erdbeben in einem Interview im «Miami Herald» zu Wort – kein Zeichen von «Leadership» in Krisenzeiten.

Ordnung im Chaos

Die seit 2004 in Haiti stationierte Uno-Friedentruppe ist ebenfalls kaum noch präsent. Das Hauptquartier der Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Haiti (MINUSTAH) wurde völlig zerstört. Über 200 Angestellte werden noch immer unter den Trümmern des Gebäude vermutet. Sie haben so gut wie keine Überlebenschancen mehr. Der Leiter der Uno-Mission, Hédi Annabi, wurde tot geborgen. Selbst die Blauhelmsoldaten mussten mit blossen Händen nach den eingeschlossenen MINUSTAH-MitarbeiterInnen suchen. So blieb nach dem Beben die erste und wichtigste Hilfe aus, weil die internationalen HelferInnen selbst zu Opfern der Katastrophe wurden.

Während die staatliche Autorität in jeder Hinsicht zusammengebrochen ist und die MINUSTAH keine Handlungsfähigkeit demonstriert, versuchen sich die Opfer selbst zu organisieren – und fast manisch Ordnung in das Chaos und Elend zu bringen. Eine Frau kehrt mit einem Strohbesen in der Strassenrinne Schmutz und Plastiktüten zusammen. Frauen zerkleinern Yamswurzeln und Maniok, und über einem offenen Feuer brodelt eine Sauce aus Tomatenmark, in dem Hähnchenknochen schwimmen.

Staatliche Hilfe gibt es nicht – auch nicht eine Woche nach dem Beben. «Bis jetzt hat sich keiner bei uns blicken lassen», schimpft Petit-Hommes Herold, der in der Umgebung des Präsidentenpalastes lebt. «Wir sind erschöpft. Wir können nicht schlafen, weil uns die Gedanken an unsere verstorbenen Verwandten im Kopf herumgeistern.» Das Trinkwasser aus Tankfahrzeugen wird von internationalen nichtstaatlichen Organisationen in den Notlagern verteilt. In manche Regionen des Südens, die ebenfalls schwer vom Beben betroffen sind, konnten HelferInnen erst am Wochenende vordringen.

Es ist kaum vorstellbar, dass sich Haiti von der Erschütterung, die sich auch im sozialen, politischen, kulturellen und finanziellen Bereich fortsetzen wird, in kurzer Zeit erholen kann. «Die Situation war schon vorher katastrophal», sagt Michael Kühn, der Leiter der Deutschen Welthungerhilfe. «Ich hatte mir nicht vorstellen können, dass sich das noch steigern liesse.»

Haiti ist schon seit Jahrzehnten das Armenhaus Lateinamerikas. Nach wie vor müssen achtzig Prozent der neun Millionen HaitianerInnen mit weniger als umgerechnet zwei Franken pro Tag auskommen, rund 3,5 Millionen Menschen haben zum Überleben gar weniger als einen Franken. Die wenigen Fabriken in Port-au-Prince, in denen BilliglohnarbeiterInnen Kleidung herstellten, sind zerstört. Das restliche Wirtschaftsleben ist auf Jahre paralysiert.

Campieren vor dem Palast

Der Champs de Mars, der grosse Platz vor dem haitianischen Kapitol, hat sich sechs Tage nach dem Beben in eine Zeltstadt verwandelt. Obdachlose Familien haben provisorisch Planen an die Fahnenstangen gespannt, um sich vor der sengenden Sonne zu schützen. Bella Beldom ist ausser sich: «Keiner kommt und hilft uns. So müssen wir leben», sagt sie und zeigt auf die dünne Matte, auf der sie seit dem Unglückstag schläft.

Auch Marie-Claude Joseph campiert vor dem Präsidentenpalast – bereits seit den frühen Abendstunden nach dem Erdbeben. Ihr Haus war innert Sekunden eingestürzt. «Ich habe vergeblich gehofft, dass es hier was zu essen gibt», sagt Marie-Claude Joseph bitter. «Aber die Regierung hat ja auch schon vorher nichts für uns getan.» Neben ihr putzt sich eine Frau die Zähne, eine andere ist dabei, ihrer kleinen Tochter Zöpfe zu flechten.

Umso wichtiger ist die Solidarität unter den Betroffenen. Die rund 6000 Menschen, die sich vor dem Regierungspalast niedergelassen haben, teilen sich die wenigen Lebensmittel, die sie zur Verfügung haben – die Armen stehen in der Not zusammen wie selten zuvor in der Geschichte des Landes.

In der Rue Pavée wechselt eine mit Sonnenenergie betriebene Ampel auf Rot – doch niemand achtet darauf. Auch nicht der Schreiner, der auf einer Karre einen Holzsarg vor sich herschiebt. Er geht einfach weiter. Noch immer liegen viele Leichen auf den Strassen. Die von mobilen Ärzteteams notdürftig versorgten Verletzten sind ebenfalls seit Tagen auf den Strassen und warten auf einen Transport in eines der wenigen Spitäler, die noch funktionieren.

Bestatten, beten, handeln

Sargmacher haben derzeit Hochkonjunktur, auch wenn inzwischen viele Leichen mit Schaufelbaggern von der Strasse entfernt und im Norden der Stadt in Massengräbern beigesetzt werden – bis jetzt habe die Regierung rund 75 000 Tote bestattet.

Oberhalb von Port-au-Prince auf der belebten Place Saint-Pierre in Pétionville wird gebetet. Die melodischen Gesänge beginnen noch vor Sonnenaufgang. Und auch nach Einbruch der Dunkelheit wird Gott lauthals angefleht, dass er die Erde nicht wieder so erbeben lasse, wie an dem Tag, als selbst massive Betongebäude wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen. Mutmachen ist angesagt inmitten des Chaos, in dem Haiti zu versinken droht.

«Wo sollen wir den hin», fragt Jean-Bernard Tata verzweifelt, der mit seinen Kindern auf einer Decke kauert. Der Fuss des Jüngsten ist dick geschwollen, vielleicht gebrochen. Dem Kind ist ein Steinbrocken auf den Fuss gefallen. Neben Tata steht ein Paar, das sich umarmt. Ein Finger des jungen Mannes ist dick, bläulich und aufgeschnitten – doch es gibt hier Leute, die schlimmer verletzt sind, und ein Arzt hat sich bisher nicht blicken lassen. Seit Dienstag lebt die fünfköpfige Familie Tata in der Zeltstadt im Zentrum von Pétionville, die immer weiter anwächst. «Mein Haus oberhalb von Pétionville ist zerstört», sagt der Vater. «Aber hier gibt es wenigstens keine grossen Bäume oder Gebäude, die gefährlich sind.»

Rund tausend Menschen campieren inzwischen auf dem Kirchenvorplatz. Die Grünanlage an der Sankt-Peter-Kirche war auch an normalen Tagen ein Anziehungspunkt für die Menschen der Vorstadt. Auf dem am nördlichen Rand des Parks gelegenen Marché des Fleurs werden Blumengestecke und Pflanzen angeboten. Und auch Geldwechsler locken wie an anderen Tagen mit ihren Banknotenbündeln. Dass eine Krise oder Katastrophe stattgefunden hat, merken die Tauschwilligen nur daran, dass die Wechsler jeden Tag weniger haitianische Gourdes für einen US-Dollar zahlen. Vor dem Erdbeben waren es 42 Gourdes, inzwischen sind es noch 36.

Auch in der Zeltstadt, in der die Familie von Jean-Bernard Tata eine Bleibe gefunden hat, sind die Preise in den letzten Tagen gestiegen. Lauthals streitet sich ein Cola-Verkäufer mit einem Kunden um den Preis. «Wieso willst du jetzt zwanzig Gourdes mehr?», schimpft der durstige Mann. «Sie sind schliesslich eisgekühlt», blafft der Händler zurück. Auch für einen Teller mit Reis und Bohnen, angereichert mit einer Fettsauce und Hühnchenknochen, muss man statt rund 35 Rappen inzwischen fast das Doppelte zahlen.

Vor den Büros der Hilfsorganisationen und den Hotels, in denen ausländische JournalistInnen wohnen, lungern Männer mit winzigen Digitalkameras ausgerüstet, die ihre Dienste als Fotografen anbieten. Andere, die ein paar Brocken holpriges Englisch sprechen, wollen sich als Dolmetscher verdingen. Jeder und jede versucht in der aktuellen Situation, sein Geschäft zu machen und über die Runden zu kommen.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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