Nr. 46/2012 vom 15.11.2012

«Wer hier arbeitet, muss die gleichen Rechte haben»

Als erste Frau wird Vania Alleva Kopräsidentin der traditionell männerdominierten Gewerkschaft Unia. Von einem inhaltlichen Machtkampf auf dem Weg an die Spitze will sie nichts wissen. Angesichts der Entlassungswelle im Land fordert sie eine ökologische Industriepolitik und mehr Schutz in Dienstleistungsberufen.

Von Kaspar Surber (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Ich merkte früh, welche Unterschiede aufgrund der Herkunft gemacht werden»: Vania Alleva, designierte Kopräsidentin der Unia.

WOZ: Vania Alleva, eine Entlassungswelle rollt über die Schweiz: Die UBS, die Lonza, Sunrise, Electrolux und Gaba bauen Stellen ab. Wo sehen Sie die Ursachen?
Vania Alleva: Bestimmte Betriebe nutzen die Krise zur Gewinnmaximierung: Dass profitable Unternehmen wie beispielsweise die Lonza Personal entlassen, ist eine Schweinerei. Andere leiden unter der Frankenstärke. Wir haben schon lange auf einen drohenden Arbeitsplatzabbau hingewiesen, wenn der Kurs zum Euro nicht bei 1.40 Franken abgesichert wird.

Wie wollen Sie den Abbau jetzt verhindern?
Es braucht nicht nur eine offensive Wechselkurspolitik, sondern auch eine Industriepolitik hin zu einem ökologischen Umbau. Ausserdem fordern wir mehr Kurzarbeit und dass die Angestellten und ihre Gewerkschaften früher konsultiert werden. Es sind oft die Angestellten, die Alternativen zum Stellenabbau bieten können.

Sie sind bei der Unia für die privaten Dienstleistungen verantwortlich. Mit Andreas Rieger und Pascal Pfister haben Sie dazu das Buch «Verkannte Arbeit» veröffentlicht. Sie schreiben, dass sich gerade bei den Dienstleistungsberufen die Arbeitsbedingungen verschlechtern.
Exemplarisch für den Druck auf die Arbeitsbedingungen ist der Verkauf: tiefe Löhne, hohe Verfügbarkeit, kleine Pensen. Die verlängerten Ladenöffnungszeiten machen die Arbeitstage für die Verkäuferinnen und Verkäufer immer länger – und die Vereinbarkeit von Beruf und sozialem Leben wird für sie immer schwieriger. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass eine Verlängerung nicht mehr Arbeitsplätze bringt, denn die Konsumenten können das Geld nur einmal ausgeben. Trotzdem gehen die Angriffe weiter, über Lockerungen am Sonntag, Ausnahmen für Tankstellenshops oder in Tourismusregionen.

Gelingt angesichts dieser Flexibilisierung eine gewerkschaftliche Organisation?
Der Aufbau im Tertiärbereich ist mittlerweile ein Erfolg: Wir haben fast 50 000 Mitglieder in Branchen wie dem Gastgewerbe, Detailhandel, Transport oder der Kultur. Die Hälfte davon sind Frauen. Mit Kampagnen, gerade zu geschlechtsspezifischen Themen wie der Lohndiskriminierung, gewinnen wir Mitglieder. Langsam, aber stetig gelingt es uns auch, in den Betrieben unsere Gruppen aufzubauen: Mehr als die Hälfte der Arbeitskämpfe wird mittlerweile im Dienstleistungsbereich ausgefochten.

Am Kongress der Unia Anfang Dezember kandidieren Sie als Kopräsidentin. Vor vier Jahren sagten Sie in einem Interview mit der WOZ: «Eine Präsidentin werden wir wohl frühestens beim nächsten Kongress im Jahr 2012 sehen.» Wussten Sie schon vor vier Jahren, dass Sie an die Spitze möchten?
Ich hatte keine individuelle Karriereplanung, wir haben uns als Organisation Ziele gesetzt: Wir wollen wachsen, und wir wollten uns verstärkt um den Aufbau der Gewerkschaft in den Betrieben kümmern. Denn nur so sind wir in der Lage, Auseinandersetzungen zu führen. Diesen Zielen sind wir einen Schritt näher gekommen.

Was gab für Sie nun den Ausschlag, zusammen mit dem bisherigen Kopräsidenten Renzo Ambrosetti für ein Kopräsidium zu kandidieren?
Die Unia ist eine grosse Organisation und steht vor einem weitreichenden Generationenwechsel. Mehr als die Hälfte der Leitungsmitglieder, die vor vier Jahren gewählt wurden, treten nicht mehr an. In dieser Situation ist es wichtig und sinnvoll, dass Renzo Ambrosetti einen Beitrag leistet, die Kontinuität zu sichern. Zudem ergänzen wir uns gut: Er kommt aus der Industrie und dem Gewerbe, ich aus dem privaten Dienstleistungssektor.

Die Nomination verlief nicht ohne Nebengeräusche: SP-Nationalrat Corrado Pardini zog seine Einerkandidatur angesichts Ihres Zweiertickets zurück. In einem offenen Brief in der Zeitung «Work» forderte er eine «Gewerkschaft von unten». Wie stehen Sie zur Demokratisierung der Unia?
Ich bin einverstanden mit Corrado Pardini. Ich bin eine der Verantwortlichen von Unia forte, dem Projekt, das auf die Stärkung unserer Vertrauensleute und aktiven Mitglieder abzielt. Diese Stärkung der Vertrauensleute in den Betrieben, Branchen und Regionen bedeutet für mich eine Demokratisierung. Wir wollen nicht nur nahe bei den Leuten sein, sondern dass die Basismitglieder die Unia aktiv mittragen und ausgestalten. Wir wollen konsequent weitermachen mit Unia forte.

Trotzdem: Es klingt nach einem Machtkampf.
Nein, inhaltlich haben wir in Bezug auf die Demokratisierung der Unia und die Stärkung der Vertrauensleute keine Differenzen. Zudem hat der ausserordentliche Unia-Kongress vor zwei Jahren die Richtung vorgegeben.

Sie werden die erste Frau sein an der Spitze der Unia, die bekanntlich aus zwei männerdominierten Gewerkschaften entstanden ist. Erfüllt die Unia die derzeit diskutierte Frauenquote von 35 Prozent?
Gewerkschaftliche Hochburgen in der Unia sind immer noch die Branchen, in denen viele Männer arbeiten: Bau, Gewerbe und Industrie. Aber mit dem Aufbau in den Dienstleistungsberufen werden wir auch immer weiblicher. Für unsere Leitungsgremien gilt eine Frauenquote von 33 Prozent. Wenn ich zur Kopräsidentin gewählt werde, setze ich mich dafür ein, dass die Frauen überall zahlreicher werden – unter den Vertrauensleuten, in Leitungsfunktionen, bei den Verantwortlichkeiten für Gesamtarbeitsverträge.

Sie sind auch die erste Seconda an der Spitze der grössten Gewerkschaft. Wie sind Sie aufgewachsen?
Als Arbeiter- und Migrantenkind in der Stadt Zürich. Meine Eltern haben ein Leben lang hart gearbeitet, um mir und meinen Geschwistern eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Mein Vater war Lastwagenchauffeur, meine Mutter gelernte Schneiderin, die als Fabrikarbeiterin und Putzfrau arbeitete. Ich merkte früh, welche Unterschiede aufgrund der Herkunft gemacht werden. Als ich mich in den Achtzigern für die Gymiprüfung anmeldete, empfanden das einzelne Lehrer als Anmassung. Ich bin trotzdem aufs Gymnasium gegangen.

Studiert haben Sie dann aber nicht hier: Sie sind «dottoressa in lettere».
Nach der Matura wollte ich in eine Grossstadt im Süden gehen, weg von Zürich, auch von zu Hause. Als Italienerin bin ich nach Rom gegangen, wo ich politisiert wurde: An der Uni kam es zu einer grossen Besetzung, gegen Sparprogramme und den Einfluss der Wirtschaft auf Bildung, Lehre und Forschung. Die Besetzung dauerte fast ein Jahr lang. Ich habe das Studium zwar abgeschlossen, auch weil ich mich meinen Eltern gegenüber verpflichtet fühlte: über die Natur im Werk der Künstlerin Meret Oppenheim. Aber mein Daheim, das waren fortan die politischen Bewegungen. Zurück in der Schweiz, arbeitete ich als Journalistin und Lehrerin und war bei der Gewerkschaft Bau und Industrie und dann bei der Unia für Migration zuständig.

Welche Rolle spielen die Migrantinnen und Migranten in der Unia?
Sie machen heute die Hälfte der Unia-Mitglieder aus. Die Schweizer Gewerkschaften haben sich ab den 1970er Jahren im europäischen Vergleich stark geöffnet und den Migrantinnen und Migranten eine politische Stimme verliehen. Gleichzeitig führte diese Öffnung zu einer Stärkung der Gewerkschaftsbewegung. Die Unia beweist im Migrationsbereich einen langen Atem. Das zeigte sich bei unserem grössten Erfolg, als wir 2006 nach jahrelangem Kampf die Visumsfreiheit im Schengenraum für alle Nicht-EU-Bürger erstritten, die in der Schweiz eine Aufenthaltsbewilligung haben. Das war ein dringliches Bedürfnis unserer Mitglieder aus Kroatien, dem Kosovo oder der Türkei.

Ein Erfolg gegen den politischen Trend.
Ich bin überzeugt, dass die gesellschaftliche Realität weiter ist als die öffentliche Debatte. Die Schweiz ist ein Einwanderungsland, und das ist auch ein Teil ihrer Stärke. Aber es ist alles überdeckt von der populistischen Hetzkampagne von rechts. Die gewerkschaftliche Position lautet, dass alle, die hier arbeiten, die gleichen Rechte haben sollen. Die «Steuerung» der Migration, um das unschöne Wort zu brauchen, läuft nicht über Kontingente, sondern über die Kontrolle der Arbeits- und Lohnbedingungen. Gleiche Rechte, das bedeutet auch die Legalisierung der Sans-Papiers, die erleichterte Einbürgerung, das Referendum gegen das Asylgesetz. Was die Migrantinnen und Migranten aber am meisten wollen, das weiss ich von meiner Herkunft, ist vor allem eines: Respekt.

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