villenwanderungen II : Ein Dorf, 370 Reiche

Nr.  48 –

St. Gallen St. Georgen – Brandtobel – Schäflisegg – Frölichsegg – Niederteufen – Rütiberg – Lustmühle

  • Die Reichen zogen an die Ränder: Villa am Rütiberg mit Säntis-Aussicht.
  • In St. Gallen arbeiten, in Teufen versteuern: Hier wohnt Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz.
  • Ausnahmsweise kein Flachdach: Neubau in Niederteufen.

Der erste Eindruck beim Weg hinaus aus dem St. Galler Quartier St. Georgen , an der Bauernhofbeiz Unterbrand vorbei: Jetzt sind wir auf dem Land. Kühe grasen auf knallgrünen Wiesen, Bauernhäuser stehen verstreut am Gegenhang, der bereits zum Kanton Appenzell Ausserrhoden gehört. Doch der Eindruck täuscht, das wird spätestens auf dem steilen Weg zur Schäflisegg klar: Die wenigsten Häuser werden noch von BäuerInnen bewohnt, dafür hat sich hier eine Frau Monegat den Traum von der Zwergpudelzucht erfüllt, und Zwanzigjährige fahren mit Offroadern herum, die sie sicher nicht selbst bezahlt haben. Wir sind in der Gemeinde Teufen, der steuergünstigsten des Kantons, komfortabel vor den Toren St. Gallens gelegen. Laut der Dorfzeitung «Tüüfner Poscht» leben in Teufen 370 MillionärInnen.

Wanderung St. Georgen nach Lustmühle
St. Georgen – Schäflisegg – Niederteufen – Rütiberg – Lustmühle: Strecke 6,9 km. Dauer 2–3 Stunden. Höhenmeter rauf 320 m. Höhenmeter runter 314 m.

Das Restaurant auf der Schäflisegg ist seit langem geschlossen, die Aussicht auf den Säntis trotzdem grandios. Wer hier geradeaus weitergeht, kommt zum Gesundheitszentrum A. Vogel, das Führungen in seinem Heilkräuterschaugarten anbietet. Phytotherapie, Homöopathie, Psycho-Kinesiologie, Ayurveda: Die Naturheilkunde boomt in Ausserrhoden, allein in Teufen gibt es Dutzende von Praxen.

Wir biegen aber nach rechts ab und steigen durch den Wald noch einige Meter höher hinauf zur Frölichsegg (998 Meter über Meer). Von hier geht es über Wiesen hinunter zum Bahnhof Niederteufen.

Als Teufen zur Steueroase wurde, war es schon eine bunte Mischung: bescheidene Häuschen der HeimarbeiterInnen des 18. und des 19. Jahrhunderts und die weissen Villen der Textilkaufleute, die zur gleichen Zeit reich wurden, Kleingewerbe, langweilige Fünfziger-Jahre-Einfamilienhäuser und traurige Siebziger-Jahre-Blöcke. Die Reichen zogen an die Ränder, an die Hänge, bauten Terrassensiedlungen oder verstecken sich in schmuck renovierten Bauernhäusern, bewacht von Schäferhunden und Pro-Specie-Rara-Geissen.

Der einstige Dorfteil Niederteufen ist längst eine Agglomeration. Ein Rundgang um den Hügel unterhalb der Bahnlinie lohnt sich. Wer ein Stück dem Wanderweg Richtung Kloster Wonnenstein folgt, kommt am Haus des Textilunternehmers Max Hungerbühler vorbei, einem bescheidenen Betonquader in einer Siedlung identischer Betonquader. Die besten Lagen sind vorne am Hang: freier Blick auf Säntis und Sonnenuntergang. Stilistisch dominiert auch hier der Beton. Mittendrin steht die Berit-Klinik, eine Privatklinik, spezialisiert auf «Eingriffe am Bewegungsapparat und nachgelagerte Rehabilitation»: «Die familiäre Atmosphäre gekoppelt mit Hightech-Medizin schafft Sicherheit und Vertrauen.»

Zurück bei der Bahnlinie folgen wir etwa 300 Meter der Hauptstrasse und nehmen dann den Wanderweg Richtung Rütiberg . Der Weg wirkt, als hätten ihm die GrundbesitzerInnen nur widerwillig Platz eingeräumt. Links am Hang wohnt Pierin Vincenz, CEO der Raiffeisenbank, die im Frühling die Bank eines anderen Teufeners, Konrad Hummler, übernommen hat. Schon wieder: Beton, Glas und Flachdach.

Die Villa daneben würde sich auch als Militärbunker gut machen. Dann geht es kurz über eine Wiese, bevor der Abstieg nach Lustmühle  beginnt. Es riecht durchdringend nach Gülle. Das Lustmühlequartier ist schlichter, fünfziger bis achtziger Jahre dominieren. Sechs ZahnärztInnen gibt es hier plus die Paracelsus-Klinik, die ebenfalls Zahnbehandlungen anbietet. Ein Gefühl von Stadtrand – doch die Stadt liegt erst hinter dem Tobel, in einem anderen Kanton mit einem anderen Steuerfuss.

Was bleibt, ist kein Eindruck von Reichtum, sondern einer von Zersiedlung.

Hinfahrt: Von St. Gallen Bahnhof mit dem Stadtbus Nr. 2 oder 8 bis Kirche St. Georgen.
Rückfahrt: Mit der Appenzeller Bahn ab Lustmühle zurück nach St. Gallen.
Ausrüstung: Turn- oder Wanderschuhe, Regenschutz, Karte, eventuell Stöcke.
Markierte Wanderwege, abgesehen vom Abstecher in Niederteufen.