Nr. 49/2012 vom 06.12.2012

Der Wunderbrei

Karin Hoffsten sorgt sich um den frühkindlichen Verdauungstrakt.

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Es gibt selbst mitten in Zürich Menschen, die seit vielen Jahren in einer schönen alten Mietwohnung leben, die die Gentrifizierung noch nicht ausgekernt hat. Handkehrum ist in so einem schönen alten Haus zwar vieles alt und gemütlich, aber nicht mehr so ansehnlich. Zum Beispiel die Küche meiner Freundin Britta. Weil Britta eine wunderbare Gastgeberin und Köchin ist, weiss ich das. Selbst der Hauseigentümerin schien das Alter der Küche eines Tages zu dämmern, weshalb sie ankündigte, aus dem Tessin anzureisen, um einen Augenschein zu nehmen.

Das wollte vorbereitet sein. Zwei Tage lang wütete Britta. Sie räumte aus, räumte um, warf weg, entfernte feinste Fettfilme von Regalen und Gewürzgläschen, in denen von Kardamom bis Pili Pili alle Aromen des Erdkreises ihrer Bestimmung harren. Dabei stiess sie auf ein zwanzigjähriges Blechdöschen: Nestargel. Das ist ein pflanzliches Bindemittel aus Johannisbrotkernmehl und wird – wie der Name andeutet – von Nestlé hergestellt. Man kann damit eine Sauce andicken, dann wirkt es ähnlich wie Maizena.

Es war zu alt, es musste weg. Als zuverlässige Mülltrennerin warf Britta das Döschen in die Metallsammlung, das weisse Pulver spülte sie im Schüttstein herunter. Als sie eine Viertelstunde später den Wasserhahn aufdrehte, entdeckte sie im Abfluss eine gelierte Masse: Nestargel hatte seine Wirkung getan!

Britta kratzte mit den Fingern und pumpte mit dem Saugnapf, bis es im Abfluss wieder ein bisschen zu gluckern schien. Schliesslich ging sie erschöpft zu Bett. Am nächsten Morgen war es aus. Wie Beton verschloss das tüchtige Nestargel den Küchenschüttstein. Britta wurde von Panik erfasst und rief den Rohrmax an.

Der setzte nicht, wie sie gehofft hatte, einen gigantischen Spezialstaubsauger an, um ihr Rohr zu putzen, sondern kniete vor dem Schüttstein und räumte grummelnd antik anmutende Putzmittel aus dem Unterschrank, um an den Siphon zu kommen. Der widersetzte sich dem Aufschrauben mit aller Kraft. Der Rohrmax-Mann stöhnte. Schliesslich gelang die Operation. Der Arbeitsrapport gab das zweistündige Drama wieder: «Jahrzehnte nicht gereinigt – grosse Verstopfungsgefahr – in letzter Zeit gehäuft Probleme – zuletzt durch unsachgemässe Behandlung total verstopft.» Die Rechnung betrug über 500 Franken.

Die sachgemässe Anwendung von Nestargel fand ich dann im Internet: Es dient der Behandlung sogenannter Spuckkinder, bei denen alles, was reingeht, umgehend wieder rauskommt. Zahllose Dankeshymnen vormals verzweifelter Eltern scheinen es zu bezeugen, denn wie eine glückliche Mutter schreibt: «Das Nestargel schliesst den Magen sehr gut und mein Kleiner fühlt sich wieder wohl.»

Angesichts oben geschilderter Vorgänge hätte ich da grösste Bedenken.

Karin Hoffsten ist WOZ-Redaktorin.

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