Nr. 04/2013 vom 24.01.2013

Hummler bei Oprah

Etrit Hasler über Lance Armstrong und andere Uneinsichtige.

Von Etrit Hasler

Ich will ja nicht den ewigen Besserwisser spielen, aber ich wusste es schon immer. Zugegeben: Die Anzahl der Menschen, die ernsthaft glaubten, dass Lance Armstrong seine Toursiege drogenfrei eingefahren hätte, tendierte schon vor seiner Busse bei Oprah Winfrey gegen null. Und persönlich hat mich «Celebrity Rehab with Dr. Drew» (eine Realityshow, in der Prominente gemeinsam in den Entzug gehen) immer mehr fasziniert als die Berichterstattung über Radsport – der Anteil illegaler Drogen mag bei beiden Sendungen ähnlich hoch sein, aber bei den offen Süchtigen sind die Dialoge besser.

Nun gut, mit dem Oprah-Geständnis haben wir nun alle auch noch unseren Reality-TV-Moment mit Armstrong geniessen dürfen – wie es sich für die Läuterung Prominenter nicht nur in den USA gehört. Man mag von Oprah halten, was man will, aber die Frau stieg nicht umsonst zur ersten schwarzen Milliardärin der Welt auf: Immerhin brachte sie den ungewohnt demütigen Armstrong zur Formulierung, er sei ein «Bully» (ein Pausenplatzprügler) gewesen. Und auch wenn Armstrong keine Namen nannte, ging er auf Oprahs Kuschelsessel immerhin so weit, dass er zugab, dass der Radsport von oben bis unten mit Doping durchsetzt ist. Er habe nur mit gleich langen Spiessen kämpfen wollen. Und als Zuschauer wurde man das Gefühl nicht los, dies sei kein Geständnis, sondern eine Verteidigungsrede.

In perverser Manier erinnerte die Argumentation an die der US-Waffenlobby NRA, deren VertreterInnen nach dem letzten Schulmassaker nicht müde werden, Waffen für das Schulpersonal zu fordern – ganz getreu dem alten Grundsatz «Hätten die anderen auch eine Knarre gehabt, hätten sie sich wenigstens wehren können», wie dies der Slampoet Renato Kaiser einmal so schön formuliert hat.

Interessanterweise stösst Armstrong (leider im Unterschied zu den antidemokratischen PsychopathInnen der NRA) mit seinem Geständnis nicht auf sehr viel Verständnis. «Unglaublich selbstverliebt» nannte die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» das Geständnis, die «taz» fragte mit Derrida gar, ob es «Vergebung für das Unvergebbare geben» kann. Kriegen wir uns für einen Moment wieder ein: Armstrong hat getan, was alle anderen, die im Radsport um den Sieg mitfahren wollen, auch tun. Dieser Logik zufolge war er der Beste unter ihnen. Man könnte gar argumentieren, er hätte seine Toursiege so ehrlich gewonnen wie eben möglich.

Das Problem ist auch nicht das Doping: Armstrong hat jahrelang gelogen, ging sogar so weit, dass er Menschen, die die Wahrheit sagten, vor Gericht zerrte und dort erfolgreich verklagte. Sprich: Er sass im Glashaus und warf verdammt lange erfolgreich mit riesigen Steinen um sich. Das ist grosskotzig und verlogen.

In der Schweiz erleben wir derzeit gerade einen sehr ähnlichen Fall, wenn auch in einer anderen, mindestens ebenso dreckigen Sportart: Konrad Hummler gab öffentlich zu, was wir alle schon wussten – dass die in den USA illegalen Geschäftspraktiken seiner Wegelin-Bank den Gepflogenheiten des Schweizer Finanzplatzes entsprachen. Der Unterschied zu Armstrong ist wohl der, dass Hummler zu feige war, dieses «Geständnis» selber abzulegen – er schickte seine Domestiken.

Seine Reaktion auf Kritik scheint derzeit der des «alten» Armstrong zu gleichen – er zerrt Kritiker vor Gericht. Und ähnlich wie Armstrong ist auch Hummler mit seinem fragwürdigen Handwerk vor allem eins geworden: steinreich. Doch im Unterschied zu Hummler nimmt Armstrong mit seiner öffentlichen Entschuldigung grosse Risiken in Kauf – Klagen durch ehemalige Sponsoren und andere Geschädigte werden mit Sicherheit die Folge sein. Konrad Hummler verbunkert sich im Elfenbeinturm der NZZ und würde eher tot umfallen, als dass er die Worte «es tut mir leid» über die vertrockneten Lippen bringt. Ob dies ein Schutzwall ist, den nicht einmal Oprah knacken könnte, werden wir wohl leider nie erfahren.

Etrit Hasler interessiert sich weder 
besonders für Radsport noch für Banker. 
Ein Fernsehformat wie «Banker Rehab» 
würde er sich aber durchaus ansehen.

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