Nr. 47/2012 vom 22.11.2012

Da wurden sie wieder zu Patrioten

Es war ein Jahrhundertereignis: Am 24. November 1912 taten sich in Basel am Internationalen Socialisten-Congress die unterschiedlichsten linken Strömungen zusammen und verabschiedeten ein Friedensmanifest. Welche Aktualität hat die – in der Rückschau gescheiterte – Konferenz heute?

Von Thomas Bürgisser

Für den Frieden auf die Strasse: Demonstrationszug 1912 vom Basler Marktplatz durch die Freie Strasse. Foto: Staatsarchiv Basel-Stadt, NEG 2135

Es war eine eindrückliche Demonstration der Linken. An die 15 000 TeilnehmerInnen zogen vom Kasernenareal in Kleinbasel über die Rheinbrücke auf den Münsterplatz. Jung und Alt marschierten gemeinsam, schwenkten Hunderte roter Fahnen und Wimpel. Der Klang von Musikkapellen, Tambouren, Pfeiferinnen und das Geläut von Kirchenglocken hallten in der Herbstluft wider. Im prallvollen Basler Münster dann die feierliche Friedenskundgebung. Ausgerechnet von einer Kanzel richteten die führenden Köpfe des europäischen Marxismus ihren flammenden Appell an die internationale Arbeiterbewegung: «Krieg dem Kriege!» Viele ZeitgenossInnen nahmen dies als «weltgeschichtliches Ereignis» wahr. Es war Sonntag, der 24. November 1912.

Gegen Krieg und Kapitalismus

Die deutsch-französische «Marokkokrise» von 1911 und die italienische Annexion Libyens hatten gezeigt, wie rücksichtslos die europäischen Kolonialmächte in ihrem Wettstreit um das osmanische Erbe in Nordafrika mit dem Feuer spielten. Im Herbst 1912 fielen dann Serbien, Bulgarien, Montenegro und Griechenland über die letzten türkischen Besitzungen in Europa her. Auch im Hintergrund dieses «Balkankriegs» dräute der Konflikt zwischen den Grossmächten. Die europäische Aussenpolitik hasardierte von Krise zu Krise.

Dass sich die Linke mit der Friedensfrage beschäftigte, war damals keine Selbstverständlichkeit: Pazifismus galt als christlich-bürgerliche Honoratiorenbewegung, der viele SozialistInnen kritisch gegenüberstanden. Dennoch berief die Zweite Sozialistische Internationale in dieser Krisensituation den ausserordentlichen Basler Friedenskongress ein. Die Frage, die sie sich stellte: Welche Möglichkeiten hat die Arbeiterklasse, um einen drohenden Krieg der imperialistischen Mächte zu verhindern?

Auf Einladung der Basler SP hatten sich über 500 sozialdemokratische Delegierte aus 23 europäischen Staaten am Rheinknie versammelt, darunter herausragende Figuren wie Rosa Luxemburg, Clara Zetkin, August Bebel, Hjalmar Branting, Herman Greulich, Robert Grimm, James Keir Hardie, Jean Jaurès oder Karl Kautsky. In der Burgvogtei – dem heutigen Volkshaus – verabschiedeten die SozialistInnen ein Friedensmanifest. Darin gelobten sie, einen drohenden Krieg unter «Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel» abwenden zu wollen – und falls ein solcher Konflikt trotzdem ausbrechen sollte, ihn zur «Beseitigung der kapitalistischen Klassenherrschaft» auszunutzen zu versuchen.

Allein, kurz darauf war das schöne Manifest reine Makulatur. Auf dem Höhepunkt der Krise im August 1914 stimmten die sozialdemokratischen Parteien der involvierten Staaten – dort, wo sie in den Parlamenten vertreten waren – nahezu geschlossen für die Kriegskredite. Unter dem Druck vermeintlicher Sachzwänge zogen viele den patriotischen Schulterschluss im «Burgfrieden» einer unsicheren internationalen Solidaritätsaktion vor. Anstatt den Krieg mit einem Generalstreik zu verunmöglichen, folgten auch die Arbeitermassen der betroffenen Länder den Aufrufen ihrer Regierungen zur Generalmobilmachung. Das angeblich «vaterlandslose» Proletariat zog für die Nation an die Front. Es begann der Erste Weltkrieg, der Millionen Toter, Verkrüppelter und Vertriebener fordern sollte.

Welche Relevanz hat die – in der Rückschau tragisch gescheiterte – Basler Friedenskonferenz für uns heute noch? SP-Nationalrat Andreas Gross sagt: «Es gibt mehr Parallelen, als manchem bewusst ist.» Der ehemalige GSoA-Aktivist referiert im Rahmen einer in Basel stattfindenden Tagung (vgl. «‹Krieg und Frieden› in Basel») über die «Lektion von 1912». «Wir sind wiederum in einer strukturellen Übergangsphase mit einer hohen Konfliktintensität – alte Ordnungen lösen sich auf, neue sind noch nicht entstanden», führt Gross aus. «Unsicherheit, Prekarität, Ängste vieler sind gross – damals wie heute.»

Der Historiker Heiko Haumann, der die Konferenz mitorganisiert, sieht ebenfalls Anknüpfungspunkte: «Damals sah die Arbeiterbewegung im Kapitalismus die Wurzel für alle Kriege», sagt der emeritierte Professor an der Uni Basel. «Auch heute könnte man die Weltwirtschaftsordnung als zentrales Problem, Armut als Hauptursache für Kriege sehen.»

Tatsächlich sehen viele PolitologInnen die Gründe für heutige Konflikte vor allem im weltweiten Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich und den daraus erwachsenden Verteilkämpfen. Diese allerdings werden heute anders ausgetragen: Durch die Existenz supranationaler politischer Strukturen wie der EU erscheint etwa eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen regulären Streitkräften europäischer Staaten als unwahrscheinlich. Gewalt hat schwieriger fassbare Formen angenommen.

Stark gewandelt hat sich seit 1912 auch die Linke: Die 1889 in Paris gegründete Zweite Internationale war ein loser Zusammenschluss europäischer Parteien und Arbeiterorganisationen gewesen. Sie hatte eine grosse Vielfalt an unterschiedlichsten Strömungen zusammengebracht. Waren die einen in staatliche Institutionen ihrer Länder eingebunden, konnten andere nur aus dem Exil oder dem Untergrund politisch agieren; orientierten sich die einen an den bürgerlichen Wertesystemen ihres Umfelds, lebten die anderen in der Illegalität; wollten die einen durch Reformen einen Wandel herbeiführen, sahen die anderen in der Revolution der Weisheit letzten Schluss.

Erstaunliche Parallelen

Doch nicht nur die Spitzen der Internationale waren uneins. Es lasse sich aufzeigen, so Haumann, dass auch zwischen führenden PolitikerInnen und der Masse der Arbeiterbewegung eine tiefe Kluft aufgetreten war, die 1914 nicht mehr geschlossen werden konnte. Es war der europäischen Linken nicht gelungen, eine alternative proletarische Kultur aufzubauen, die sich an den tatsächlichen Bedürfnissen ihrer Klientel orientiert hätte: «Das Auseinanderbrechen der Zweiten Internationale im Ersten Weltkrieg und die Spaltung der Arbeiterbewegung in Sozialdemokratie, linkssozialistische und kommunistische Gruppierungen waren eine Folge dieser Entwicklung», sagt Haumann.

Auch Gross spricht von einer «enormen Kluft», die sich damals aufgetan habe «zwischen der radikalen Antikriegsrhetorik der linken Parteispitzen und der Art, wie nur zwei Jahre später Millionen von Menschen, die zu vertreten sie in Basel beansprucht hatten, dem herrschenden Nationalismus erlagen». Für den Europaratsparlamentarier bleibt das auch nach dem Zerfall der internationalen Arbeiterbewegung «unerhört aktuell» – auch heute gebe es wieder eine riesige Diskrepanz «zwischen der Rhetorik auch linker Eliten und dem tatsächlichen Bewusstsein ihrer Basis». Dabei bestehe doch «enormer gesellschaftlicher radikalreformerischer Handlungsbedarf», um die Herausforderungen der Gegenwart zu meistern. Allerdings zeige sich die Linke abermals unfähig, «transnational zu handeln und neu zu konstituieren, was national an Macht verloren geht».

Während 1912 der kommende Krieg den Frieden auf dem Kontinent bedroht hatte, so Gross, breche heute, im Zuge der Wirtschafts-, Finanz- und Schuldenkrise, in Europa die Demokratie – ein zentrales Element der Friedenssicherung – weg: Die «depressive Parallelität» zwischen den Jahrhunderten sieht er im Nationalismus, der auch heute wieder mehr um sich greife: «Immer, wenn es mit der echten Demokratie hapert – 1912 war sie real noch nicht gewonnen, heute sind wir daran, das, was wir hatten, wieder zu verlieren –, kommt der Nationalismus auf, als säkulare Glaubensalternative zu den real fehlenden Handlungsmöglichkeiten.»

«Heute müsste die radikale Linke eine echte europäische Verfassung erkämpfen», so Gross, «die die transnationale Demokratie etabliert und die ausser Rand und Band geratenen Finanz- und anderen Wirtschaftsmärkte im Interesse der Mehrheiten unter den Menschen und der Nachhaltigkeit der natürlichen Lebensgrundlagen zivilisieren und zähmen kann.»

Hundert Jahre lang ist Wasser den Rhein hinuntergeflossen, seit die europäische Linke in Basel über Konfliktverhinderung, Demokratisierung und soziale Gerechtigkeit debattiert und deklamiert hat. Ihre Frage, wie auf Krisen des Systems angemessen reagiert werden kann und soll, bleibt offen – und aktuell.

Bernard Degen, Heiko Haumann, Ueli Mäder, Sandrine Mayoraz, Laura Polexe, Frithjof Benjamin Schenk (Hrsg.): «Gegen den Krieg. 
Der Basler Friedenskongress 1912 und seine Aktualität». Christoph Merian Verlag. Basel 2012. 288 Seiten. 29 Franken.

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