Nr. 02/2013 vom 10.01.2013

Rat und Tat gegen das «Wahrnehmungstief»

Roland Meyer, 75, ist seit fast vierzig Jahren aktiver AKW-Gegner. Er wollte kürzertreten, stattdessen hat er drei neue Vereine gegründet. Sein Ziel bleibt dasselbe: Aufklärung.

Von Andreas Schneitter (Text) und Basile Bornand (Foto)

Roland Meyer: «Es gibt keine vernünftigen Gründe für Atomstrom.»

Roland Meyer wollte schon aufhören. 2005 trat er aus dem Vorstand der Gewaltfreien Aktion Kaiseraugst (Gak) zurück. Die Gak hatte ihre historische Aufgabe längst vollbracht: 1975 fuhren in Kaiseraugst die Bagger auf, um mit dem Aushub für ein AKW zu beginnen. Leute der Gak bestiegen die Baumaschinen, die Arbeit wurde unterbrochen. 15 000 Menschen kamen, um gegen das Bauvorhaben zu protestieren. Sechs Wochen blieb das Gelände besetzt, und nach langen Jahren voller Neuprojektierungen und Rechtsverfahren zog der Bund die Bewilligung zurück. In Kaiseraugst wurde nie ein AKW gebaut. «Strom ohne Atom» – den noch heute wirksamen Slogan entwarf Meyer später für eine Basler Volksinitiative zum Schutz der Bevölkerung vor Atomkraftwerken.

Nach der Katastrophe von Tschernobyl 1986 verlor Atomkraft zwecks Stromgewinnung in der Schweiz einen Grossteil ihrer Unterstützung, den Atomenergiegegnerinnen fehlten die Kontrahenten. Mittlerweile pensioniert, arbeitete der Physiklehrer an einem Lehrmittel für ein Nachhilfezentrum. Und gab in seinem Abschiedsporträt im Magazin der Gak ein Versprechen ab: «Wenn Bedarf ist, werde ich mit Rat und Tat und meiner ganzen Erfahrung wieder da sein.»

Nur drei Jahre später, 2008, reichten die Energieunternehmen Alpiq, Axpo und BKW drei Rahmenbewilligungsgesuche für Atomkraftwerke ein. Meyer stieg wieder in die Hosen.

Ein «Wahrnehmungstief» gegenüber dem Atomstrom habe in diesen Jahren geherrscht, erinnert sich Meyer. Tschernobyl war weit weg, die Erinnerung an Kaiseraugst verblasste. An Engagement habe es nie gemangelt, resümiert Meyer, jedoch an Information. Er durchforschte das Internet, begutachtete das Informationsmaterial, das die Atomindustrie und die Stromkonzerne unter anderem für den Schulunterricht zur Verfügung stellten, und befand: «Das Material ist gut gemacht und umfangreich, aber ein Teil fehlt – die kritischen Punkte.»

Weder war von den Havarien die Rede, noch wurden mögliche Langzeitschäden bei einem Unfall konkret aufgeführt. 2009 gründete Meyer das Komitee «Schule und Atom». Zweck: «Erstellung und Verbreitung von Informationsmaterial für Lehrpersonen». Im Januar 2012 ging unterrichtatom.ch online. Die Seite kommt nüchtern daher, und genau das will Meyer: «Keine Propaganda, sondern ausgewogenes Informationsmaterial, das auch Atomkraftbefürworter nicht gleich abschreckt.» Die Feedbacks sind positiv. Denn in den wenigen Jahren zwischen Idee und Realisierung stieg das Bedürfnis nach Informationen zur Atomenergie plötzlich rasant an: Am 11. März 2011 bebte die See vor der Ostküste Japans, ein Tsunami brach über das Land hinein und zerstörte vier Reaktoren des Atomkraftwerks Fukushima.

Manchmal überlegt Meyer, wie Atomenergiebefürworter ihre Argumente wählen. «Hirnblöd», entfährt es ihm dann, «es gibt keine vernünftigen Gründe für Atomstrom.» Der Anteil von weniger als zehn Prozent am Gesamtenergieverbrauch sei ersetzbar, die Kosten für einen Rückbau der AKWs immens, die schlimmstmöglichen Schäden wären für die Schweiz kaum zu verkraften. «Ereilte das AKW Mühleberg eine Katastrophe, müsste man das Seeland für Jahrhunderte sperren und eine Million Leute dauerhaft umsiedeln.»

Meyer traut der Dauerhaftigkeit einer Opposition gegen AKWs nach Fukushima nicht. «Nach der Kernschmelze in Harrisburg 1979 hiess es, eine unvorhersehbare Fehlerkette sei die Ursache, in Tschernobyl gab man den sowjetischen Sicherheitsstandards die Schuld, in Fukushima war es der Tsunami.» So werde die Atomenergie stets entlastet, «aber vor Fehlerketten und menschlichem Versagen sind auch die Schweizer AKWs nicht sicher – geschweige denn vor einem Terroranschlag.» 2010 gründete Meyer mit anderen früheren Aktivisten wie Aernschd Born den Verein NWA55+, den «Seniorenklub», wie er sagt, um die Erfahrungen und das Wissen zu bewahren und weiterzugeben.

Zum selben Zweck wurde vor zwei Monaten auch der Verein Dokumentationsstelle atomfreie Schweiz ins Leben gerufen, ein Archiv, in dem die Materialien aus der Anti-AKW-Bewegung gesammelt und präsentiert werden sollen. Die Eröffnung soll Mitte 2013 sein. Sein grösstes Projekt hat Meyer indes noch vor sich: die Gräben zuzuschütten. Die Haltung zur Atomfrage hat sich im Verlauf der Kaiseraugst-Bewegung entlang der politischen Trennlinien entwickelt, seither stehen die Atomenergiegegner links, die Befürworterinnen rechts. «Aber die Atomfrage ist keine politische Frage», entgegnet Meyer, «sondern eine Sachfrage, auf die der gesunde Menschenverstand nur eine Antwort kennen kann.» Er selbst hat in den siebziger Jahren den Wandel vom uninformierten Befürworter zum fachlich bewanderten Gegner vollzogen, ohne in seinem politischen Denken einen Linksruck erlebt zu haben. Darüber will er künftig häufiger reden, solange er noch kann. «Dieses Jahr werde ich 76. Ich bleibe dran.»

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