Nr. 43/2012 vom 25.10.2012

Freigeld, Vollgeld, Leergeld

Zur Lösung der gegenwärtigen Finanzkrise wird verschiedentlich vorgeschlagen, den Zins abzuschaffen. Doch die ZinskritikerInnen vergessen dabei die soziale Realität hinter dem Geld.

Von Elmar Altvater

Die Zinslasten steigen astronomisch an, getrieben vom Mahlwerk der Zinseszinsen – und die Überschüsse, aus denen sie finanziert werden müssten, bleiben zurück. Steigert man nun Überschüsse und Wirtschaftswachstum, um Zins und Zinseszins bezahlen zu können, oder schafft man die Zinsen ab, um so die Übereinstimmung von realer Leistungsfähigkeit und finanziellen Forderungen herzustellen?

Die Frage treibt Ökonominnen und Philosophen um, seitdem das Geld in die Welt gekommen ist. Denn Geld ist nicht nur ein «pfiffig ausgedachtes Auskunftsmittel», wie Karl Marx spöttelte. Oder ein «Vehikel», mit dem die gesellschaftliche Arbeitsteilung erleichtert wird, wie der von AlternativökonomInnen viel zitierte Silvio Gesell zu Beginn des 20. Jahrhunderts meinte. Geld ist eine harte Schuldverpflichtung der einen und eine handfeste Forderung der anderen, ein Vermögenswert. Inzwischen droht die Spaltung von Gesellschaften in SchuldnerInnen und GläubigerInnen dem europäischen Integrationsprojekt einschliesslich des Euro den Garaus zu machen. Daher suchen monetäre Modernisierer wie Hans Christoph Binswanger oder eine Gruppe, die sich Monetative nennt, eine neue, krisensichere Geldordnung. Die ZinskritikerInnen der Monetative haben sich im Oktober in Berlin zu einem Kongress getroffen. Auch an einem Symposium in Zürich wurde vergangenes Wochenende über Geld, Zins und Schuld diskutiert (vgl. «Neue Gärten und ein nützlicher Marxist»).

Selbst innerhalb des Internationalen Währungsfonds (IWF) denkt man in heutigen Zeiten der Ratlosigkeit über Alternativgeld nach. In der grossen Finanzkrise wird der «Chicago-Plan» der Ökonomen Irving Fisher und Henry Simons aus den frühen dreissiger Jahren neu gelesen und in einer IWF-Publikation wohlwollend interpretiert. Kredit muss zu hundert Prozent gedeckt sein, für die heute ausufernde Spekulation gibt es dann keinen Spielraum mehr. Kreditschöpfung, wie sie in jedem zweistufigen Banksystem (mit der Zentralbank und den Geschäftsbanken) heute üblich ist, soll mit der Vorschrift, eine hundertprozentige Reservedeckung für ausgegebene Kredite zu halten, unterbunden werden.

«Geld wirft keine Jungen»

Der Gegensatz von Schuldnern und Gläubigern hat schon oft in der Geschichte an den Rand des Bürgerkriegs geführt. Zum Beispiel im antiken Athen. Deshalb hat Aristoteles an den Reformen des Solon von Athen (zirka 640–560 v. Chr.) besonders die Streichung der in Athen unerträglich gewordenen Schulden hervorgehoben (die Seisachtheia, die Lastenabschüttelung). Denn die athenische Verfassung, die andere Grosstat Solons, hätte keinen Frieden stiften können, wenn die einen unter dem Schuldendienst ächzen und die anderen mit den Zinseinkünften ein süsses Leben führen.

Den Grosstaten Solons fügte Aristoteles eine weitere hinzu: das Zinsverbot. «Geld wirft keine Jungen», meinte Aristoteles. Und wenn Zinsen trotzdem gezahlt werden, dann stammen diese eher aus dem «Arbeitsfleiss» als aus dem Geld. Wie kann aber etwas, das durch Arbeit erzeugt worden ist, dem Geld zuwachsen? Die Frage ist nur zu beantworten, wenn der gesellschaftliche Kontext in Rechnung gestellt wird, in dem gearbeitet wird und in dem die Produkte der Arbeit gegen Geld getauscht und angeeignet werden. Daher müssen die sozialen Formen der Überschussproduktion berücksichtigt werden, wenn man Geld und Zins verstehen will. Auch der schon erwähnte Silvio Gesell und seine zahlreichen AnhängerInnen sind der Auffassung, dass Zinsen und Zinseszinsen in einer «natürlichen Wirtschaftsordnung» von «Freiland und Freigeld» keinen Platz haben sollten, doch beschäftigen sie sich kaum mit den sozialen Formen der Arbeit und mit der Aneignung der Arbeitsprodukte – also mit Ausbeutung, Mehrwert und dessen Realisierung.

Denn schon die Zinseszinsformel, zumeist suggestiv in Grafiken mit exponentiell steigender Kurve dargestellt, ist faszinierend genug, um die Auffassung zu stützen, dass man an der Stellschraube Zins drehen könne, ohne ans Geld oder die Marktwirtschaft zu rühren. Der Überschuss darf sein, auch in Geldform. Der Markt – und vor allem der Wettbewerb – soll sein, aber die Zirkulation des monetären Überschusses nicht. In seiner Funktion als Zahlungsmittel und daher als Kredit wird das Geld für die Übel des Kapitalismus – Arbeitslosigkeit und Krise, Ungleichheit der Verteilung – verantwortlich gemacht. Über die Form des Geldes und deren Beziehung zur Form des Kapitals muss man sich nicht den Kopf zerbrechen. «Geld ohne Zinsen und Inflation» verspricht die Freiwirtschaftlerin Margrit Kennedy. Bernard A. Lietaer, ein belgischer Exbanker, bezeichnet das vom wuchernden Zinseszins geheilte Geld als «Geld der Zukunft».

Überforderte Schuldner

Ganz anders argumentieren keynesianisch inspirierte ÖkonomInnen. Positive Realzinsen interpretieren sie als «hard budget constraint», also als systemnotwendig für eine effiziente Wirtschaft mit einem hohen Innovationspotenzial. Dort wo die «harte Budgetrestriktion» fehlte (wie im sogenannt real existierenden Sozialismus), musste sich niemand anstrengen, effizient mit knappen Mitteln zu wirtschaften. Die realsozialistischen Wirtschaften blieben ebenso wie die islamischen Gesellschaften systemnotwendig hinter dem von den positiven Realzinsen getriebenen innovativen Westen zurück. 1989 war für den real existierenden Sozialismus Zahltag.

Doch gibt es für die Realzinsen Obergrenzen. SchuldnerInnen dürfen nicht massenhaft überfordert werden. Im «finanzgetriebenen» Kapitalismus unserer Tage ist aber genau dies der Fall. Auf den liberalisierten globalen Finanzmärkten buhlen heute Finanzdienstleister um das Geld der Individuen mit hohem Nettogeldvermögen, der High Net Wealth Individuals (HNWI). Die HNWI gibt es nicht nur in den USA und in der Schweiz, sondern auch in Asien und Afrika. Das Potenzial guter Geldgeschäfte ist riesig, weil ja die Ungleichheit in der Welt extrem zugenommen hat.

Nun stimuliert die «harte Budgetrestriktion» positiver Realzinsen nicht nur mehr Effizienz und Innovationen, sondern sie blockiert und stranguliert SchuldnerInnen, und Schuldenkrisen sind fast an der Tagesordnung: die Schuldenkrise der Dritten Welt in den achtziger Jahren, ein Jahrzehnt später die Finanzkrise der «asiatischen Tigerstaaten». Das Kapital floh und fand vielversprechende Anlagemöglichkeiten in der New Economy der USA. Der Hype hat dazu geführt, dass an die 2000 Milliarden US-Dollar beim Platzen der Blase im Jahr 2000 versenkt worden sind.

Deshalb mussten neue SchuldnerInnen her. Der 11. September 2001 bot trotz seiner Tragik eine gute Gelegenheit. Denn mit zunächst niedrigen Zinsen sollte die US-Wirtschaft am Laufen gehalten werden. Finanzinstitute konnten Geld zu Niedrigzinsen ausleihen, auch an KreditnehmerInnen, deren Kreditwürdigkeit zweifelhaft, «subprime», war. So entstanden aber (Geld-)Vermögenswerte, die nun innovativ in neue, komplexe Papiere verwandelt wurden, die in aller Welt verkauft werden konnten. Doch die Subprime-SchuldnerInnen waren überfordert, als die Zinsen stiegen und die Vermögenspreise fielen, und konnten die Kredite nicht ordentlich bedienen. Hohe Vermögenswerte mussten abgeschrieben werden. Die Folge: die schwerste Finanzkrise in der Geschichte des Kapitalismus. Fünf Jahre nach ihrem Ausbruch ist kein Ausweg bei der Suche nach erneuter Kapitalanlage in Sicht.

Zinskritikerinnen und Gelderfinder

Oder doch? Wenn man schon Geldvermögen nicht zu hoher Rendite anlegen kann, könnte man ja die Lehren von Aristoteles beherzigen und die Zinsen abschaffen, wie im Mittelalter oder in der «natürlichen Wirtschaftsordnung» des Silvio Gesell. Geld soll nicht gegen Zinsen ausgeliehen werden, sondern als Kaufmittel zirkulieren und den Wirtschaftskreislauf antreiben. Das war der Grund, weshalb der britische Ökonom John Maynard Keynes (1883–1946) an Gesells Theorie Gefallen fand und ihm in seinem Hauptwerk einen wohlwollenden Kommentar widmete.

Geld, das mit seinem vollen Wert zirkuliert, ist der Ausgangspunkt der Theoretiker des schuldenfreien «Vollgeldes». Es ist Vermögen, dem keine Schulden auf der anderen Seite der Bilanz gegenüberstehen. Ob die Krisen des Geldes mit diesem Konzept gelöst werden können, ist mehr als zweifelhaft. Denn Geld ohne Schulden ist auch kein Vermögenswert. Und niemand ist da, der oder die für die Zinsen arbeitet. Es ist nicht Vollgeld, sondern «Leergeld».

Das «Vollgeld» ist nur eines von vielen Konzepten eines alternativen Geldes, einer Parallel- und Komplementärwährung, eines Arbeits- oder Zeitgeldes, eines neutralen Geldes ohne Zinsen. Doch der Zins ist als «Frucht des Kapitals» die fertige «Vorstellung vom Kapitalfetisch», wie Karl Marx bemerkt, das heisst die Auffassung, Kapital gebäre aus sich selbst Geld. Dass diese «Frucht» von der Mehrwert erzeugenden Lohnarbeit produziert wird, gerät zwar Aristoteles, nicht aber den heutigen Zinskritikerinnen in den Horizont der Betrachtung. Gesell ebenso wie die «Vollgeld»-VertreterInnen sind an den Vermittlungen eines ausbeuterischen Produktionsprozesses, der erst aus der Investition von Geld ein zinstragendes Ergebnis macht, nicht wirklich interessiert. Gesell geht es nicht um den Produktionsprozess und seine sozialen Widersprüche. Es geht auch nicht um die sozialen Beziehungen, die durch Geld vermittelt werden und zu Abhängigkeits- und Machtverhältnissen führen. Gegner sind der Zins und das zinstragende Kapital.

Gesell kann daher das «Manchestertum» befürworten und den Kommunismus sowie den Marxismus vehement ablehnen – denn «der Kommunismus widerspricht der Natur des Menschen» – und gleichzeitig für eine strikte Regulation des Geldes eintreten. Freie Fahrt für freie Bürger mit dem «Vehikel» des vom Zins befreiten Freigeldes. Der Antikapitalismus wird so verkürzt zu einer Kritik grosser Finanzvermögen und spekulierender Finanzmagnaten.

Das liebe Geld

Ein Hufeisen für einen Ferrari

Die marxistische Geldtheorie unterscheidet verschiedene Funktionen für Geld:

  • Wertmassstab. Mit der Entwicklung der Tauschwirtschaft schaltet sich Geld als Massstab der zu tauschenden Gegenstände dazwischen: Zehn Kilo Getreide entsprechen einer zehngrämmigen Goldmünze entsprechen einem Hufeisen. Ein Ferrari entspricht 300 000 Franken entspricht der für fünf Jahre verkauften Arbeitskraft eines WOZ-Redaktors. Als solche allgemeine «Äquivalenzware» misst Geld die in Waren verausgabte Arbeitskraft.
  • Massstab der Preise. Ein besonderes Quantum der Geldware muss zu einem Zeitpunkt als Masseinheit fixiert werden. Ein Ferrari entspricht 300 000 und nicht 100 000 Franken.
  • Zirkulationsmittel. Statt die Waren auf den Markt zu tragen, tritt das Geld an deren Stelle. Statt dem Bauern ein Hufeisen gegen zehn Kilo Getreide zu geben, gibt der Schmied ihm eine Goldmünze. Aus praktischen Gründen wird Gold allmählich durch Papiergeld ersetzt. Die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes und der Waren nimmt damit enorm zu.
  • Zahlungsmittel. Die Aktionen von Verkaufen und Kaufen fallen auseinander. Die WOZ-Redaktorin verkauft ihre Arbeitskraft ab dem 1. jedes Monats, kriegt aber erst am 25. ein Gehalt. Diese zeitliche Differenz ist möglich durch ein Versprechen auf künftiges Geld. Daraus entstehen der Kredit (und der Zins als «Lohn» für die verzögerte Rückforderung einer Leistung), daraus wiederum die Funktionen von Gläubiger und Schuldner, einer der grossen Gegensätze aller entwickelten Gesellschaften.
  • Gold als Ware. Aus praktischen Gründen hat Gold ursprünglich als Geld gedient. In Krisenzeiten und bei Inflationsgefahr kann es wieder zur «Reserve letzter Instanz» werden. Letztlich illusionär: Denn mit einem Kilogramm Gold habe ich immer noch nichts zu essen.

Die Vollgeldtheorien übersehen die dynamische Wirkung von Geld als Zirkulationsmittel und ignorieren die zentrale Frage, wie denn im Kapitalismus mehr Wert geschaffen werden kann: indem die verkaufte Arbeitskraft Mehrwert über den vom Käufer gezahlten Lohn hinaus produziert. sh

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