Nr. 44/2012 vom 01.11.2012

Die «Schwarze Welle» aus Jugoslawien wird wiederentdeckt

«Kino Balkan» lautet der diesjährige Programmschwerpunkt in Winterthur. Die Kurzfilmtage zeigen eine Retrospektive düsterer und subversiver AutorInnenfilme aus dem sozialistischen Jugoslawien.

Von Thomas Bürgisser

Wortschöpfungen wie «Balkanraser» und «Balkanbeats» deuten darauf hin: Mit dem geografisch oft unpräzise gebrauchten Begriff «Balkan» ist selten nur eine Grossregion im Südosten Europas gemeint. In ihm schwingen auch stereotype – negative wie romantisierende – Vorstellungen über ein entrücktes Gebiet am Rande der Zivilisation mit, dessen rückständige BewohnerInnen patriarchale Sitten, Müssiggang und Kleinkriminalität praktizieren und sich unter Bumbum- und Blechblasmusik rauschhaften Exzessen hingeben.

Auch die 16. Auflage der Kurzfilmtage Winterthur, die zwischen dem 6. und 11. November 2012 stattfindet, bedient sich dieses Labels: «Kino Balkan» lautet der Schwerpunkt des diesjährigen Rahmenprogramms. Doch die Erwartung wird getäuscht. Nicht Filmschaffende von der ganzen, weiten Halbinsel zwischen Adria, Ägäis und Schwarzem Meer (die auch Albanien, Griechenland, Bulgarien und Rumänien umfasst) haben die OrganisatorInnen vor Augen. Nicht von einem diffusen «Balkan» stammen die Kurzfilme, die über die Leinwand flackern, sondern allesamt ganz konkret aus dem ehemaligen Jugoslawien. Oder eher: aus dem damaligen Jugoslawien.

Cineastische Glorifizierung

Im sozialistischen Vielvölkerstaat, der den Trümmern des Zweiten Weltkriegs erwachsen war, erlebte das Filmwesen in den sechziger Jahren ein «goldenes Zeitalter». Dies betraf einmal das besonders geförderte Genre des Partisanenfilms: Die cineastische Glorifizierung des kommunistischen «Volksbefreiungskriegs» sollte der «Brüderlichkeit und Einheit» der jugoslawischen Völker und dem Machterhalt des Parteiregimes zudienen. Ein Höhepunkt dieser Kinospektakel ist etwa Veljko Bulajics monumentale «Schlacht an der Neretva» aus dem Jahr 1968, in dem auch Superstars wie Yul Brynner, Orson Welles und Hardy Krüger mitspielten.

In Jugoslawien herrschte aber, im Gegensatz zu den anderen sozialistischen Staaten Osteuropas, im kulturellen Bereich ein vergleichsweise liberales Klima. In einem Jahrzehnt des raschen sozialen Wandels, der viele Widersprüchlichkeiten und Konflikte zeitigte, konnten KünstlerInnen auch ihren Unmut über die gesellschaftlichen Verhältnisse kundtun. Junge Filmschaffende aus städtischen Kinoclubs schufen damals eine Bewegung des formal experimentellen und inhaltlich kritischen AutorInnenfilms. Wegen seines grotesken und düsteren Charakters wurde dieser subversive jugoslawische «Neue Film» später als «Schwarze Welle» bezeichnet. Während ihre intellektuellen Filme in der Heimat eine Randexistenz fristeten, wurde das Œeuvre der jugoslawischen Kreativen an internationalen Festivals gerühmt und gefeiert. Ihr Ende fand die «Schwarze Welle», als das Regime zu Beginn der siebziger Jahre mit vermehrter Repression auf soziale Proteste und innerparteiliche Richtungskämpfe reagierte.

Der Kultregisseur fehlt

Im Rahmen von «Kino Balkan» werden an den Kurzfilmtagen Winterthur rund dreissig jugoslawische Kurzfilme aus den sechziger und siebziger Jahren präsentiert, eine Vielfalt an Zeitdokumenten von hohem künstlerischem Wert. Eine ausführliche Retrospektive ist Altmeister Zelimir Zilnik gewidmet; gezeigt werden seine Frühwerke, etwa «Junibewegung» (1969), das die Studentenunruhen in Belgrad 1968 dokumentiert, aber auch Filme wie «Tito zum zweiten Mal unter den Serben» (1994), der während der Milosevic-Ära entstanden ist.

Neben Zilnik, der heuer auch in der Jury des Wettbewerbs der internationalen Kurzfilme sitzt, erfahren mit Ivan Ladislav Galeta und Karpo Godina zwei weitere wichtige Exponenten des jugoslawischen Experimentalfilms eine explizite Würdigung. Neben dem historischen Rückblick, einer Ausstellung und Podiumsdiskussionen enthält der Programmschwerpunkt auch eine spannende Auswahl an aktuellen Kurzproduktionen Filmschaffender aus Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Serbien, Mazedonien und dem Kosovo. Darunter finden sich bekannte Namen wie Danis Tanovic, der 2002 mit «No Man’s Land» einen Oscar gewann, oder die Performancekünstlerin Marina Abramovic (siehe WOZ Nr. 43/12). Die jüngere, postjugoslawische Generation beschäftigt sich auf originelle Weise mit der Aufarbeitung der Bürgerkriege der neunziger Jahre, mit Identitätsfragen, Sexualität und der schwierigen Rückkehr zur Normalität.

Den Kultregisseur Emir Kusturica, der mit Werken wie «Underground» (1995) oder «Chat noir, chat blanc» (1998) auch hierzulande die Kinosäle füllte, sucht man in Winterthur jedoch vergebens. Irgendwie wollen die fulminanten filmischen Feuerwerke, in denen Kusturica genüsslich «balkanische» Bilder zelebriert, nicht so recht in ein Programm passen, das sich «jenseits gängiger Klischees» verortet. Der Fokus auf das heute kaum noch bekannte alternative jugoslawische Kino verspricht eine Bereicherung für die diesjährigen Kurzfilmtage zu werden. «Kino Balkan» zeigt eindrücklich, dass das (film-)geschichtliche Erbe des vor zwanzig Jahren von der Weltkarte verschwundenen Jugoslawiens weit in die Gegenwart hineinwirkt.

16. Kurzfilmtage Winterthur in: Winterthur, diverse Orte, Di–So, 6.–11. November 2012. 
www.kurzfilmtage.ch

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