Nr. 49/2012 vom 06.12.2012

Peace-Gitarre neben Panzer

Von Bettina Dyttrich

Yossi Guttman ist Arzt in Tel Aviv. Der Mittdreissiger wirkt wie mindestens vierzig und strahlt eine Traurigkeit aus, über die sich seine Mitarbeitenden wundern. Was sie nicht wissen: Yossi hat vor zehn Jahren im Militär seinen Freund verloren. Lior starb in einem Hinterhalt – Yossi war sein Kommandant. Die Liebesgeschichte der beiden erzählte der israelische Regisseur Eytan Fox 2002 in «Yossi und Jagger». Zehn Jahre später nimmt Fox Yossis Geschichte wieder auf. Der hat es immer noch nicht geschafft, sich als schwul zu outen, wird von einem Kollegen fast zu Sex mit einer Frau genötigt, und sein Internetdate entpuppt sich als arroganter Schönling.

Mit den Nerven am Ende, fährt Yossi in den Badeort Eilat am Roten Meer. Als er den jungen Soldaten Tom trifft, beginnt sich seine Erstarrung langsam zu lösen. «Yossi und Jagger» zog seine Intensität aus der Konzentration auf den Mikrokosmos einer abgelegenen Militärfestung und aus dem Kontrast zwischen dem verspielten Lior und dem verschlossenen Yossi. Er zeigte schön die Schizophrenie, in der junge Israelis aufwachsen, Technopartys feiernd, bevor sie in den Krieg ziehen.

Auch in «Yossi» scheint diese Schizophrenie kurz auf: In Liors Zimmer, das seine Eltern unverändert gelassen haben, steht eine Gitarre mit Peace-Zeichen neben einem Panzermodell. Doch so, wie Yossi von der Erinnerung an Lior lebt, lebt der neue Film zu stark von der Erinnerung an den alten. Der Krieg bleibt ausgeblendet: Toms Soldatenkollegen sind eine lustige Truppe und nicht einmal homophob. Auf den ersten Blick ist der Film eine schöne, aber fast zu simple Geschichte eines späten Coming-outs. Oder ist diese Einfachheit gewollt? Vielleicht ist es kein Zufall, dass auch Yossis neuer Geliebter ein Soldat ist, der genauso umkommen könnte wie Lior. Und dass die Geschichte in der künstlichen Oase Eilat spielt, über die Yossi sagt: «Schau dich um – sieht das aus wie die wirkliche Welt?»

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