Nr. 40/2012 vom 04.10.2012

Ein Museum reicht da nicht

Wie Bilbao, die grösste Stadt des Baskenlands, von der stinkenden Agglomeration der Schwerindustrie zum schicken Kultur- und Dienstleistungszentrum wurde. Ohne militante Gewerkschaften wäre das nicht gelungen.

Von Toni Keppeler

Von der anderen Seite des Flusses sieht es aus wie ein riesiges silbrig glänzendes Schiff, das soeben gestrandet ist und nun zerbricht. Der Eindruck ist gewollt. Das Guggenheim-Museum von Bilbao, am linken Ufer des Nervión gelegen, ist das wohl bedeutendste und bekannteste Beispiel dekonstruktivistischer Architektur, ein Werk des kanadisch-US-amerikanischen Stararchitekten Frank O. Gehry.

In Bilbao nennt man den Nervión nur «la ría». «Ría» steht für den Mündungsbereich eines Flusses ins Meer, aus dem bei Ebbe das Süsswasser abfliesst und bei Flut das Salzwasser hereindrängt. Das Museum ist vom Atlantik gut zehn Kilometer entfernt, und doch ist der Tidenhub noch deutlich erkennbar. Vor 25 Jahren gehörten grosse Schiffe hier zum alltäglichen Bild. Heute sieht man nur noch Ausflugsdampfer und Ruderboote.

StädteplanerInnen kennen das Museum vom «Guggenheim-Effekt»: Das avantgardistische Gebäude und die darin präsentierte moderne Kunst ziehen Jahr für Jahr über eine halbe Million BesucherInnen an – ein Geldmagnet für das Dienstleistungsgewerbe der Stadt.

Fast das gesamte letzte Jahrhundert über galt Bilbao als Metropole der Schwerindustrie und wurde von TouristInnen am liebsten weiträumig umfahren. Schwarze, schmutzige Strassenzüge und – je nachdem, wie der Wind stand – graue oder giftig-gelbe Luft. In der öligen Ría gab es längst keine Fische mehr. Dann, Ende der siebziger Jahre, begann das grosse Fabrikensterben. Innerhalb von fünfzehn Jahren verschwand fast die gesamte Schwerindustrie. Rund 100 000 Arbeitsplätze gingen verloren.

Doch 1997 wurde das Guggenheim-Museum eröffnet, und plötzlich galt die Stadt als schick. Bilbao wird heute als gelungenes Beispiel postindustrieller Konversion gefeiert: wie sich eine 350 000 -Einwohner-Stadt innerhalb weniger Jahre von einer schweissgetränkten, stinkenden Fabrikenagglomeration in ein blühendes Zentrum von Dienstleistungen und Kultur verwandelt. Mit der Hilfe des Guggenheim-Effekts eben: Man stellt ein avantgardistisches Gebäude in die Landschaft, füllt es mit Kunst, und alles wird gut. Als ob das so einfach wäre.

Drei Tage Folter

Auf der anderen, meist schattigen Seite der Ría, fast auf Höhe des Museums, ist noch heute ein Posten der Guardia Civil, jener während der Franco-Diktatur und auch noch danach so gefürchteten Polizeitruppe. Ein Gebäude in einer Häuserzeile der Gründerzeit, etwas heruntergekommen und mit der im Baskenland nicht gerne gesehenen spanischen Flagge davor. Iñaki Markiegi (vgl. Kasten) wurde hier vor gut dreissig Jahren für drei Tage festgehalten und gefoltert, mit Schlägen und Elektroschocks. Seither hört er auf dem linken Ohr fast nichts mehr und hat Probleme mit den Augen.

Sein Arbeitsplatz war damals nur ein paar Schritte entfernt von dem Ort, an dem heute das Guggenheim-Museum steht. Markiegi hat Schiffsmotoren in der Werft Euskalduna montiert, die zu ihren besten Zeiten mehr als 10 000 Männer und Frauen beschäftigte. Er war Gewerkschafter im linken Colectivo Autónomo de Trabajadores (Autonomes Kollektiv der Arbeiter, kurz: CAT), das während der Franco-Zeit im Untergrund arbeitete und danach während des sogenannten Übergangs zur Demokratie in Opposition zu den Gewerkschaften stand, die mit der sozialistischen oder kommunistischen Partei verbandelt sind. Letztere hatte den parteienübergreifenden Pakt von Moncloa von 1977 akzeptiert, ein gemeinsames Bekenntnis zur kapitalistischen Marktwirtschaft und zur bürgerlichen Demokratie, das als Vertragswerk auch ein harsches Sparprogramm vorsah. Das CAT empfand die Zustimmung anderer Gewerkschaften zu diesem Pakt als Verrat.

Das CAT war aus Arbeiterräten entstanden, die Ende der Sechziger im Geheimen gegründet worden waren. «Fast die gesamte Schwerindustrie Bilbaos war damals in staatlicher Hand, und die staatlichen Fabriken waren ein Hort der politischen Gewerkschaftsbewegung», erzählt Markiegi. Die Arbeiterräte verstanden sich als kommunistische Bewegung, unabhängig von der kommunistischen Partei. «Wir waren am Anfang sehr wenige, und wir waren sehr jung. Aber wir wurden nicht vom Gewicht alteingesessener Funktionäre erdrückt, weshalb wir flexibler und kreativer waren.»

Als 1984 die sozialistische Regierung unter Ministerpräsident Felipe González die Schliessung der Euskalduna-Werft ankündigte, stand das CAT an der Spitze des militanten Widerstands. Vier Jahre lang wurde Bilbao zum Schlachtfeld, auf dem GewerkschafterInnen hinter brennenden Barrikaden mit Schleudern, Stahlkugeln und Molotowcocktails und die Sicherheitskräfte auf der anderen Seite mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und manchmal auch mit scharfen Schüssen kämpften. «Wir waren davon überzeugt, dass wir den Kampf gewinnen könnten», sagt Markiegi.

Die Schwerindustrie hat im Baskenland Tradition. Im Hügelland im Westen von Bilbao wird seit Jahrhunderten Eisenerz aus dem Boden geschürft. Um die Wende zum 20. Jahrhundert entstanden die ersten Hochöfen, Hüttenwerke und Werften, es folgte eine Lokomotivfabrik. Ihren Höhepunkt erreichte die Industrialisierung von den sechziger Jahren bis Mitte der Siebziger. Für Diktator Franco waren die Fabriken von Bilbao von strategischer Bedeutung. Neben der auf Handelsschiffe spezialisierten Euskalduna-Werft stand ein paar Kilometer weiter flussabwärts eine fast doppelt so grosse Werft für die Kriegsmarine. Um diesen staatlichen Sektor herum waren mittelständische Betriebe entstanden, die alles machten, was aus Stahl und Blech zu machen ist: Teile für die Automobilindustrie, Waffen, Haushaltsgeräte.

Parks statt Fabriken

Nach Ende der Diktatur und mit der Integration Spaniens in die Europäische Gemeinschaft waren Stahlindustrie und Werften dem Weltmarkt ausgesetzt und nicht mehr konkurrenzfähig. Ministerpräsident González und seine sozialistische Partei zogen daraus eine Konsequenz im Sinn des Pakts von Moncloa: Schliessen! Der Kampf der Gewerkschaften dagegen war lang und hart und ging trotzdem verloren. Die Werft Euskalduna wurde 1988 geschlossen, an sie erinnert heute nur noch der ein paar Hundert Meter vom Guggenheim-Museum entfernt stehende Euskalduna-Palast, ein Konzert- und Tagungszentrum und ein weiteres Beispiel postmoderner Spitzenarchitektur. Der grösste Saal ist einem Schiffsrumpf nachempfunden, die Fassade erinnert mit viel oxidiertem Stahl noch immer an eine Werft. Zwei Docks und ein Kran wurden erhalten, genauso wie ein letzter Hochofen, der ein paar Kilometer weiter als Industriedenkmal steht. Nur in der Werft der Kriegsmarine arbeiten noch immer 400 Männer und Frauen – einst waren es fast 20 000 .

«Keiner der Entlassenen blieb auf der Strasse», sagt Iñaki Markiegi, «wir haben alle untergebracht.» Etwa die Hälfte kam in den Fabriken der mittelständischen Industrie unter, andere fanden Arbeit im Hochseehafen, der draussen am Ende der Ría gebaut wurde. Immerhin ein kleiner Erfolg des militanten Drucks.

Bilbao hat sich mit dem Ende der Schwerindustrie verändert. Wo früher Fabriken qualmten, sind heute öffentliche Parks mit Sportplätzen, Schwimmbädern und eben Museen. Die Stadt ist grün und luftig. Auch das ist letztlich ein Erfolg des gewerkschaftlichen Kampfs. «Die Arbeiter waren gut organisiert», erinnert sich Markiegi. «Viele gingen nach ihrer Entlassung in die Stadtteilkomitees und machten Druck auf die Gemeindeverwaltung.» Und die wusste nach Jahren der Strassenschlachten, was passieren kann, wenn sie nicht nachgibt.

Es wäre einfach gewesen, die Flächen der Industriebrache zu privatisieren und Boden- und BauspekulantInnen Reibach machen zu lassen. In anderen Gegenden Spaniens ist das passiert. In Bilbao aber regierte damals und noch heute die konservative baskisch-nationalistische PNV. Allein der Wille zur Machterhaltung gebot es, auf die zwar gewerkschaftlich links orientierten, aber eben auch baskisch-nationalistischen Nachbarschaftskomitees Rücksicht zu nehmen. Und die forderten nicht nur Parks, sondern auch Schulen und Krankenstationen und Altersheime in den Arbeitervierteln. Geld war vorhanden: Die EU überwies ihrem neuen Mitglied umgerechnet mehr als 100 000 Franken für jeden gestrichenen Arbeitsplatz. «Brüssel war ein Goldesel für Spanien, und in Bilbao gab es eine gut organisierte, wache Bevölkerung und deshalb weniger Korruption als anderswo», sagt Markiegi. Die Stadt bekam so eine diversifizierte Wirtschaft, die auch in den heutigen Krisenzeiten relativ gut dasteht: Die Arbeitslosigkeit ist mit elf Prozent nur halb so hoch wie im spanischen Durchschnitt. Und Bilbao bekam eine einzigartige soziale Infrastruktur. Die Kulturmeile entlang der Ría ist nur ihr sichtbarster und bekanntester Ausdruck.

Es braucht eben mehr als ein spektakuläres Museum für den Guggenheim-Effekt: günstige Ausgangsbedingungen wie eine staatliche Schwerindustrie, deren Verschwinden öffentliche Flächen hinterlässt. Es braucht Geld und eine öffentliche Verwaltung, die empfänglich ist für politischen Druck. Und es braucht eine gut organisierte Bevölkerung, die diesen Druck auch ausübt. Der militante doch letztlich verlorene Kampf um den Erhalt der Werft Euskalduna hat diese Voraussetzung geschaffen.

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