Nr. 17/2020 vom 23.04.2020

Wie sicher? Wie freiwillig?

Ein Covid-Impfstoff brächte Entspannung. Allerdings würden ihn alle gleichzeitig haben wollen. Ein Berner Start-up arbeitet an einer Lösung, die günstig und in der ganzen Welt produziert werden könnte.

Von Susan Boos (Text) und Ursula Häne (Foto)

«Wir sind wie die Post und organisieren den Transport, damit ein Wirkstoff im Körper an den richtigen Ort kommt»: Camille Peitsch und Stéfan Halbherr im Innomedica-Labor in Marly FR.

Der Pandemieplan des Bundes ist ein wohlüberlegtes Papier. Sogar an die Beschaffung eines Impfstoffs hat man gedacht. Der Bund hatte zu diesem Zweck mit Novartis einen sogenannten Reservationsvertrag abgeschlossen, der 2020 ausläuft. Der Basler Pharmariese soll «im Ereignisfall die nötige Menge Impfstoff liefern», damit schnell bis zu achtzig Prozent der Bevölkerung geimpft werden können, steht im Plan. Die Reservation der Produktionskapazitäten hat laut dem Bundesamt für Gesundheit jährlich zehn Millionen Franken gekostet.

Doch Novartis verkaufte vor geraumer Zeit seine Impfstoffsparte. Der Bund hat inzwischen mit der australischen Firma Seqirus, die auf Grippeimpfstoffe spezialisiert ist, einen neuen Vertrag abgeschlossen.

Die Schweiz wäre also in drei bis sechs Monaten mit Impfstoff versorgt, wenn es sich um eine Grippepandemie handeln würde. Davon ging der Bund bei seiner Planung aus. Nun hat aber nicht ein Grippe-, sondern das Coronavirus die erste weltumspannende Pandemie ausgelöst. Für dieses Virus gibt es noch keinen zugelassenen Impfstoff. Viele Firmen und Institute forschen unter Hochdruck daran. Sechzig Projekte laufen weltweit, einige davon in der Schweiz (siehe WOZ Nr. 15/2020).

Impfstoff für alle

Der Impfstoffweltmarkt wird von vier Pharmakonzernen beherrscht – Glaxo Smith Kline (GB), Merck (D), Sanofi (F) und Pfizer (USA) –, aber keine einzige Firma produziert zurzeit in der Schweiz Impfstoffe. In den letzten Jahren war die Versorgung deshalb immer mal wieder prekär. Diverse wichtige Impfstoffe – wie zum Beispiel gegen Tollwut – standen nicht zur Verfügung. Das könnte auch beim Covid-Impfstoff passieren, da ihn alle Staaten gleichzeitig und in grossen Mengen werden kaufen wollen. Die Schweiz dürfte ein Problem haben, sich schnell damit einzudecken – ähnlich wie mit den Gesichtsmasken.

«Die breite Bevölkerung möglichst sicher mit Impfstoff zu versorgen, ist klar Aufgabe des Bundes», sagt die Ärztin Yvonne Gilli. Sie politisierte früher für die Grünen im Nationalrat und sitzt im Vorstand der FMH, dem Berufsverband der ÄrztInnenschaft. «Bei der Frage um die medizinische Versorgung geht es aber nicht nur um Impfstoff», gibt sie zu bedenken, «das Problem betrifft auch viele lebenswichtige Medikamente, die heute oft nicht lieferbar sind.»

Gilli sagt, allein bekomme die Schweiz das nicht hin, das gehe nur in Zusammenarbeit mit der EU. Und da kommt die grosse Politik ins Spiel. Die EU teilte Anfang Jahr mit, sie werde die Schweizer Regeln für Medizinalprodukte nicht mehr als gleichwertig anerkennen, wenn das Rahmenabkommen nicht unterzeichnet werde. Für die Schweiz dürfte es dann noch schwieriger werden, Medikamente oder Impfstoffe aus dem EU-Raum zu beziehen. Um das zu verhindern, müsse die Schweiz einige unangenehme Kompromisse eingehen, sagt Gilli.

Sie wirft noch die Frage des Preises auf: «Wer am meisten für den Impfstoff bezahlt, wird – sobald er zur Verfügung steht – sicher Zugang haben. Was aber passiert mit den ärmeren Ländern, die ihn sich nicht leisten können?» Das kennt man von anderen Impfungen, zum Beispiel der HPV-Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs. Eine Dosis kostet fast 300 Franken. In Entwicklungsländern ist diese Impfung zum Teil noch teurer als in der Schweiz und damit unerschwinglich.

Gilli fordert eine internationale Lösung, um wichtige und zugelassene Impfstoffe global, auch für arme Länder, verfügbar zu machen. Eine Konzentration auf einen einzigen Produktionsstandort oder einzelne Hersteller müsse vermieden werden.

Produktion im Inland

Wenn es so kommt, wie Stéfan Halbherr es sich vorstellt, hat er den Impfstoff, von dem Gilli spricht. Einen, der günstig und einfach auf der ganzen Welt produziert werden könnte. Halbherr ist Mitgründer von Innomedica. Das Berner Start-up hat sich in den letzten Jahren unter anderem mit Medikamenten gegen Krebs und Parkinson beschäftigt. Impfstoff hat die Firma noch nie hergestellt. Aber Halbherr hat über Impfstoffe promoviert.

Mit Leidenschaft und Geduld erklärt er, was Innomedica eigentlich tut. Die Firma entwickelt keine Medikamente im klassischen Sinn, sie ist mehr Logistikerin: «Wir sind wie die Post und organisieren den Transport, damit ein Wirkstoff im Körper an den richtigen Ort kommt und auf dem Weg dorthin möglichst nichts beschädigt.» Die Firma ist spezialisiert auf die Produktion von Liposomen, kleinen Kügelchen aus Fettsäuren. Diese Liposomen dienen als Transportmittel. Man packt zum Beispiel ein Krebsmedikament rein, um es durch den Körper zum Karzinom zu lotsen. Im Fall des Impfstoffs werden Proteine des Virus auf die Kügelchen gepackt. Diese Proteine sitzen beim richtigen Virus aussen auf der Hülle. Mit ihnen dockt das Virus an die Körperzellen an, dringt in sie ein und vermehrt sich darin.

Diese Proteine werden schon isoliert industriell hergestellt. Innomedica wird sie zukaufen und mit den Liposomen zusammenbauen. So entsteht eine ungefährliche Virusattrappe. Die Attrappe soll das Immunsystem dazu anregen, Antikörper zu entwickeln. Werden die Antikörper mit einem echten Virus konfrontiert, neutralisieren sie es, bevor es Schaden anrichten kann. Der Vorteil ihres Impfstoffs sei, dass er nur Stoffe enthalte, die der Körper leicht abbauen könne, sagt Halbherr. Deshalb sollten keine unangenehmen Nebenwirkungen entstehen.

Der Virologe Martin Bachmann von der Uni Bern, der ebenfalls einen Impfstoff entwickelt, benutzt anstelle der Liposomen ein Virus, das Gurken befällt. Das ist neu und gilt als vielversprechend, ist aber noch nicht breit erprobt.

Bachmann ist mit seinem Projekt schon ein bisschen weiter als Innomedica. Demnächst wird er damit die ersten ProbandInnen testen. Laut Bachmann soll sein Impfstoff im Oktober bereit sein. «Wir setzen alles daran, ihn in der Schweiz zu produzieren, weil die Grenzüberquerung schwierig sein könnte», schreibt Bachmann der WOZ. Er plant, mit einem «der grossen Player» zusammenzuarbeiten, hat konkret aber noch keine Firma, die den Impfstoff auch herstellen würde.

In diesem Punkt ist Innomedica weiter. Ab Herbst könnte sie in ihrer Fabrik in Marly FR täglich 150 000 Impfdosen herstellen. Um die Produktion hochzufahren, müssten sie rund 35 Millionen Franken investieren. Das sei aber kein Problem, wenn zum Beispiel der Bund mehrere 100 000 Impfungen vorbestellen würde, so Halbherr. Das Herstellungsverfahren, das sie entwickelt haben, sei sehr einfach. Er würde, sagt er, dieses Verfahren gerne anderen zur Verfügung stellen: «Damit auch Schwellenländer in der Lage wären, selber günstig Covid-Impfstoff zu produzieren.» Doch vorher müsste sowohl Halbherrs wie Bachmanns Impfstoff erst eine Zulassung erhalten.

Beschleunigte Zulassung?

Das Heilmittelgesetz lässt es zu, dass in Ausnahmesituationen Impfstoff beschleunigt zugelassen wird. Das kann problematisch sein, weil Spätfolgen zum Teil erst nach Jahren sichtbar werden. «Doch je höher der Krankheitsdruck, desto mehr sind die Leute bereit, ein Risiko in Kauf zu nehmen», sagt Christoph Berger, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, die den Bundesrat berät. Sollte Covid-19 in den nächsten Wochen verschwinden, sieht es anders aus, als wenn nach den ersten Lockerungen gleich wieder eine Krankheitswelle losbricht. Dann werden Behörden wie Bevölkerung eher bereit sein, einen Impfstoff zu akzeptieren, der noch nicht bis ins letzte Detail geprüft ist. Für gewöhnlich dauert die Zulassung und Herstellung fünf bis sechs Jahre. Selbst bei einem beschleunigten Verfahren werde es ein bis eineinhalb Jahre dauern, schätzt Berger.

Das Besondere an einem Pandemieimpfstoff: Man wird ihn innerhalb kurzer Zeit weltweit möglichst vielen Menschen verabreichen. Deshalb sollte er bezüglich seiner schädlichen Wirkung sehr genau geprüft sein. Bei beschleunigt zugelassenen Impfstoffen stellen sich auch ethische Fragen. Ein Siebzigjähriger mit hohem Blutdruck wird sich vielleicht entscheiden, sich impfen zu lassen. «Aber wie ist es zum Beispiel mit dem Pflegepersonal?», fragt Berger, «Muss es sich impfen lassen, damit es keine älteren Patienten ansteckt?» Da sei die ethische Abwägung vor der Umsetzung wichtig, sagt Berger.

Hier geht es um einiges, denn Zwang wäre möglich: Das Epidemiengesetz räumt den Behörden explizit das Recht ein, Impfungen für obligatorisch zu erklären – und zwar für «gefährdete Bevölkerungsgruppen, besonders exponierte Personen und Personen, die bestimmte Tätigkeiten ausüben».

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