Nr. 08/2019 vom 21.02.2019

Und dann solls doch der Staat richten

Der Handball-Traditionsklub Pfadi Winterthur siecht vor sich hin. Jahrzehntelang sorgte ein freisinniger Mäzen für sportliche Erfolge und deckte alle Defizite. Nach dessen Abgang ging es finanziell bergab. Nachruf auf ein fragwürdiges Erfolgsmodell.

Von Etrit Hasler

Hat der Krampf bald ein Ende? Pfadi Winterthur in roten Trikots am 21. Mai 2018 gegen Wacker Thun. Foto: Melanie Duchene, Keystone

Am Ende bleiben die Geschichten über die goldenen Zeiten. Wie Pfadi Winterthur in den neunziger Jahren die Schweizer Handballmeisterschaft regelrecht dominierte, mit neun Titeln in zwölf Jahren und einer Serie von 37 Partien ohne Niederlage zwischen 1996 und 1997. Wie man sich regelmässig auf Augenhöhe mit den Grössen des europäischen Handballs messen konnte: Barcelona und Göteborg, Kiel und Minsk. Und natürlich die Erzählung über das «geraubte Spiel», den Champions-League-Viertelfinal gegen Badel Zagreb im März 1998. Ein Spiel, das von zwei russischen Schiedsrichtern so einseitig gepfiffen wurde, dass es heute als eines der ersten in einer langen Reihe von Manipulationsskandalen gilt, die den internationalen Handballsport seit Jahren immer wieder erschüttern.

Der grosse Filz

Heute steht Pfadi Winterthur vor dem Aus. Der Verein hat einen Schuldenberg von 1,5 Millionen Franken angehäuft. Angekündigte Rettungsversuche, bei denen anonyme GönnerInnen eine Million Franken einschiessen sollten, scheiterten. Ausserdem löste der Hauptsponsor, die Nägele Betonfertigteil- und Transportbetonwerk GmbH, den Sponsoringvertrag letzte Saison vorzeitig auf, und weitere SponsorInnen reduzierten ihr Engagement. Im Januar teilte der Verein schliesslich mit: «Um die Saison 2018/19 zu Ende spielen zu können, fehlen derzeit mindestens 400 000 Franken.» Wie die NZZ damals schrieb, war diese Entwicklung abzusehen gewesen, hatte der Verein doch schon seit Jahren Defizite in sechsstelliger Höhe budgetiert.

Wer sich in Winterthur umhört, wie es mit dem Traditionsklub so weit kommen konnte, landet immer beim selben Namen: Peter Spälti. Der Winterthurer verkörperte den Zürcher Freisinn wie kein Zweiter. Kaum ein Männerklub, an dem Spälti nicht in irgendeiner Form beteiligt gewesen wäre: Seine politische Karriere begann in den sechziger Jahren im Gemeinderat von Hettlingen und führte ihn über den Zürcher Kantonsrat schliesslich bis in den Nationalrat (1983–1991).

Beruflich machte sich der FDP-Politiker als «Spitzenmanager» einen Namen, er war lange Jahre CEO der Winterthur Versicherungen, Vizepräsident der Credit Suisse (an die er 1997 unter grosser Kritik in seiner Heimatstadt die Winterthur Versicherungen verschacherte) und Mitglied des Bankrats der Schweizerischen Nationalbank. Ausserdem sass Spälti im Verwaltungsrat bei Sulzer und der Bauunternehmung Corti AG sowie im Vorstand von Economiesuisse und war Oberst im Generalstab der Schweizer Armee – und natürlich: ehemaliger Torwart bei Pfadi Winterthur. Spälti selber fand diese Verbandelungen zu keiner Zeit problematisch. So sagte er noch 2002 der «Handelszeitung»: «Nicht alle Querverbindungen in der Wirtschaft sind a priori schlecht. Filz beginnt erst dann zu stinken, wenn er lange Zeit in der Feuchtigkeit gelegen ist.»

Spälti wird gemeinhin der Aufstieg des ehemaligen Pfadfindervereins an die Spitze des Welthandballs zugeschrieben. Er war es, der den Sponsoringdeal mit den Winterthur Versicherungen einfädelte; er war es auch, der in seinem privaten Umfeld immer wieder GönnerInnen fand, um die selbst in den goldensten Jahren fehlenden Mittel (hinter vorgehaltener Hand wird von zwei bis vier Millionen Franken pro Jahr gesprochen) aus seinem privaten Vermögen einzuschiessen oder in Form von Sponsorenleistungen einzubringen. Er hat Spieler bei den Winterthur Versicherungen angestellt, obwohl diese als Profis für den Verein im Einsatz standen – eine Praxis, wie sie auch von anderen Klubs bekannt ist. So vermittelte der spätere CVP-Bundesrat Kurt Furgler Anfang der siebziger Jahre Josef Caniga, dem tschechischen Superstar des katholischen Handballvereins TSV St. Otmar, eine Arbeitsstelle bei der von ihm präsidierten City-Garage in St. Gallen – und übernahm damit faktisch dessen Lohn als Spieler.

Spälti war in guter Gesellschaft. Die achtziger und neunziger Jahre waren eine Zeit, in der sich grosse Figuren aus der Schweizer Wirtschaft bei den Sportvereinen die Türklinke in die Hand gaben und mit ihrem Geld dem Schweizer Sport die Illusion finanzierten, international an der Weltspitze mitmachen zu können. Es waren dieselben Jahre, in denen sich der Grasshopper Club Zürich, der heute auf dem letzten Tabellenplatz der Fussball-Super-League steht, im Schweizer Fussball als Macht hielt dank des Kapitals vom «Gärtner der Nation», Werner H. Spross, sowie von Credit-Suisse-Präsident Rainer E. Gut. In diese Zeit fällt auch das Engagement von Paul-Annik Weiller – einem aristokratisch wirkenden Industriellen, der mit Tankstellen, Hamburgerfranchisen und Autowaschanlagen Millionen verdiente –, der den einst glamourösen Fussballklub Servette Genf über Wasser hielt.

Das neue Jahrtausend brachte ein Ende dieser Sportillusion. GC geriet in die Hände von Trickbetrügern wie Volker Eckel und Blasenkapitalisten wie Romano Spadaro und André Dosé, dem ehemaligen CEO der Fluggesellschaft Crossair; Servette Genf ging Konkurs, und dessen ehemaliger Präsident Marc Roger wurde wegen ungetreuer Geschäftsführung und Urkundenfälschung verurteilt.

Ein bunter Reigen

In Winterthur begann derweil die Zeit der Defizite, als Spälti sich 2002 aus Geschäft, Öffentlichkeit und Sport zurückzog. Bereits in der Saison 2004, als Pfadi Winterthur den letzten Meistertitel feiern durfte, trat der Verein erstmals mit einem Defizit von 60 000 Franken vor die Medien. Ähnlich wie bei GC folgte ein bunter Reigen von Vorstands- und Präsidiumswechseln. Das Ganze blieb schlussendlich an Jürg Hofmann, dem Inhaber einer Ofenbaufirma, hängen, der 2014 den Verein übernahm und bereits im ersten Amtsjahr das finanzielle Desaster öffentlich machen musste.

Nachdem erste – private – Rettungsversuche gescheitert waren, wandte sich die Führung von Pfadi an die Politik: Ausgerechnet die öffentliche Hand sollte den Konkurs abwenden. Die Stadt Winterthur unterstützt die Nachwuchsabteilung von Pfadi bereits mit 25 000 Franken pro Jahr. Ein weiteres finanzielles Engagement für den «privaten Verein» lehnte der Winterthurer Stadtrat im Januar kategorisch ab. Kein Wunder, kämpft die Stadt doch selber damit, ihre Schulden abzutragen.

Pfadi bleibt im Regen stehen. Ab wann der Filz zu stinken begann, darauf kann Peter Spälti keine Antwort mehr geben. Er verstarb 2010.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch