Nr. 42/2012 vom 18.10.2012

Der zensurierte Grasshopper

Etrit Hasler über unerwünschte Fragen beim Schweizer Fussballrekordmeister.

Armer Grasshopper Club Zürich (GC). Es gab in der Vergangenheit immer genügend Gründe, auf dem tief gefallenen Bonzenklub herumzuhacken: unfähige Vereinsleitungen, die auf die leeren Versprechungen von Bauernfängern wie Volker Eckel hereinfielen, zum Beispiel. Oder die Tatsache, dass es dem Klub finanziell so schlecht ging, dass er sich ernsthaft überlegen musste, in den Rüeblikanton Aargau umzuziehen. Und nicht zuletzt die kleine Anekdote des Schreibers dieser Zeilen: Ich wurde aus der GC-Jubiläumsschrift ausgeladen, weil ich erwähnt hatte, dass mir Karl Rappan, langjähriger GC-Trainer und Mitglied der NSDAP, bis heute die Galle den Hals hochtreibt. «Nun gut», mag man sagen, «die antisemitische Vergangenheit des Vereins ist ja auch lange her.» Doch seit neustem ist es anscheinend nicht einmal mehr erlaubt, über Dinge zu sprechen, die letztes Jahr geschehen sind.

Stein des Anstosses sind diesmal die Radiokommentatoren Jaan Schaller und Lukas Bollhalder vom St. Galler Alternativradio toxic.fm, die mit ihrer Sendung «Adrenalin» in der Ostschweiz Kultstatus geniessen. Seit fast zehn Jahren berichten die beiden «Spassvögel» («NZZ am Sonntag») live über jedes Spiel des FC St. Gallen (FCSG) und liefern dabei «erfrischende bis grenzdebile Analysen», meistens biergeschwängert, laut und saufrech. Zu frech für den neuen GC-Medienchef, Adrian Fetscherin: Bollhalder und Schaller interviewten ihren Lieblingstrainer Uli Forte Anfang August anlässlich seiner Rückkehr nach St. Gallen – diesmal als Trainer des Grasshopper Clubs Zürich. Sie fragten ihn, ob er denn nicht einen Schleudersitz übernommen habe bei einem Verein, den letzte Saison fast das gleiche Schicksal wie Neuchâtel Xamax ereilt habe (sprich: Konkurs und Abstieg in eine Amateurliga). Daraufhin versuchte Fetscherin, das Interview abzubrechen (im Hintergrund ruft er: «Das ist doch Unsinn, völlig jenseits!»). Uli Forte führte das Gespräch mit den beiden ungerührt zu Ende – wohl auch aus Loyalität zu den beiden Fans, die auch dann noch fleissig mit ihm Bier tranken, als er nirgends mehr Trainer war und sich sonst kaum jemand mehr für ihn interessierte.

Fetscherin liess die Sache nicht auf sich beruhen. Beim Rückspiel überprüfte er die Akkreditierung von Schaller und Bollhalder, forderte Arbeitsnachweise an (obwohl das «Adrenalin»-Team seit fast zehn Jahren an jedem Spiel des FCSG in Zürich gewesen war) und verbot ihnen schliesslich, mit GC-ExponentInnen zu reden. «Das ist richtig. Der Grund waren respekt- und niveaulose Fragen der Mitarbeiter beim Spiel des GC in St. Gallen an Cheftrainer Uli Forte», bestätigt Fetscherin auf Anfrage. Nun, wie knapp GC 2011 am Konkurs vorbeischrammte, weiss tatsächlich niemand so genau.

Dass Adrian Fetscherin so hysterisch reagiert, mag man ihm aufgrund seiner Vergangenheit verzeihen: Der Sportjournalist hatte 2003 als Gründer des Internetportals sportradio.ch angefangen und war nach dem Verkauf der Seite an die Swisscom bei Teleclub eingestiegen – einer Swisscom-Tochter. Im Mai 2012 stieg er beim Eishockeyklub Kloten als Geschäftsführer und Grossaktionär ein, indem er dem ehemaligen Präsidenten, Jürg Bircher, dessen Aktienpaket für 750 000 Franken abkaufte – ein «Grossteil meines persönlichen Vermögens», wie er später der NZZ erzählte. Knapp einen Monat später war das Aktienpaket nichts mehr wert und Fetscherin verliess den Verein. Kein Wunder, ist er sensibel, wenn es um finanzielle Pleiten geht. Aber dass er deshalb auf zwei Berufskollegen herumhacken muss, ist doch fragwürdig. Immerhin fingen sie einmal am selben Ort an: Bereits 2004 berichtete die «NZZ am Sonntag» unter dem Titel «Radio hautnah – bis ‹die Leute in die Tischkante beissen›» über zwei neue Sportradioformate: über Fetscherins sportradio.ch sowie über das «Adrenalin»-Team Jaan Schaller und Lukas Bollhalder.

Das Interview mit Uli Forte: 
www.tinyurl.com/forte-inti

Etrit Hasler möchte festhalten, dass er nichts gegen GC hat. Zum Geburtstag des Vereins schrieb er: «Kein anderer Spitzenverein hat zuletzt so konsequent darauf gesetzt, jungen Spielern eine Chance zu geben.» Aber beim Thema «Zensur» versteht er keinen Spass.

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