Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

Die Katastrophe und der Traum von der grossen Harmonie

Seit der AKW-Katastrophe von Fukushima vor einem Jahr hat sich in Japan viel Unzufriedenheit und Misstrauen gegenüber den Eliten zusammengebraut. Dies könnte zu einem grundlegenden Wandel in der japanischen Gesellschaft und Politik führen.

Von Igor Kusar, Yokohama

Erdbeben, Tsunami und ein GAU im AKW: Die Dreifachkatastrophe vor knapp einem Jahr hat die japanische Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert. Für Hiroki Azuma, Professor an der Waseda-Universität in Tokio und einer der populärsten japanischen Kulturkritiker, ist klar: «Diese Erfahrung wird Japan grundlegend verändern.» Das Jahr 2011 sei eine wichtige Zäsur in der japanischen Geschichte, vergleichbar mit dem Jahr 1868, als die Meiji-Restauration eine rasante Modernisierung und Verwestlichung der Gesellschaft einläutete.

Grosse Teile der Bevölkerung haben seither das Vertrauen in die Eliten des Landes komplett verloren – in die Regierung genauso wie in die politischen Parteien, die Behörden, die technischen Fachleute und die traditionellen Medien. Das Vertrauen sei zwar schon vor der Katastrophe beschädigt gewesen, sagt Hiroki Azuma, aber es hätte gerade noch gereicht, um nach den Ereignissen vom 11. März 2011 eine mögliche Panik im Zaum zu halten. Heute würde ein Ereignis vergleichbaren Ausmasses in der Bevölkerung hingegen ganz andere Reaktionen auslösen, ist sich Azuma sicher.

«Unfähig, korrupt und dumm»

Bereits 1995 nach dem Erdbeben von Kobe, als das offizielle Krisenmanagement versagte, kamen grosse Zweifel auf, ob die politische Elite wirklich fähig ist, das Land zu führen und im Krisenfall zu schützen. Doch nun sind die Zweifel einer Gewissheit gewichen: Seit der unzureichenden Bewältigung der Katastrophe vor einem Jahr haben verschiedene Medien auch die vielen früheren Vertuschungen des Fukushima-Betreibers Tepco und der politischen Kreise aufgedeckt. «Das hat alle Japaner überzeugt, dass die Eliten nicht nur unfähig und korrupt sind, sondern sogar dumm», sagt Eiji Oguma, Soziologieprofessor an der Keio-Universität in Minato bei Tokio.

Dabei bräuchte das Land jetzt mehr denn je fähige PolitikerInnen, um den längst überfälligen Wechsel von einer Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft konsequent zu vollziehen. «Wir leben grösstenteils noch in einer Gesellschaft, die in den siebziger und achtziger Jahren prächtig funktionierte, heute aber überholt ist», sagt Oguma. Die Arbeits- und Familienstrukturen seien nicht mehr zeitgemäss. Viele Arbeitsplätze in industriellen Zulieferbetrieben stehen wegen der globalen Konkurrenz unter enormem Lohndruck, und viele männliche Angestellte sind nicht in der Lage, mit ihrem Lohn eine Familie zu ernähren. Doch die Rolle des Mannes als alleiniger Familienernährer sei noch immer eine weitverbreitete Wertvorstellung. Kein Wunder, gehe deshalb die Zahl der Eheschliessungen und der Geburten stetig zurück, meint Oguma.

«Das allgemeine Gefühl eines Versagens der Eliten hat zu einem neuen Individualismus geführt», sagt die Autorin und Bürgerrechtsaktivistin Karin Amamiya. Nach der Katastrophe waren die JapanerInnen gezwungen, selbst für ihre Sicherheit zu sorgen. Auf die Schutzmassnahmen der Behörden, beispielsweise gegen die atomare Strahlung, war kaum Verlass. Auch die etablierten Medien verloren an Glaubwürdigkeit. Plötzlich wichen viele Leute auf alternative Informationskanäle wie Twitter und Internetfernsehen aus. Bis dahin galt in Japan das Internet nicht als Medium, das seriöse Informationen vermittelt.

Individualismus und Selbstständigkeit sind für viele JapanerInnen eine neue Erfahrung. Seit über vierzig Jahren seien sie es gewohnt gewesen, politische, soziale oder Sicherheitsfragen dem Staat oder den Unternehmen zu überlassen, erläutert der Soziologe Motoaki Takahara. Zwar gab es Ende der sechziger Jahre auch in Japan eine stürmische StudentInnenbewegung, die jedoch ergebnislos versandete. Japan erlebte einen wirtschaftlichen Aufschwung, der die Menschen komplett vereinnahmte: Politik spielte im Alltag keine Rolle mehr; man liess den allmächtigen, aber gutmütigen Staat gewähren, da alle von der boomenden Wirtschaft zu profitieren schienen. Selbst unrentable Wirtschaftszweige wurden mit Zuschüssen am Leben erhalten. An dieser Grundhaltung habe sich auch dann nichts geändert, als mit dem Platzen der Aktien- und Immobilienblase 1990 die Wirtschaft ins Straucheln geriet und die Gegenrezepte des Staates wirkungslos blieben.

Doch seit der Katastrophe ist die Politik in die Alltagsgespräche zurückgekehrt. «Viele Japaner haben erkannt, dass sich ihre unbekümmerte Haltung gegenüber den Eliten gerächt hat», sagt Takahara. Zudem gibt es seit einigen Monaten Anzeichen dafür, dass eine westliche Streitkultur entsteht. Es soll vorkommen, dass gar Freundschaften wegen politischer Fragen in die Brüche gehen. Dies war vor dem 11. März 2011 kaum denkbar.

Politische Spaltung

Allerdings: Verschiedene BeobachterInnen schätzen die Repolitisierung der Gesellschaft skeptisch ein. «Die Debatten in den Medien oder an den Stammtischen werden nicht sehr konstruktiv geführt», sagt Soziologe Takahara: «Es wird genörgelt, gemeckert und kritisiert, doch neue Ideen, wie es mit Japan weitergehen könnte, gibt es nicht.» Noch sei eine grosse Unerfahrenheit im Politisieren spürbar.

Ähnlich schätzt die Psychiaterin, bekannte Sachbuchautorin und Fernsehkommentatorin Rika Kayama die Lage ein. Nach der Katastrophe hätten viele die Hoffnung gehabt, die JapanerInnen seien nun bereit, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Zuerst war zwar in der Bevölkerung viel Mitgefühl mit den betroffenen Menschen und eine grosse Motivation zur Hilfe zu spüren. All dies sei jedoch nach dem ersten Schock rasch verflogen. Letztlich drückte rasch die flexible Grundhaltung einer an Naturkatastrophen gewöhnten Nation durch – und so legten die meisten den Fokus wieder auf die eigenen Probleme, diejenigen der Familie und der eigenen Region. Einige populistische PolitikerInnen in den peripheren Regionen – allen voran der Bürgermeister der Stadt Osaka, Toru Hashimoto – nutzten zudem die Gunst der Stunde, um gegen das geschwächte Zentrum zu wettern und damit bei ihrer Klientel für Aufmerksamkeit zu sorgen. Solches Agitieren sei gefährlich und destabilisiere das Land zusätzlich, meint Kayama.

Auch der Kulturkritiker Azuma glaubt, dass Japan heute gespaltener dasteht als noch vor der Katastrophe. Das Gerede von «Kizuna» (Bande der Freundschaft), das zum «Schriftzeichen des Jahres 2011» gewählt wurde, sei bloss Wunschdenken. Insbesondere das Pro- und das Anti-AKW-Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber. In der Frage, in welchen Präfekturen der atomverseuchte Schutt aus Fukushima zwischengelagert werden soll, gebe es unter den Regionen keinerlei Solidarität – auch hier von «Kizuna» keine Spur, meint Azuma. Japan vermittelt im Moment nicht das Bild einer Nation, die zusammensteht und die Probleme vereint anpackt.

Soziale Polarisierung

Die Bürgerrechtsaktivistin Amamiya sieht gar eine drastische Zunahme der sozialen Polarisierung im Land. Während sich wohlhabendere JapanerInnen einen Umzug in sicherere Regionen oder ins Ausland leisten konnten, habe die Unterschicht im Ungewissen ausharren müssen. Viele Leute seien nicht einmal in der Lage gewesen, sich genügend über die aktuelle Lage nach der Katastrophe zu informieren, da sie vom täglichen finanziellen Überlebenskampf absorbiert waren. Gerüchte, einige reiche JapanerInnen hätten sich wegen der Katastrophe nach Singapur abgesetzt, sind symptomatisch für einen gesellschaftlichen Wandel: Früher wäre solches Gerede undenkbar gewesen, da sich dies in einem sozial homogenen Japan nicht ziemte.

Wie wird es mit Japan weitergehen – jetzt, da das Land gespalten dasteht und viele den Glauben auf Besserung praktisch aufgegeben haben? Der Kulturkritiker Azuma hofft, dass in Zukunft eine neue Form der politischen Beteiligung und Diskussion entstehen wird. Die Zeit sei reif für radikale Strukturveränderungen hin zu mehr Eigeninitiative, einer offeneren, wettbewerbsfähigeren Gesellschaft und weniger staatlicher Lenkung. Azuma setzt dabei auf die neuen Medien, insbesondere auf die sozialen Netzwerke im Internet wie Twitter und auf junge AktivistInnen mit neuen Ideen, die sich immer grösserer Gefolgschaft erfreuen.

«Strassenprotest liegt vielen nicht»

Das sind aber nur erste Ansätze. Eine weitreichende Protestkultur oder eine stärkere Zivilgesellschaft nach westlichem Muster sieht Azuma nicht entstehen. Auch wüsste im Moment niemand, wer die alten Eliten überhaupt ersetzen könnte. Die Psychiaterin Kayama glaubt ebenfalls nicht, dass sich die Protestbewegung, wie sie sich im Moment insbesondere in Anti-AKW-Aktionen äussert, zu einer Massenbewegung entwickeln wird. «Auf der Strasse zu protestieren liegt vielen Japanern nicht», sagt Kayama: «Es entspricht so gar nicht dem harmonischen Ideal, das in der Schule vermittelt wird.» Noch immer werde die Protestkultur mit linken TräumerInnen in Verbindung gebracht, deren Aktionen nicht erfolgversprechend seien.

Kein Wunder also, funktioniert der Alltag etwa in Tokio nach wie vor perfekt. Obwohl ein Teil der Arbeitenden immer ärmer wird, ist die Arbeitsmoral hoch, die Kriminalitätsrate tief. Doch Soziologieprofessor Oguma warnt davor, das als selbstverständlich oder typisch japanisch anzusehen: «Die stabilen Verhältnisse, die Japan zurzeit immer noch geniesst, sind eine Folge der wirtschaftlichen Blütezeit der siebziger und achtziger Jahre.» Diese Phase ist keine Selbstverständlichkeit. In den fünfziger und sechziger Jahren war Japan von unstabilen Verhältnissen geprägt, die Jugend protestierte auf den Strassen. Japan müsse seine Probleme jetzt entschieden angehen, meint Oguma, und vor allem für junge Leute wieder positive Perspektiven schaffen, sonst sei die stabile öffentliche Ordnung stark gefährdet.

Neue Werte

Die Familie kommt jetzt zuerst

Die Erfahrungen seit dem 11. März 2011 haben bei vielen BewohnerInnen Tokios zu einer neuen Wertehaltung geführt. Damals, nach dem Erdbeben, brach der Verkehr in der Hauptstadt zusammen; Millionen von Menschen mussten die Nacht im Büro oder auf der Strasse verbringen und wussten nicht, wie es um die Sicherheit ihrer Familien steht. Vor der Atomkatastrophe galten ein Leben im Grossraum Tokio und eine hoch dotierte Karriere als absolut erstrebenswert. Heute stehen vermehrt das eigene Wohlbefinden und das der Familie an erster Stelle. Durch die Folgen des Erdbebens, das einen Tsunami und die AKW-Katastrophe von Fukushima ausgelöst hatte, sind sich viele bewusst geworden, dass eine gesunde Umgebung nicht selbstverständlich ist. Die Leute schätzen nun die Zeit, die sie mit der Familie verbringen. Das hat auch Auswirkungen auf die Einstellung zur Arbeit. Effizienz am Arbeitsplatz ist wichtiger geworden, um früher nach Hause gehen zu können. Und viele wünschen sich nun nicht mehr unbedingt eine Lohnerhöhung, sondern eine Arbeit, die sie befriedigt. Aber vor allem hat die Stadt Tokio als Lebensraum an Stellenwert verloren. Viele träumen nun von einem langsameren Leben auf dem Land. Oder sie sind bereits weggezogen, insbesondere in den westlichen Teil Japans, weit weg von Fukushima und der atomaren Bedrohung. Einige Lifestylemagazine haben diesen Trend schnell erkannt und berichten immer öfter in gross aufgemachten Reportagen von einem glücklicheren Leben in der Provinz.
Igor Kusar

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Die Katastrophe und der Traum von der grossen Harmonie aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr