Nr. 50/2012 vom 13.12.2012

«Take Five», räusperte sie sich

Von Knud Kohr

«Take Five», 
räusperte sie sich

Am 5. Dezember 2012 starb Dave Brubeck, plötzlich und unerwartet und einen Tag vor seinem 92. Geburtstag. Mir hat der US-amerikanische Jazzpianist einen Abend geschenkt, an den ich mich für immer und ewig erinnern werde.

In den frühen achtziger Jahren war es mir gelungen, in das Jugendzimmer einer neuen Mitschülerin vorzudringen. Sie kam aus Hamburg, ich lebte seit meiner Geburt in Cuxhaven. Sie trug Poncho, rauchte selbst gedrehte Zigaretten und hörte am liebsten Charlie Parker. Ich trug pastellfarbene Lederschlipse und trank am liebsten Cherry Coke. Mein Lieblingsmusiker hiess Heinz Rudolf Kunze. Was soll man unter solchen Bedingungen tun? Wir schwiegen und schauten konzentriert aneinander vorbei. Obwohl wir beide merkten, dass wir viel lieber knutschen würden, fanden wir einfach keinen Anfang.

Wahrscheinlich hätte auch keiner von uns sagen können, warum er ausgerechnet mit diesem anderen Wesen knutschen wollte, das offenbar von einem anderen Stern stammte. Aber die Frage stellte sich nicht. Anfang der Achtziger. In einem Jugendzimmer in Cuxhaven. Die Stille wurde nur unterbrochen durch das Knistern der Nadel in der Auslaufrille der letzten LP, und manchmal noch durch ihren glockenhellen Raucherhusten.

Irgendwann fragte sie: «Noch ein bisschen mehr Musik?» – «Klar», antwortete ich weltmännisch. Dabei hoffte ich inständig, dass sie auf Fachfragen verzichten würde. Ob ich lieber Neil oder Louis Armstrong hören wollte oder so einen Kram. Sie hatte aber auch schöne Lippen!

Die nächste Platte begann auf dem Teller zu knistern. «Dave Brubeck Quartet», sagte sie. «Ah!», sagte ich. «Noch nie gehört», dachte ich. Aber eines der Stücke kannte ich. «Take Five», sagte sie, als ich verkrampft mitzuschnippen begann. Was bei einem Fünfvierteltakt bescheuert aussehen musste. Sie schüttelte milde den Kopf. Hielt mir eine ihrer Hände in Griffweite. «Take Five», räusperte sie sich und wackelte mit ihren Fingern. Fünf Stück. Das war sogar für einen Lederschlipsträger deutlich genug. Ich griff nach ihrer Hand, und plötzlich wurde alles ganz einfach.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch