Nr. 10/2013 vom 07.03.2013

Balanceakt im Land der Schützengräben

Vor neunzehn Jahren endete der Krieg um Bergkarabach. Doch an der Waffenstillstandslinie zu den armenisch besetzten Gebieten sterben noch immer Menschen.

Von André Widmer, Fizuli

«Sehr oft, praktisch jeden Tag, gibt es Schusswechsel», erzählen die DorfbewohnerInnen beim Kontrollpunkt der aserbaidschanischen Armee in Alkhanli. In einem Teil des aserbaidschanischen Dorfs darf niemand mehr wohnen. Ein paar Hundert Meter von der Waffenstillstandslinie zwischen Aserbaidschan und den von armenischen SeparatistInnen und Truppen besetzten Gebieten rund um das ehemals autonome Bergkarabach entfernt ist es für ZivilistInnen zu gefährlich. Der Verkehr zum Militärposten und in die umliegenden Regionen wird bei einem Kontrollpunkt überprüft. Den Häusern in diesem ehemaligen Siedlungsteil fehlen Fenster und Dächer; es sind Ruinen.

Neun Kilometer weiter südlich, in Ashagi Abdurrahmanli, ist die Lage nicht besser. Das Dorf liegt noch näher bei den armenischen Stellungen. Die Spuren des Kriegs und der armenischen Besatzungszeit sind auch hier unübersehbar. Die ganze Ortschaft wurde zerstört. Die Decke im Erdgeschoss des zweigeschossigen Schulgebäudes ist russgeschwärzt: Die armenischen Truppen setzten Häuser in Brand; das war Teil ihrer Strategie der verbrannten Erde, mit der sie eine Rückkehr der früheren Bevölkerung verhinderten.

Hauptstadt im Feindesland

Als Armenien im Krieg um Bergkarabach ab 1992 neue Gebiete zu erobern begann (vgl. «Über eine Million Flüchtlinge», Im Anschluss an diesen Text), tobte im Bezirk Fizuli der Kampf. Nach wie vor halten die armenischen SeparatistInnen 500 der etwa 1400 Quadratkilometer des Bezirks – das sind 62 Siedlungen – besetzt. Allerdings wurden Dörfer wie Alkhanli und Ashagi Abdurrahmanli sowie über zwei Dutzend weitere Ortschaften 1994 bei einer Gegenoffensive der AserbaidschanerInnen zurückerobert und liegen nun auf der aserbaidschanischen Seite der Waffenstillstandslinie. «Hier standen nach dem Krieg noch 17 von 1850 Häusern, die meisten Gebäude wurden während der Besatzung niedergebrannt», erinnert sich Ramiz Behbudow, Bürgermeister von Horadiz. Sein Städtchen dient derzeit als Bezirkshauptort von Fizuli, weil die gleichnamige frühere Hauptstadt jenseits der Waffenstillstandslinie im besetzten Teil liegt. Ausserhalb von Horadiz fanden Tausende aserbaidschanische Flüchtlinge in fast einem Dutzend neuer Siedlungen, die die Regierung erstellen liess, eine Unterkunft.

Über rund 300 Kilometer erstreckt sich die Waffenstillstandslinie von Horadiz an der Grenze zum Iran bis zu den Bergen des Kleinen Kaukasus im Norden. Die Lage entlang dieser Front ist weiterhin instabil. Die Schützengräben beider Konfliktparteien liegen oft nur ein paar Hundert Meter auseinander, teilweise sogar weniger. Jährlich kommen nach offiziellen Angaben dreissig SoldatInnen und ZivilistInnen bei Schusswechseln ums Leben. Immer wieder gibt es Meldungen über grössere Vorfälle: Im September 2010 sollen, so die aserbaidschanische Regierung, armenische Truppen die Waffenstillstandslinie überquert haben. Im Juni 2012 berichtete die armenische Seite, dass eine fünfzehn bis zwanzig Mann starke Einheit aserbaidschanischer SoldatInnen ihre Positionen bei Tawusch infiltriert habe. Auf der armenisch besetzten Seite sind viele Dörfer verlassen, weil die aserbaidschanische Bevölkerung geflüchtet ist. Die AserbaidschanerInnen auf der anderen Seite hingegen blieben in ihren Siedlungen, die in unmittelbarer Nähe zur Demarkationslinie liegen.

Wie Alkhanli ist auch das Dorf Chirakli im unbesetzten aserbaidschanischen Bereich des Rayons Agdam zweigeteilt. Die Gegend ist flach, Schützengräben zerfurchen das Land. Mitten durch das Dorf führt ein zwei Meter hoher Erdwall, der die EinwohnerInnen abschirmen soll; die Felder jenseits des Damms können nicht kultiviert werden. In einem Nachbardorf wurde 2011 der neunjährige Fariz Badalow unweit seines Elternhauses von einer Kugel getötet. Seither umgibt eine drei Meter hohe Mauer das Land der Familie Badalow. Der vordere Teil des Friedhofs, wo sich Fariz’ Grab befindet, ist auch nur wenige Hundert Meter von der Front entfernt. Im hinteren Teil des Friedhofs sind auf den Rückseiten der neueren Grabsteine Einschusslöcher zu sehen.

Vergessener Konflikt

Von Chirakli führt unser Weg mit einem Mietwagen durch aserbaidschanische Frontdörfer weiter Richtung Norden zur unterbrochenen Hauptstrasse zwischen der Stadt Barda auf der aserbaidschanischen und dem zerstörten Agdam auf der armenisch besetzten Seite. Dort, wo einst auch eine Bahnlinie verlief, steht nun ein Armeeposten. Hinter dem Schlagbaum versperrt ein aufgeschütteter Erdwall die Weiterfahrt in die armenisch besetzten Gebiete.

Dass sich so viele Flüchtlinge aus Bergkarabach und den umliegenden Gebieten entlang der Demarkationslinie niedergelassen haben oder dort angesiedelt wurden, hat auch mit dem aserbaidschanischen Erdölreichtum zu tun: Er erlaubt dem Staat, in den Aufbau neuer Flüchtlingsdörfer zu investieren. Doch noch immer leben viele der insgesamt 586 000 Vertriebenen unter erbärmlichen Bedingungen. In Kücerli – die letzte Bahnstation vor den besetzten Gebieten – befindet sich eine dieser Siedlungen. Unmittelbar nach dem Krieg wohnten die Flüchtlinge hier in Güterwaggons, jetzt säumen ihre Lehmhütten die Bahnstrecke. In der benachbarten Kleinstadt Barda wurden die Schule und die Turnhalle zu Wohnstätten umfunktioniert. In der alten, kleinen Sporthalle hausen neun Familien, insgesamt 35 Personen, in Holzverschlägen. Die älteren BewohnerInnen klagen: «Hier hat es Insekten, Ratten laufen herum, die Wasserleitung funktioniert nicht, unsere Kinder finden keine Arbeit. Die Welt soll unser Leid erkennen!»

In Hasankaya, im Bezirk Terter, prägen Häuserskelette das Landschaftsbild. Vor einem zerstörten Haus schaufelt eine Frau einen Graben für eine Leitung; bei ihr sind drei Kinder. Die Ruine ist ihr Zuhause. Sie haben sich im Erdgeschoss eingerichtet, weil im Obergeschoss mehrere Teile der Wände und das Dach fehlen. Wir begegnen im Dorf auch einem Mann mit seiner Tochter. Sie ist 24 Jahre alt. Seit sie vier Jahre alt ist, hört sie nichts mehr: Im Krieg war direkt neben ihr eine Granate explodiert. Die junge Frau lernte nie die Gebärdensprache. Die Hauptstadt Baku, wo eine Ausbildung in Gebärdensprache und angemessene medizinische Versorgung möglich wären, liegt zu weit entfernt. Von der internationalen Hilfe, die anfangs kam, zeugt nur noch ein grosser Wassertank, der mit dem Signet des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz gekennzeichnet ist.

Nur noch Ältere und Flüchtlinge

Zwanzig Jahre sind seit dem Krieg und den Kämpfen in dieser Gegend vergangen, und fast die ganze Bevölkerung hat Hasankaya verlassen. «Nur einige ältere Einwohner sind geblieben», erzählt Papiz Aliew, der schon 1948 aus der Sevansee-Region in Armenien nach Aserbaidschan deportiert wurde, wie er erzählt. Die meisten der anderen wenigen EinwohnerInnen in Hasankaya sind aber Flüchtlinge, die im Frühling 1993 über das schneebedeckte Murow-Gebirge vor den heranrückenden armenischen Truppen geflohen waren. Früher lebten sie in den fruchtbaren Tälern Kelbajars, die jetzt armenisch besetzt sind.

In Hasankaya stand früher eine landwirtschaftliche Forschungsanstalt. Zwei der drei Hauptbauten wurden dem Erdboden gleichgemacht, nur das dritte Gebäude hat den Beschuss überstanden – mit Einschusslöchern, Brandspuren und Fenstern ohne Scheiben. Der kleine eingezäunte Vorgarten gibt nichts mehr her. In einer Hälfte des Erdgeschosses haben sich Flüchtlinge einquartiert. Gut ist hier eigentlich nur der Ausblick auf die grüne, tiefer liegende Ebene des Flusses Terter und hinüber zu den Bergen Karabachs, den Ausläufern des Murow-Gebirges. Doch das liegt jenseits der Demarkationslinie.

Der Krieg um Bergkarabach

Über eine Million Flüchtlinge

Die Vermittlungsversuche der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) zur Lösung des Karabachkonflikts haben seit neunzehn Jahren zu keinen Ergebnissen geführt. ExpertInnen befürchten eine Eskalation, sollte Armenien in Bergkarabach den wieder aufgebauten Flughafen in der Nähe von Stepanakert in Betrieb nehmen – 2012 wurden dort die Reparaturarbeiten beendet. Aserbaidschan warnt vor der Aufnahme des Flugbetriebs: Der Flughafen liegt auf dem Gebiet, das völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört. Die armenische Seite wiederum reagierte letztes Jahr empört auf die Freilassung von Ramil Safarow. Der aserbaidschanische Offizier hatte 2004 an einem Lehrgang der Nato in Budapest einen Armenier ermordet. Nach acht Jahren Haft in Ungarn hatte man ihn nach Aserbaidschan überstellt, wo er umgehend begnadigt wurde.

Der Konflikt um den «gebirgigen, schwarzen Garten», wie das fruchtbare Bergkarabach auf Armenisch wie auf Aserbaidschanisch heisst, sorgte für die grösste ethnische Vertreibung im Kaukasus seit dem Zweiten Weltkrieg. 1991 erlangten die ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan ihre Unabhängigkeit. Im selben Jahr erklärte die armenische Bevölkerungsmehrheit des auf aserbaidschanischem Territorium liegenden ehemals autonomen Gebiets Bergkarabach die Unabhängigkeit.

Im darauf folgenden Krieg zwischen den Paramilitärs der vorwiegend christlichen Karabach-ArmenierInnen und der Armee der muslimisch geprägten Republik Aserbaidschan starben schätzungsweise 30 000 Menschen.

Die siegreichen Karabach-ArmenierInnen besetzten neben Bergkarabach auch sieben weitere aserbaidschanische Bezirke, die ausserhalb des früheren autonomen Gebiets lagen und fast ausschliesslich von AserbaidschanerInnen bewohnt waren. Rund 700 000 AserbaidschanerInnen flohen aus Bergkarabach und den umliegenden Bezirken (inklusive Armenien). Auf der anderen Seite mussten etwa 300 000 ArmenierInnen Aserbaidschan verlassen. Im Jahr 2008 lebten gemäss Angaben des Separatistenregimes etwa 140 000 Menschen in Bergkarabach; 99 Prozent davon sind ArmenierInnen.

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