Nr. 43/2012 vom 25.10.2012

Das Leben als Performance

Einen Tick zu eitel und theatralisch wirkt die Künstlerin Marina Abramovic in einem Film über sie. Gerade deshalb erlaubt er erhellende Einblicke in das Genre der Performance und den Kunstbetrieb als Ganzes.

Von Edith Krebs

Gleich zu Beginn des Films sehen wir Marina Abramovic bei einem Fotoshooting in ihrem New Yorker Loft. In verführerischen Posen inszeniert sie sich für die Kameras, eine Fotografin kann sich vor Begeisterung kaum zurückhalten: «This looks so beautiful», wiederholt sie immer wieder.

Im Frühling 2010 gibt es in der New Yorker Kunstwelt nur ein Thema: die spektakuläre Retrospektive der grossen Performancekünstlerin im Museum of Modern Art (Moma). Vom 14. März bis 31. Mai sitzt Abramovic während der Öffnungszeiten des Museums auf einem Holzstuhl insgesamt 1565 BesucherInnen gegenüber – stoisch und schweigend, 736 Stunden und 30 Minuten lang. «The Artist is Present» heisst die aufsehenerregende Schau, in der auch frühere Performances, sei es im Filmdokument oder als Wiederaufführung, zu sehen sind.

Im Rolls-Royce zur Performance

Die Dauerperformance im Moma steht auch im Zentrum des filmischen Porträts «Marina Abramovic: The Artist is Present» von Matthew Akers. Über Monate begleitet der Regisseur die Künstlerin bei den Vorbereitungen zu ihrer Mammutschau und erlaubt so einen erhellenden Blick sowohl in die Biografie der Künstlerin als auch hinter die Kulissen des Kunstbetriebs.

Der recht konventionell gemachte Film hinterlässt einen widersprüchlichen Eindruck: Zwar gelingt es ihm immer wieder, uns das Werk der Ausnahmekünstlerin näherzubringen. Er zeigt Ausschnitte aus früheren Performances, in denen sie oft an ihre Grenzen ging, sowohl körperlich als auch mental. Doch gerade die Passagen, in denen die Künstlerin direkt in die Kamera spricht, zeigen eine eitle, von Ehrgeiz besessene Person. Nach über vierzig Jahren harter Arbeit, nachdem die Leute sie als krank bezeichnet und sie am liebsten in eine psychiatrische Klinik verfrachtet hätten, komme nun endlich diese Anerkennung, gesteht sie überwältigt. «I am 63, I don’t want to be alternative anymore», meint sie unverblümt – und geniesst den Erfolg, wozu auch gehört, dass sie sich während ihrer Ausstellung täglich im Rolls-Royce ins Museum fahren lässt.

Das wäre weniger störend, wenn der divenhafte Auftritt nicht in krassem Gegensatz zu ihrem künstlerischen Credo stünde. In der Performance «The Artist is Present» beispielsweise inszeniert sich Abramovic in einer merkwürdigen Mischung aus Märtyrerin und Therapeutin. In eine nonnenähnliche Robe gekleidet und mit einem von Leiden gezeichneten Gesicht bringt sie das Publikum gleich scharenweise zum Weinen. Mitunter herrscht der Eindruck, man befinde sich mitten in einer esoterischen Sitzung, wo magnetische Kräfte wirken. Auf jeden Fall stehen die BesucherInnen vor dem Museum stundenlang Schlange, um ihrer Hohepriesterin leibhaftig zu begegnen; nicht wenige übernachten vor dem Museum, um am Morgen als Erste eingelassen zu werden. Eigenartig nur, dass Abramovic nur wenige Jahre zuvor eine Art Manifest aufsetzte, das unter anderen das Gebot enthielt: «Der Künstler sollte sich nicht zu einem Idol machen lassen.»

Ulay ging vergessen

Unangenehm berührt auch die für die Filmkamera inszenierte Wiederbegegnung mit ihrem langjährigen Partner Ulay (Frank Uwe Laysiepen), mit dem sie von 1976 bis 1989 zusammenlebte und in dieser Zeit unter dem Namen «Ulay & Abramovic» bekannt wurde. Obwohl die damaligen gemeinsamen Performances immer noch zu den stärksten gehören, die in Abramovics New Yorker Retrospektive zu sehen waren, scheint er in die Vorbereitung der Ausstellung nicht einbezogen worden zu sein. So stolpert er an der Eröffnung wie irgendein Gast von Werk zu Werk. «Wow» ist sein einziger Kommentar zu dieser seltsamen Veranstaltung. Von Ulay sind dann auch einige kritische Bemerkungen zu hören, etwa dass sich Abramovic nach ihrer Trennung dem Theater zuwandte, weil dort, im Gegenteil zur Performancekunst, Geld vorhanden sei.

Vielleicht liegt in dieser theatralischen, dem Drama zugeneigten Seite von Abramovic auch das eigentliche Problem nicht nur des Films, sondern auch ihrer künstlerischen Arbeit. Obwohl das Genre der Performancekunst sich gerade in Abgrenzung zum Theater definiert, also auf der Identität von PerformerIn und Performtem beharrt, scheint bei Abramovic ein Hang zur Darstellung, zur Repräsentation, Oberhand zu gewinnen.

Zu Kritik Anlass gab denn auch, dass sie in der Ausstellung frühere Performances von SchauspielerInnen aufführen liess. Aber auch ihre eigene Performance, in der sie im Übrigen auf frühere Gemeinschaftsarbeiten mit Ulay (beispielsweise «Nightsea Crossing») zurückgreift, erinnert eher an ein statisches Bild, in dem der partizipative Part des Publikums ebenso aufgesetzt wirkt wie die kommunikative Anlage des Settings. Statt einer wahrhaften Begegnung zwischen Künstlerin und zufälligem Gegenüber dominiert die priesterliche Erscheinung der Sitzenden, eine Kunstfigur par excellence (etwa im Motiv der Jungfrau Maria) – geradezu prädestiniert für den Star- oder Heiligenkult, der sich um Marina Abramovic entwickelt hat. Oder wie es Klaus Biesenbach, Kurator von Abramovics Retrospektive und ehemaliger Partner der Künstlerin, ausdrückt: «She is never not performing», will heissen: Abramovics Leben ist eine einzige Performance.

«Marina Abramovic: The Artist is Present» 
läuft ab 25. Oktober 2012 in Deutschschweizer Kinos.

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