Nr. 49/2012 vom 06.12.2012

Erziehungsratgeber (helfen weiter)

Mit der Geburt Ihres Babys kommt auch eine Menge Lektüre auf Sie zu. Welches Buch aber nützt bei der neuen Herausforderung?

Von Silvia SüessMail an AutorIn

Da stehen Sie nun in der Buchhandlung und wissen nicht, für welches Buch Sie sich entscheiden sollen. Die Titel sind alle vielversprechend: «Survival Guide für die Babyzeit. 333 Tipps von stresserprobten Müttern» oder «Wie Sie Ihr Kind erfolgreich fördern» oder «Was Kinderseelen brauchen. Erziehung ohne Zwang. Mit Konsequenz und Liebe» oder «Gute Autorität» oder «Jedes Kind kann Regeln lernen» oder «Von der Kunst, liebevoll zu erziehen. Sinnvoll Grenzen setzen und gute Laune bewahren».

Vielleicht kann eine Auswahl von Zitaten Ihnen beim Buchkauf helfen? Dazu drängt sich nach längerer Lektüre eine Unterteilung der Aussagen in drei Typen auf: Typ Nummer eins sind die «Nullaussagen». Darunter finden sich Sätze wie: «Kinder sind Kinder – ganz einfach aufgrund ihres Alters und ihres menschlichen Entwicklungsstands. Eltern aber sind nur Eltern durch ihre Kinder. Ohne Kinder wären sie keine Eltern, und erst zusammen mit ihnen sind sie eine Familie.» Oder: «Babys können zwar noch gar nicht reden. Aber wir können ihnen trotzdem zuhören.» Oder: «Ihr Baby ist nicht in der Lage, ein Gespräch mit Ihnen zu führen, aber es teilt sich Ihnen durch Laute, Weinen und Gesten mit.» Ob Ihnen Sätze wie diese weiterhelfen?

Aufziehen wie Pflanzen

Typ Nummer zwei sind die symbolischen Bilder. Das liest sich so: «Kraft ist wie eine Kerze mit einer riesigen hell leuchtenden Flamme. Das Licht, das wir als Eltern ausstrahlen, kann das Leben der Kinder erhellen.» Oder: «Bildlich gesprochen bringt Ihr Kind die Wurzeln mit, aus denen sich im Laufe seines Lebens ein kräftiger Baum entwickeln kann. Sie als Eltern übernehmen die Rolle des ‹Gärtners›.» Das ist doch schon mal etwas: Wenn Sie mit den Nerven am Ende sind, stellen Sie sich mal selbst als Kerze vor, zum Beispiel eine frisch gezogene, noch etwas weich und heiss, nach frischem Wachs riechend. Vielleicht hilft Ihnen das ja weiter.

Der dritte und häufigste Typ jedoch ist der Ratschlag. Da werden Sie mit gut gemeinten Tipps überhäuft – zu jedem Thema gibt es emsige Schreiberlinge, die meinen, etwas zu sagen zu haben. Tipps zum Schlafen, zum Stillen, zur Bekleidung, zur Freizeitgestaltung, zur Kommunikation – und dann natürlich zur Erziehung allgemein. Hier gehen die Ratschläge dann auch ziemlich auseinander. «Fragen Sie Ihr Kind nach seiner Meinung und lassen Sie es möglichst viele Dinge selbst entscheiden. Sprechen Sie anschliessend mit ihm den Entscheidungsprozess durch», liest man im einen Buch, während ein anderes weiss: «Von einmaliger oder zweimaliger oder auch zehnmaliger Nachgiebigkeit wird kein Kind tyrannisch. Aber wenn die Nachgiebigkeit gegenüber dem Kind zur Routine geworden ist und wie eine Selbstverständlichkeit wirkt, dann können die Konsequenzen fatal sein. Die erste Konsequenz liegt auf der Hand: Das Kind wird an seine Tyrannei gewöhnt.»

Warnung vor dem Kinde

Diese Tyrannei nimmt ein dritter Autor zum Anlass, sich über die heutigen Eltern zu ärgern: «Wen wunderts, wenn diese Kids auch immer mehr der Ansicht sind, sie seien wirklich die Mitte des Universums. Alles dreht sich um sie. Es gibt kaum andere ihnen ebenbürtige Personen, die ihnen etwas streitig machen. Sie geben den Ton, den Rhythmus und den Takt an und haben oft das letzte Wort.» Sein Tipp: «Also, liebe Eltern, bauen Sie Ihr Fünfsternehotel schleunigst um in eine mittelmässige Jugendherberge!» Spätestens hier empfehlen wir Ihnen die Flucht aus der Buchhandlung.

Übrigens: Der bekannteste Schweizer Kinderarzt und Autor hat gleich drei Standardwerke verfasst: «Babyjahre», «Kinderjahre» und «Glückliche Scheidungskinder». Wirklich zuversichtlich in Sachen Familienplanung macht das nicht.

Podiumsdiskussion: «Morgen, Kinder, wirds
was geben. Ist Erziehung die neue praktische Gesellschaftskritik?» in: Zürich, Sphères, Montag, 10. Dezember 2012, 20 Uhr. Auf dem Podium: Barbara Sichtermann, Publizistin, und Peter Schneider, Psychoanalytiker. Moderation: Rachel Vogt, WOZ.

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