Nr. 38/2012 vom 20.09.2012

Das Unbehagen will nicht verschwinden

Vom eingängigen Rockhit zur Komplexität: Keine Band mit vergleichbarem Erfolg ist einen derart eigenständigen Weg gegangen wie die fünf Briten von Radiohead, die jetzt wieder in der Schweiz zu hören sind.

Von Bettina Dyttrich

Ein Mann tanzt alleine in einem Zimmer. Langsam, dann plötzlich viel schneller schlängelt er Arme und Hände um seinen Körper, wackelt mit dem Kopf wie besessen, zuckt mit den Gliedern, stolpert im Kreis herum. Mit verzücktem Gesichtsausdruck legt er die Hände aneinander, als würde er beten. Die Augen hat er meistens halb oder ganz geschlossen.

Thom Yorke, Sänger der englischen Band Radiohead, tritt im Video zum Song «Lotus Flower» (2011) allein auf. Sein Tanz hat, auch weil er ihn mit einer solchen Ernsthaftigkeit ausführt, etwas enorm Komisches. Er wirkt nicht ganz bei sich, an einem Ort, wo sich die meisten Leute lieber nicht filmen lassen würden. Es könnte sonst jemand lachen.

«People look ridiculous when they’re in ecstasy», Leute in Ekstase sehen blöd aus, hat die Band Talking Heads einmal geschrieben. So machen sich auch viele YouTube-ZuschauerInnen lustig über das Video. Doch andere kommen zum Schluss, es sei nicht lächerlich, sondern magisch.

Warme, organische Elektronik

Er war eingängig, er war romantisch, und er passte – verhaltene Strophen, krachende Gitarren im Refrain – perfekt in die Nirvana-Ära: Der Song «Creep», vor genau zwanzig Jahren erschienen, brachte Radiohead weltweiten Erfolg. Die Band schloss mit dem EMI-Konzern einen Vertrag für sechs Alben ab: Auch das Musikbusiness war noch in einer anderen Ära. «Creep» zeigte das Songschreibertalent der fünf Musiker, doch noch wies nichts darauf hin, was aus ihnen werden würde. Kaum eine Band, sicher keine mit vergleichbarem kommerziellem Erfolg, ist in den letzten zwanzig Jahren einen ähnlichen Weg gegangen.

Heute machen Radiohead Musik, in der analoge Instrumente und Elektronik verschmelzen, als hätte es nie eine Trennung gegeben. Sie arbeiten mit flimmernden Pianosequenzen, gesampelten Stimmen und Dancebeats, setzen Streichorchester, Flügelhörner oder exotische elektronische Instrumente wie die Ondes Martenot ein. Dazwischen macht Yorke mit Elektronikern wie Four Tet oder Burial Musik; Gitarrist und Multiinstrumentalist Jonny Greenwood hat mit dem polnischen Komponisten Krzysztof Penderecki eine CD aufgenommen.

Es gibt immer noch Leute, die ihnen das nicht verzeihen. So meint die britische Zeitung «Telegraph»: «Dass Radiohead die traditionellen Rockinstrumente aufgaben, war von Anfang an problematisch. Sie machen mit elektronischen Geräten ganz einfach nicht so regelmässig erhabene [‹sublime›] Musik wie mit guten alten Gitarren.»

Gitarren seien überbewertet, meint dagegen Jonny Greenwood – und eine Stimme, die den ganzen Aufnahmeprozess durchlaufe und am Schluss aus einem Lautsprecher klinge, sei genauso «fake» wie ein Synthesizer. Radiohead führen die Einteilung in «natürliche» Gitarren und «künstliche» Elektronik ad absurdum: «OK Computer» von 1997, das letzte eigentliche Gitarrenalbum, klang klaustrophobisch wie ein hell erleuchteter Supermarkt ohne Ausgang – weit künstlicher und kälter als die von Elektronik geprägten «Kid A» (2000) und «Amnesiac» (2001). Das Elektronische hat bei Radiohead oft etwas Organisches, es tönt warm.

Das gilt besonders für das letzte Album «The King of Limbs». Es ist nach einer tausendjährigen Eiche im englischen Savernake Forest benannt, das Plattencover ist voller Pflanzen und Mensch-Baum-Hybridwesen, und in den Texten tauchen Quallen, Libellen und ein Bösewicht namens Mr. Magpie (Herr Elster) auf. Und es klingt auch so: Die fragile Stimme am Anfang von «Give Up the Ghost» kommt direkt aus dem Wald, «Codex» ist eine Meditation über einen See, der bis in die Musik hinein zu leuchten scheint.

Doch während Tier- und Naturbilder bei anderen Bands oft in einen Heile-Welt-Eskapismus, in eine simple Welt ohne Fragen führen, verschwindet das Unbehagen aus Radioheads Welt nie. «Weck mich auf», wiederholt Yorke am Ende immer wieder, im berückend schönen und gerade deshalb unheimlichen «Separator». Die Schönheit ist zerbrechlich; «The King of Limbs» lässt sich als Ökoplatte lesen, so absurd das ist für eine Band, die regelmässig um die Welt fliegt.

Websites als Psychotests

Radioheads Experimente mit Elektronik begannen Ende der neunziger Jahre. Nach einer zermürbenden Welttournee und einem Nervenzusammenbruch hatte Thom Yorke genug von allem, was mit Rock zu tun hatte. Er habe nur eine Band gegründet, weil er gedacht habe, das Musikbusiness sei weniger korrupt als das Kunstbusiness, sagte der ehemalige Kunststudent. Er habe sich getäuscht.

Zusammen mit seinem Kunstschulfreund Stanley Donwood, mit dem er auch die Plattencovers gestaltet, begann Yorke im Internet zu arbeiten. Das Resultat waren emotionale Analysen einer klaustrophobischen Gesellschaft: Websites als Labyrinthe, als Psychotests, voller apokalyptischer Bilder und Kritzelzeichnungen von mutierten Bären. Überwachung und Psychopharmaka sind wiederkehrende Themen. Um die Jahrtausendwende begann sich Yorke auch öfter politisch zu äussern.

Eines der politischsten Lieder war zugleich eines der sanftesten: «You and Whose Army?» von 2001, eine Antwort auf Tony Blairs Kriegsrhetorik, ist mit einem Spezialmikrofon aufgenommen, das Yorkes Stimme wie durch Filz klingen lässt. Ein Lied, das im ganzen Gestus so «unmännlich» wie möglich daherkommt und gerade deshalb ein treffenderes Antikriegsstatement ist als alle wütenden Protestsongs. «In Gender-Kategorien gedacht, ist hier der im Punk vorherrschende männliche Panzer abgelegt worden», hat der verstorbene Musikjournalist Martin Büsser über Thom Yorke geschrieben. Dass der Sänger in Onlineforen immer wieder mal als schwul bezeichnet wird, ist kein Zufall. Das Wort meint hier weniger eine sexuelle Orientierung als einen «weichen» Typ Mann – der auch Zeilen singen kann wie: «Ich werde mich anziehen wie deine Nichte und deine geschwollenen Füsse waschen.» «Yorkes Anliegen war nie defensiv, schon gar nicht depressiv», schrieb Martin Büsser. «Aus seiner Stimme spricht Hoffnung auf Veränderung dort am stärksten, wo sie am zerbrechlichsten ist.»

Während Thom Yorke früher von öffentlichen Auftritten und seiner eigenen Intensität oft überfordert wirkte, scheint er heute Kraft aus der Entgrenzung der Konzerte zu ziehen. Er komme beim Singen in einen meditativen Zustand, sagte er letztes Jahr dem «Rolling Stone». Er habe eine Weile gebraucht, um zu verstehen, dass das ein guter Ort zum Hingehen sei. «Es ist okay, die Augen zuzumachen.»

Eskapismus ist das nie, allenfalls ein wirklicher Fluchtweg aus der Enge im eigenen Kopf. In Yorkes Worten: «Ein gutes Musikstück ist wie etwas, das ein Loch in die Wand schlägt, sodass du hinaus auf einen anderen Ort siehst, von dem du nicht wusstest, dass er existiert.»

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