Nr. 05/2006 vom 02.02.2006

Viele Formen des Fliegens

Auf seiner fortgesetzten Suche nach einer Erdichtung der kindlichen Wirklichkeit ist der Filmemacher Fredi M. Murer beim Künstlergenius gelandet.

Von Reto Baumann

Einmal sitzen in «Vitus» Grossvater und Vater der Hauptfigur in der Werkstatt des Alten und diskutieren. Der Sohn erleichtert sein beschwertes Herz; die Zahlen seiner Firma sind so schlecht, dass er den sozialen Abstieg fürchtet. Und während er erzählt, gerät im Hintergrund ein Spruch ins Blickfeld, der in übertragenem Sinn dem Plot, vor allem aber der Produktion von «Vitus» als Motto dienen könnte: «Wo viel gelebt wird, wird viel gestorben.»

Fünf Jahre hat Fredi M. Murer für die Finanzierung seines neusten Spielfilms gebraucht, zahllose Bittgänge im In- und Ausland absolviert und dabei Sätze gehört wie: «Herr Murer, haben Sie schon mal einen Film gedreht?» Er beharrte allen Widrigkeiten zum Trotz auf seinem Projekt; zwanzig Jahre spukte es schon in seinem Kopf herum.

Von der ursprünglichen Idee eines epischen Stücks über den Wechsel vom analogen zum digitalen Zeitalter musste er sich gleichwohl verabschieden. Fast alle für Murer altbekannten Verantwortlichen bei den diversen Förderinstanzen waren in Pension geschickt, die im Geschäft so zentralen Seilschaften gekappt. Auf die Forderungen und Ansprüche der NachfolgerInnen mochte sich Murer nicht einlassen. Im Zusammenhang mit seinem Film «Vollmond» von 1998 hat er erfahren, was es heisst, zu viele Kompromisse einzugehen: «Ich wollte nicht noch einmal mit einem verwässerten, irgendwie wurzellosen Werk dastehen.» Er reduzierte das Budget von gut sieben Millionen Franken um über die Hälfte, und Koautor Peter Luisi («Verflixt verliebt») entschlackte das Drehbuch. Heute sagt Murer, die Abmagerungskur habe sich als Glücksfall erwiesen.

«Wo viel gelebt wird, wird viel gestorben»: Das passt als Bild auch zu einem Film, der die «Geschichte einer Menschwerdung» erzählt, wie Murer sie charakterisiert. Im Zentrum steht ein aussergewöhnlicher Bub, Vitus. Schon als Sechsjähriger stellt er keine Kinderfragen mehr, stattdessen interpretiert er locker Robert Schumann am Klavier, spielt Schach gegen sich selbst oder vergräbt sich in der Lektüre des «Brockhaus». Mit zwölf informiert er sich in der «Financial Times» über die Börsenkurse, zur Schule geht er mit Anzug und Krawatte. Vitus, der kleine Klugscheisser; Vitus, das Wunderkind.

Vitus ist eine Kunstfigur: emotional ein Kind, intellektuell ein Erwachsener. Musikalisch und mathematisch hochbegabt, ist er Neid und Bewunderung der Umwelt schon früh gleichermassen ausgesetzt. Die Ansprüche (der Eltern) wachsen ins Unermessliche, die Ausgrenzung (der MitschülerInnen) folgt auf dem Fuss. Der Junge flüchtet sich vor der vorgezeichneten Karriere als Pianist in ein Doppelleben, ideell unterstützt von seinem Grossvater, einem verqueren Solitär - eine Hommage Murers an den eigenen Vater und seinen Lieblingsschriftsteller Robert Walser. Der alte Sargschreiner und Vitus, der im Wortsinn «Lebendige»: Verbunden sind sie in ihrem Eigensinn. Von den Rändern her blicken sie auf die Zeit und das Leben.

Wenn das antike Drama «Höhenfeuer» (1985) auch ein Film der Erde und des Feuers war, die rousseausche Zivilisationskritik «Vollmond» (1998) einer des Wassers, so ist «Vitus» ein Film der Luft. Nicht nur verwirklicht der Bub den grossväterlichen Traum vom Fliegen - in einem Werk, das vieles bewusst in der Schwebe hält, kennt das Fliegen viele Formen. Man begegnet ihm als Metapher oder Mythos auch ins Musikalische und Ökonomische verlängert.

Dabei spinnt Murer einen Faden aus seinen früheren Spielfilmen weiter. Immer waren diese auch Plädoyers für eine Wahrnehmung, die über das vordergründig Sicht- und Hörbare hinausreicht. Wird in «Höhenfeuer» Entscheidendes über den Ton vermittelt, so hilft auch in «Vitus» das Hören dem Sehen. Zur musikalischen Dramaturgie passen die Charaktere: Steht in «Höhenfeuer» ein gehörloser Junge im Zentrum, so nun einer mit dem absoluten Musikgehör. Begehrte einst der Bauernbub seine Schwester Belli, verliebt sich Vitus jetzt in seine Babysitterin Isabel. Und so ist Vitus gewissermassen der «kleine Mozart», von dem der blinde Klavierstimmer in «Vollmond» spricht. Verkörpert wird die Figur des älteren Vitus vom zwölfjährigen Teo Gheorghiu, einem Klaviergenie auch im realen Leben. Dies hilft der Glaubwürdigkeit der Geschichte, wenn der Junge am Ende doch sein Anderssein akzeptiert und die Begabung als Berufung begreift.

Kinderwünsche und -fantasien hat Murer immer wieder filmisch verarbeitet: Bevor er in «Höhenfeuer» und «Vollmond» seine seismografischen Erkundungen der helvetischen Befindlichkeit an den Erfahrungshorizont von Kindern koppelte, hatte er sich in den dokumentarischen Werken «Marcel» (1962) und «Christopher und Alexander» (1973) auf die Suche nach einer Erdichtung der kindlichen Wirklichkeit gemacht. «Meine Kindheit war für mich weitaus die authentischste und aufregendste Zeit meines Lebens», erklärt Murer seine Vorliebe für minderjährige ProtagonistInnen. «Was ich später als Erwachsener erlebt habe, ist an Intensität nur ein schwacher Abglanz davon. Filme zu machen, ist eine Art Sublimat. Statt im Sandkasten setze ich meine Kinderspiele einfach auf der Leinwand fort.»

In «Vitus» lässt Murer den Stoff bisweilen fast ins Märchenhafte entgleiten. Den Boden unter den Füssen verliert das Werk dennoch nie; nicht zuletzt, weil es anschaulich Murers Diktum illustriert, dass gute Spielfilme immer auch Dokumentarfilme über SchauspielerInnen sind. Bruno Ganz erfüllt den Charakter des Grossvaters mit Schalk und Esprit, Julika Jenkins wiederum gibt die Mutter mit kühler Wärme. Ärgerlich bloss, dass ihre Figur gar nah am Klischee der ehrgeizzerfressenen Hysterikerin gezeichnet ist. Hinzu kommen Ausreisser ins betont Symbolhafte und Sentenziöse, auch ein latenter Hang zum Künstlerkult. Doch anders als in «Vollmond» ufert die Fantasie weder in Geschwätzigkeit aus noch gerinnt sie zu Kitsch. In dieser Erzählung übers Werden und Vergehen dominieren vitaler Eigensinn und heitere Gelassenheit.

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