Nr. 22/2010 vom 03.06.2010

Eistee für die Dämonen

An der grössten Manga-Fan-Convention der Schweiz stehen Dämonen neben Auftragskillerinnen und singen gemeinsam Karaoke.

Von Alice Kohli

Evelyne ist heute ein Junge. Sie trägt ein schwarzes Satinleibchen mit einer aufgenähten weiss-roten Raute quer über der Brust, wadenlange Satinhosen, schwarze Gerätefinken. Von ihren Wangen bis unter die schwarz umrandeten Augen ziehen sich zwei dicke rote Striche, wie Tränen aus Blut. Ein Lederbändchen hält ihre struppige Kurzhaarfrisur zusammen, blau wie die Schlümpfe, bis auf eine dunkelbraune Strähne – das ist ihr echtes Haar. «eBay ist die beste Quelle für Cosplay-Perücken», sagt die 24-jährige Englischstudentin. Cosplay ist eine japanische Wortgestaltung aus den Begriffen «costume» und «play» – eine Art Kostümspiel also. Cosplay-Perücken sind nicht mit billigen Fasnachtsperücken zu verwechseln, die man auch in den Regalen von Migros und Coop findet. Sie bestehen aus hochwertigen Kanekalonfasern, lassen sich kämmen, mit Haarspray frisieren und sehen bis auf die knalligen Farben aus wie Echthaar – asiatisches Echthaar. Hergestellt werden die Perücken in China und Japan. Dort hat das Cosplay seinen Ursprung. Evelynes heutige Perücke hat nur 25 Franken gekostet. «Wobei das natürlich eine Kurzhaarperücke ist. Je länger die Perücke, desto mehr bezahlt man.»

«Ich lese keine Comics»

«Beim Cosplay geht es darum, einen Charakter darzustellen», erklärt Evelyne. Und versucht zu präzisieren: «Wenn du an die Fasnacht gehst, gehst du als Hexe. Ein Cosplayer geht als Hexe Dorothea – oder wie auch immer sie dann heissen mag.»

An der diesjährigen Cosplay-Show in Winterthur fehlt Hexe Dorothea. Die Charaktere heissen hier Ranmao, Hitsugaya oder Son Goku und sind allesamt japanischen Comicbüchern, Trickfilmen und Videogames entsprungen. Evelynes Charakter heisst Madarao und ist ein Nebencharakter der Action-Manga-Serie «D. Gray-man». «Er gehört einer dubiosen Gruppierung an, die Dämonen jagt», sagt Evelyne. «Aber auch an ihm wurden Experimente durchgeführt – deshalb ist er jetzt selbst ein Dämon.»

Einem Nicht-Manga-Fan den Plot eines Mangas – also einer japanischen Comicgeschichte – zu erklären, ist ein schwieriges Unterfangen. Wer nicht eingeweiht ist in die Welt der sonderlichen Gestalten mit ihren grossen leuchtenden Augen und prachtvollen Kostümen, dem erschliesst sich auch nicht die Tragweite der Dramen über Dämonenjagd und missglückte Genexperimente.

Die verschworene Gruppe Fans findet sich in dieser Welt allerdings spielend zurecht. Und die Gruppe ist nicht einmal klein. Seit Ende der neunziger Jahre haben Mangas in der Schweiz einen enormen Aufschwung erlebt – obwohl sie mit der europäischen Comictradition nicht viel gemein haben. Sie werden zum Beispiel von hinten nach vorne gelesen, wie es der japanischen Leseart entspricht. Zudem sind die Comics durchwegs in Schwarz-Weiss gehalten, was für die Cosplayer eine grosse Herausforderung bedeutet: Sie müssen sich die Farbenwahl ihres Kostüms aus den bunten Titelbildern ihrer Lieblingscomics zusammenreimen. Und wo es für gewöhnlich nicht knallig genug sein kann, heben sich die schwarz-weissen Zeichnungen von den übrigen Heften und Büchlein ab.

MangaleserInnen sind aber ohnehin keine typischen ComicleserInnen. Im Gegenteil. «Ich lese eigentlich keine Comics», sagt Sergio Micheli, Geschäftsführer des Manga- und Anime-Fachgeschäfts Jeeg in Zürich. Er mag Samuraigeschichten. Und die findet er in japanischen Mangas und den zugehörigen Zeichentrickfilmen – den Animes – zuhauf.

Als Micheli 2002 seinen Laden eröffnete, konnte er bereits mit einer interessierten Kundschaft rechnen. Der Name Dragonball war schon sämtlichen Kindergärtnern und Primarschullehrerinnen der Schweiz ein Begriff. Der deutsche Privatsender RTL II hatte drei Jahre zuvor begonnen, die Zeichentrickserie im Nachmittagsprogramm auszustrahlen. So fanden die entsprechenden Mangabücher in japanischer Leserichtung flugs reissenden Absatz, und die Abenteuer von Son Goku und seinen Freunden auf der Suche nach den sieben Dragonballs wurden zu Hauptgesprächsthemen auf dem Pausenplatz.

Das sind sie immer noch. «Die Mangawelle hält sich heute auf einem ziemlich hohen Niveau», stellt Claudia Jerusalem-Groenewald, Presseverantwortliche des Hamburger Carlsen-Verlags, zufrieden fest. Carlsen ist mit knapp fünfzig Prozent Marktanteil der wichtigste Mangavertreiber im deutschsprachigen Raum und hat sich damit ein lukratives Geschäft gesichert: Alleine im deutschsprachigen Raum werden zwischen 50 und 55 Millionen Euro Umsatz mit japanischen Comicbüchern und Mangamagazinen erzielt.

Schunkeln zu Computermusik

Woher kommt die Mangaszene, wenn sie sich nicht aus der traditionellen Comicfangemeinde entwickelt hat? Wer sind die Mangafans? An der wichtigsten Deutschschweizer Manga-Fan-Convention, der Japanimanga Night – oder JAN – in Winterthur, wird eines schnell klar: Die Mangafans sind jung. Sie sind Teenager, drücken die Schulbank oder machen eine Lehre – und sie haben nebenbei ein Hobby, von dem sie sicher sein können, dass ihre Eltern es nicht auch schon hatten. Vor sechs Jahren fand die erste JAN im Jugendzentrum in Uster statt. «Damals brauchten wir noch weniger Räume», erinnert sich Benjamin Koch, einer der Gründer der JAN. Heute bevölkern die Jugendlichen am JAN-Wochenende sämtliche fünf Stockwerke der Alten Kaserne in Winterthur. Kein Bunker, sondern ein Altstadtriegelhaus mit schmalen Treppen. Sie entpuppen sich an der ausverkauften Convention als fast unüberwindbare Flaschenhälse. Hier treten japanische Schulmädchen den Catgirls auf den Webpelzschwanz, und die Pikachus bleiben mit ihren übergrossen gelben Schlafanzügen an den Spitzenstrapsen der Gothic-Lolitas hängen. Knapp 600 BesucherInnen zählt die diesjährige JAN, weitere hundert Jugendliche amtieren als freiwillige HelferInnen.

Vor sechs Jahren war die JAN nicht viel mehr als eine Filmnacht: Einige Fans trafen sich ein paarmal im Jahr, um von spätabends bis frühmorgens Animes zu schauen.

Auch heute gibt es von Samstag auf Sonntag Trickfilme auf Grossleinwand – nach wie vor eine Spezialität der JAN. Der Filmraum im Keller gerät heute aber fast in Vergessenheit. Es locken zwei Gameräume, ein Karaokeraum, eine Go-Ecke, ein Café mit japanischen Spezialitäten. Zudem finden Seminare und Wettbewerbe statt, die Stars der Szene geben Autogrammstunden – und wer will, kann seine alten Mangas verkaufen und sich dafür ein paar Katzenöhrchen aus Plüsch leisten.

Wo ist der PET-Container?

«Take me to the bonus level – I need an extra life», trällert in der Haupthalle der Sänger der deutschen Band Pornophonique. Die versammelten Cosplayer und einige wenige Besucherinnen ohne Verkleidung schunkeln zu den Gameboyklängen. Es wird warm unter den Polyesterkutten. Der säuerliche Geruch einer Oberstufenturnhalle breitet sich langsam im Saal aus und hält sich für die nächsten Stunden im ganzen Gebäude.

So viele Teenager auf einem relativ engen Raum – und doch wird es weder beim Anstehen für Okonomiyaki und Yakisoba noch beim Workshop Japanisch oder bei der Sakedegustation je laut. Abgesehen vom Gelächter. Die Mangafans sind eine erstaunlich friedliche Gruppe. Besonders wenn man bedenkt, dass manche Cosplayer als Auftragskillerinnen oder Dämonen verkleidet durch die Gänge spazieren.

Und sie sind mit dem Anlass zufrieden. Auf Internetforen finden sich nach Ende der zehnten JAN nur sehr milde Verbesserungsvorschläge: «Pfirsicheistee für die nächste JAN» fordert beispielsweise Ethion aus Gretzenbach. Und Yumi-san 89 aus dem Luzernischen moniert, sie habe fieberhaft nach einem PET-Container gesucht und keinen gefunden.

Hat der Friede vielleicht mit den vielen Mädchen zu tun? Claudia Jerusalem-Groenewald vom Carlsen-Verlag schätzt den Mädchenanteil unter den MangaleserInnen auf zwischen sechzig und siebzig Prozent. Vielleicht wegen der hinreissenden japanischen Liebesgeschichten. Gegen sie haben westliche Comichelden keine Chance: Donald Ducks immerwährendes Werben um Daisy Duck hat im Vergleich ungefähr die Dramatik einer Tortenschlacht. Selbst Spidermans Liaison mit Mary-Jane Watson kommt nicht an die alles verzehrende Liebe der MangaheldInnen heran.

Und dann ist da noch das Basteln – auch eine Tätigkeit, die gemeinhin öfter Mädchen zugeschrieben wird als Jungs. «Die Mangaszene bietet alle nur erdenklichen Ausdrucksmöglichkeiten», schwärmt Claudia Jerusalem-Groenewald. Die Fans verinnerlichen ihre Lieblingsfiguren: Sie zeichnen ihre Comichelden nach, schneidern ihre Kleider, singen ihre Lieder.

Als Evelyne vor vier Jahren zum ersten Mal die JAN besuchte, stand sie hauptsächlich in einer Ecke und betrachtete die noch wenigen Cosplayer. Ein Jahr später hatte sie sich bereits ihr erstes Kostüm geschneidert und trug es an der Connichi, der grössten Manga-Convention Deutschlands in Kassel. Sie war der Dämon Belial aus der Serie «Angels Sanctuary» – «mein damaliger Lieblingscharakter». Das Kostüm bestand im Wesentlichen aus Frack und Zylinder, einer roten Perücke und weisser Schminke.

Winterthur in Dämonenhand

Im September fährt Evelyne wieder nach Kassel, diesmal mit Kostümen, die ihre Freundin Steffi selbst entworfen hat. «Momentan habe ich noch eine Menge Spass am Cosplay», sagt Evelyne. Aber sie komme sich mit ihren 24 Jahren schon manchmal etwas alt vor. Wenn sie sich mit 16-jährigen Cosplayern treffe, dann flüstere gelegentlich eine Stimme in ihrem Hinterkopf: «Du bist fast zehn Jahre älter als die.» – «In solchen Situationen frage ich mich schon, wie lange ich es noch machen werde.»

An NachfolgerInnen wird es jedenfalls nicht mangeln. Die diesjährige JAN war schon einige Wochen vor Beginn restlos ausverkauft. Selbst die OrganisatorInnen waren vom Andrang überrascht – aber sie geben sich auch sehr zuversichtlich. Benjamin Koch glaubt jedenfalls nicht, dass das Interesse irgendwann abbrechen wird. Zurzeit verhandelt er mit dem Kulturdepartement Winterthur und sucht nach Möglichkeiten, sein Festival auf die gesamte Stadt auszuweiten. Ganbatte ne!

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