Nr. 26/2015 vom 25.06.2015

Der Traum vom grossen Aufstand

Die maoistischen Guerillaeinheiten der NaxalitInnen kontrollieren noch grosse Gebiete Indiens – jedenfalls nachts. Doch ihr Einfluss schwindet, vor allem in ihrer früheren Hochburg Bihar. Dort sind dafür andere Bewegungen stärker geworden.

Von Joseph Keve, Bihar

Es war einiges los in Patna, der Hauptstadt des indischen Bundesstaats Bihar, als wir Mitte März dort ankamen. Am Samstag traten Chefminister Nitish Kumar und sein gesamtes Kabinett in einen 24-stündigen Hungerstreik; sie protestierten damit gegen Änderungen beim Landnahmegesetz, die es der Zentralregierung von Ministerpräsident Narendra Modi erlaubt hätten, noch mehr fruchtbaren Boden für Industrieprojekte zu beschlagnahmen. Am Sonntag trafen sich Bauernverbände aus dem ganzen Staat zu einer Grossdemonstration gegen die Gesetzesnovelle. Und am Mittwoch feierten Zehntausende den Jahrestag der «totalen Revolution», die der politische Aktivist Jayaprakash Narayan 1974 gegen die damalige Kongressregierung von Indira Gandhi ausgerufen hatte und in deren Verlauf eine Massenbewegung entstanden war.

«Das ist eine grosse Woche mit vielen Kundgebungen, Demonstrationen und politischen Aktionen», sagt Uday Narain Choudhary. «Geniesst eure Reise, aber passt in den abgelegenen Dörfern auf, vor allem in den Abendstunden.» Wir kennen uns seit langem und haben im NGO-Bereich oft zusammengearbeitet. Heute ist Choudhary Sprecher des Parlaments von Bihar.

Am nächsten Tag sind wir unterwegs. Die Fahrt auf holprigen Landstrassen führt uns an Reis-, Weizen-, Senfsamen- und Kuhbohnenfeldern vorbei, an kleinen Weilern mit strohbedeckten Lehmhütten, an Neem-, Feigen- und Mangobäumen – ein fruchtbares Land. In der Kleinstadt Banke Bazaar empfängt uns Ram Lakhan, Leiter der kleinen lokalen NGO Prayas; ich hatte ihn Anfang der achtziger Jahre im Rahmen meiner Swissaid-Tätigkeit geschult. Auf seinen Rat hin nehmen wir den Weg zum kleinen Dorf Duari, vier Kilometer ausserhalb der Stadt. Nach zwei Kilometern stoppen uns Mitglieder der Central Reserve Police Force (CRPF), die das Innenministerium zur Aufstandsbekämpfung einsetzt. Unsere Ausrede – wir seien auf dem Weg zu einem Bioagrarworkshop – überzeugt den Kommandeur zwar nicht. Aber er lässt uns weiterfahren.

Vorsicht bei Kreuzfeuer

Duari besteht aus zwei Weilern mit jeweils zwanzig Familien. In Bijouri, einem der beiden Weiler, leben ausschliesslich bitterarme Stammesangehörige der benachteiligten Kasten, im anderen Mitglieder höherer Kasten und ein paar muslimische Pathanen (Paschtunen), die in der Region seit langem als unerbittliche Grundbesitzer gefürchtet sind. In Bijouri mit seinen Lehmhütten ohne Fenster und Türen treffen wir Madhi Bhuian. «Unsere Vorfahren waren Zwangsarbeiter, die für die Pathanen schuften mussten», erzählt der 54-Jährige. «Sie wuchsen in deren Hinterhöfen auf, durften für niemand anderen arbeiten und bekamen als Tageslohn 750 Gramm ungeschälten Reis. Die Kinder bekamen für das Tierehüten nichts.»

Doch dann hätten 1989 AktivistInnen der NGO Prayas das Dorf besucht und ihnen berichtet, dass sie laut einem Landverteilungsgesetz Anspruch auf umgerechnet sechzehn Hektaren Land hätten. Die Pathanen und das Forstdepartement seien ebenfalls sehr an diesem brachliegenden Stück Land interessiert gewesen. «Als wir begannen, das Land gemeinsam zu bearbeiten, kam die Polizei und hat acht von uns verhaftet», sagt Bhuian, «das Forstdepartement hat sie geschickt, wir sassen drei Wochen in Haft. Und dann wollten uns auch noch die Pathanen bestrafen, weil wir nicht mehr zur Arbeit erschienen.» Der Druck nahm zu – bis die NaxalitInnen auftauchten, jene Guerilla, die immer noch einen Teil Indiens kontrolliert (vgl. «Abschied vom chinesischen Modell» im Anschluss an diesen Text).

Fünf Jahre lang kämpften die Familien von Bijouri, sie verfassten Appelle, besuchten Ministerien – und bekamen 1994 die Landtitel zugesprochen. Prayas half ihnen bei der Bearbeitung des Bodens, bei der Herstellung organischer Düngemittel und beim Saatgut. «Seither haben wir für sechs Monate zu essen, und die anderen sechs Monate sammeln wir in den Wäldern Honig, Heilpflanzen und Wurzeln, die wir dann verkaufen», berichtet Rita Devi, Präsidentin der Frauenselbsthilfegruppe von Bijouri.

Und die NaxalitInnen? «Die halten die Grundbesitzer und die CRPF weiterhin in Schach.» Auf der einen Seite des Dorfs haben sich die Aufstandsbekämpfungstruppen festgesetzt, insgesamt 400 Mann; auf der anderen Seite leben die GrossgrundbesitzerInnen; und in den Hügeln hinter dem Dorf operieren rund hundert NaxalitInnen: Die BewohnerInnen von Bijouri sind umzingelt. Doch grosse Sorgen machen sie sich deswegen nicht: «Die belauern sich gegenseitig und liefern sich hin und wieder Scharmützel», erläutert Bhuian, «aber das gibt uns die Freiheit, unserer Arbeit nachzugehen.» Man müsse nur ein bisschen aufpassen, dass man nicht ins Kreuzfeuer gerate.

«Es gibt nicht mehr so viele hier»

Zurück in Banke Baazar begegnen wir Laxman Yadav, der vor einem Krämerladen steht. «Vor fünfzehn Jahren habe ich noch auf einen sozialen Wandel gehofft», sagt der 55-Jährige, «heute aber sind alle politischen Parteien nur hinter dem Geld her.» Die Menschen in der Region seien von naxalitischen KämpferInnen, den Sicherheitskräften, Geldverleihern und politischen Tagedieben umgeben. «Ich hatte einen kleinen Laden, von dem meine Familie leben konnte, und was übrig blieb, habe ich Armen wie jenen von Bijouri gespendet.» Yadav sei ein Sympathisant der NaxalitInnen, glaubten daraufhin die Behörden. «Sie nahmen mich fest, verhörten und schlugen mich, konnten mir aber nichts nachweisen.» Wegen der Schikanen verlor er jedoch sein Geschäft. «Jetzt bin ich alt und krank und weiss nicht, wohin.»

Bei der Zentralregierung habe dieser Teil des Bundesstaats einen miserablen Ruf, sagt Alok Yadav, «die Behörden nennen ihn die ‹bad lands of Bihar›, weil hier die maoistischen Gruppen eine Hochburg haben.» Alok Yadav, lokaler Korrespondent einer hindisprachigen Zeitung, sieht zwar positive Zeichen und attestiert der in Bihar regierenden, 2003 gegründeten Mitte-links-Partei Janata Dal United gute Absichten. «Aber das Regierungssystem ist so verrottet, dass der Wandel nur sehr langsam vonstattengeht.»

Und wie sieht das die Gegenseite? Acht Kilometer von Banke Bazaar entfernt leben im Dorf Dumrava einige der reichsten Pathanenfamilien der Region; am Ortseingang steht ein palastartiges Gebäude mit schweren Holztüren. Ahmed Khan, 55 Jahre alt, stämmig und glatt rasiert, lässt seine Bediensteten Stühle bringen und stellt sich als Ortsvorsteher vor. «Meine Vorfahren haben sich hier vor vielen Generationen niedergelassen», erzählt er. «Überall war dichter Wald, sie liessen das Gebiet roden und Hunderte von Hektaren bepflanzen.»

Etwa 160 Hektaren rund um das Dorf hätten seiner Familie gehört, «doch dann kamen die Naxaliten und verteilten viel Land an die Landlosen». Die besten Stücke hätten die Kader für sich behalten, behauptet er. «Wir verloren Land und Arbeiter, die Einnahmen sanken, und so haben wir uns auf den Handel und das Transportwesen verlegt.» Doch den NaxalitInnen sei er dadurch leider nicht entkommen. «Sie bekommen Schutzgeld von uns, genauso wie die Polizei», klagt Khan, der auch den Arbeitskräftemangel bedauert: «Die Tageslöhne sind in die Höhe gegangen, die Regierung und die NGOs verderben die Leute mit ihrer grosszügigen Hilfe.» Und gibt es noch viele NaxalitInnen hier? «Es gibt sie noch, aber längst nicht mehr so viele wie in den achtziger und neunziger Jahren.»

Die Dalits von Tetharia Govardhanpur

Und weiter geht es auf unserer Spurensuche. Vierzig Kilometer weiter weg haben sich im kleinen Dorf Tetharia Govardhanpur, einer Ansammlung von vierzig Hütten, knapp 150 Männer, Frauen und Kinder unter dem weitem Dach eines Neembaums versammelt. Ein Poster weist darauf hin, dass heute der zehnte Jahrestag der Gründung von Dalit Adhikar Manch ist, der Organisation zur Förderung der Rechte der Dalits, die früher einmal «Unberührbare» hiessen. Die ganze Dorfbevölkerung gehört der Subkaste Bhuian der Dalits an und rangiert damit auf einer der untersten Ebenen des Kastensystems.

«1935 bahnten sich mein Vater und zwei seiner Cousins einen Weg durch dichte Wälder und fanden diese fruchtbare Stück Land hier», erzählt Dilip Manjhi, 65 Jahre alt. «Sie liessen sich hier nieder, marschierten jeden Tag in ein Dorf hinter den Hügeln, wo sie für Grossgrundbesitzer arbeiteten, kamen abends zurück, kultivierten Stück um Stück den Boden und übernachteten auf Bäumen.» Nach einem Jahr hatten sie zehn Hektaren Land von Gestrüpp und Steinen befreit, ein paar Hütten aufgestellt, ihre Frauen hierhergebracht – und so sei der Weiler entstanden.

«Jetzt bearbeiten wir gerade Neuland, sechzehn Hektar gross. Kommt mit, ich zeig es euch.» Kurz darauf marschiert das ganze Dorf mit uns die zwei Kilometer zur Besichtigung eines bemerkenswerten Selbsthilfeprojekts: Die Dorfbevölkerung hat den Boden weitgehend geebnet, zwei Brunnen gegraben, drei Teiche ausgehoben, vier Dämme errichtet und sieben Kanäle angelegt. «Als die Pathanen mitbekamen, dass wir das Gelände ebnen, überfielen sie uns mit Schwertern und Messern», berichtet Manjhis Sohn Kamal. «Doch noch in der gleichen Nacht umzingelte eine grosse Gruppe Naxaliten mit ihren Gewehren das Dorf der Pathanen und drohte mit ernsthaften Konsequenzen, falls sie sich noch einmal in unsere Belange einmischten.» Schon am nächsten Tag habe eine Delegation der GrundbesitzerInnen versichert, «dass sie uns nie wieder attackieren werden».

Wir fahren weiter. Kaum haben wir Tetharia Govardhanpur verlassen, stoppen uns zwei junge Männer auf einem Motorrad. «Was wollt ihr hier?» Sie hätten uns beobachtet, fügen sie hinzu, und das hier sei ihr Gebiet. «Wenn ihr Freunde der Dalits seid, seid ihr auch unsere Freunde. Aber wenn ihr das nächste Mal herkommt, dann lasst uns das vorher wissen. Wir wollen nicht, dass ihr in eine Falle tappt, die wir der Polizei gestellt haben.» Unser Fahrer sagt uns hinterher, dass die beiden wohl dem Marxist Coordinating Committee (MCC) angehören, einer der grossen maoistisch-naxalitischen Gruppen (vgl. «Viele Organisationen» im Anschluss an diesen Text).

Genosse Prakash

155 Kilometer östlich von Patna liegt die Ortschaft Buxar, die in der Geschichte der naxalitischen Bewegung eine zentrale Rolle spielt. Hier hatte in den siebziger und achtziger Jahren der Kommunist Jyoti Prakash die Massen gegen die Tyrannei der GrossgrundbesitzerInnen und ihrer Banden mobilisiert – bis er im März 1983 von Mitgliedern der Ranvir Sena, einer von den Reichen finanzierten Privatarmee, ermordet wurde. Nach der Tat kam es zu einem öffentlichen Aufruhr.

Als wir in Buxar ankommen, wird – wie jedes Jahr – seiner Ermordung gedacht. Überall hängen Plakate und Transparente zu seinen Ehren, im Stadtzentrum entsteht gerade eine Gedächtnisbibliothek, die seinen Namen trägt – und vor der Baustelle treffen wir Alok Prasad, einen engen Verwandten von Jyoti Prakash. «Genosse Prakash hat sich jeder Form von Ungerechtigkeit widersetzt», sagt er. «Damals, Anfang der achtziger Jahre, hatten die Naxaliten des MCC und anderer Gruppen Volksgerichte aufgebaut und Hunderte Grossgrundbesitzer exekutiert. Gleichzeitig attackierten und ermordeten Schutztruppen der höheren Kasten unschuldige Bauern, in denen sie MCC-Sympathisanten sahen; Tausende flohen aus ihren Dörfern.» Genosse Prakash habe diese BäuerInnen organisiert, und als Prakash getötet wurde, habe er – Prasad – sich dem MCC angeschlossen.

«Die Ranvir-Sena-Mitglieder haben uns terrorisiert, und wir haben den Terror beantwortet», sagt er, «innerhalb weniger Monate haben wir über ein Dutzend ihrer Führungsleute getötet.» Er sei kein Freund von Gewalt, beteuert Alok Prasad, «aber wenn jemand Angst und Terror verbreitet, muss man handeln».

Auch Brighu Paswan handelte. «Wir haben vor zehn Jahren lange mit den Behörden gestritten, demonstriert, Eingaben verfasst und endlich unsere Besitzurkunden bekommen», berichtet der 63 Jahre alte Ortsvorsteher von Jaipur, einem Dorf mit siebzig Dalitfamilien. «Doch dann tauchten die Bewaffneten von Ranvir Sena auf, steckten unsere Häuser in Brand und erhoben falsche Anschuldigungen. Daraufhin hat die Polizei, die mit den Grundbesitzern kollaboriert, viele von uns eingesperrt.» Da sei den Familien nichts anderes übrig geblieben, als das MCC um Hilfe zu bitten. Danach habe Ruhe geherrscht.

Ranvir Sena ist nur eine von vielen Privatarmeen, aber vielleicht die rücksichtsloseste. Ihr werden drei Dutzend Massaker mit über 400 Toten zugeschrieben, darunter auch 1997 die Ermordung von 63 Dalitmännern, -frauen und -kindern. Ab 2005 verlor diese Gruppe an Bedeutung: Viele Jugendliche der besser gestellten Familien begannen, den Terror ihrer Väter und die Finanzierung der Gangs abzulehnen. Zudem verkauften viele Mitglieder der oberen Kasten ihr Land und wanderten in die Städte ab. Und doch unterhalten manche GrossgrundbesitzerInnen – beispielsweise die der Kurmi-Kaste – weiterhin bewaffnete Banden, die in ihrem Auftrag operieren.

Wir sind in Eile. «Wir brauchen eine sichere Unterkunft, oder wir müssen zurück nach Patna», sagt unser Fahrer. Es wird Abend, und vor uns liegen entlang der Strasse ein paar heikle Stellen, an denen es oft zu Zwischenfällen kommt. Aber mit Baghmati Devi in der Region Ittari wollen wir schon noch sprechen; Ittari ist eine ehemalige Hochburg der Senas, der Privatarmeen, die hier in den achtziger Jahren 350 BäuerInnen ermordeten. «Mein Vater Nand Kishore Ram war hier zehn Jahre lang Ortsvorsteher», berichtet die fünfzigjährige Bewohnerin des Dorfs Unvas und zeigt dessen Foto. «Die Anführer von Kurmi-Sena verlangten von ihm, dass er das Grundstücksregister zu ihren Gunsten manipuliert. Er lehnte ab – und wurde Anfang 2013 ermordet.» Ein Lastwagen hat ihn auf einer wenig befahrenen Strasse überrollt.

Der soziale Wandel

Vier Tage sind wir nun unterwegs, sind von Dorf zu Dorf gefahren, haben überall ähnliche Geschichten gehört – und einen Stimmungswandel erfahren. Im Unterschied zu den Bundesstaaten Chhattisgarh, Maharashtra, Jharkand oder Orissa, wo die MaoistInnen vor allem die Adivasi, die Nachfahren der indischen Urbevölkerung, vor den Zugriffen der Grossgrundbesitzer und des Staates verteidigen, kommen sie in Bihar vornehmlich aus den Reihen der Dalits. Und deren Lage hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert.

Wohin wir auch kommen: Aus der einst marginalisierten, unterwürfigen Unterkaste ist mittlerweile eine selbstbewusste Bevölkerungsgruppe geworden, deren Mitglieder sich öffentlich versammeln, Forderungen an die Behörden und die Regierung debattieren, deren Vorgehen gelegentlich auch kritisieren – und in Ämter gewählt werden. Chefminister Nitish Kumar hat viele Dalits in wichtige Funktionen der Mitte-links-Regierungspartei Janata Dal (United) gehievt und so seine Machtbasis ausgebaut. Dank Choudhary zum Beispiel, dem Parlamentssprecher, wählten auch viele Dalits die Partei.

Dieser Wandel hat erheblich zur Deeskalation beigetragen. Die Menschen auf dem Land und in den Dörfern werden angehört, können den Behörden ihre Wünsche und ihr Begehr vortragen, sie fühlen sich wahrgenommen. Die Hilferufe, die sie vor kurzem noch an die NaxalitInnen ausgesandt hatten, nehmen ab. Gleichzeitig änderten sich die maostischen Brigaden, jedenfalls in Bihar. Wer will auch schon sein Leben lang im Untergrund kämpfen – verfolgt von staatlichen Sicherheitskräften, die oft keine Gefangenen machen, bedroht von den bewaffneten Gangs der Reichen, immer auf der Hut, stets unter erbärmlichen Bedingungen lebend und mit der schwindenden Hoffnung auf die grosse Revolution, die sie einmal hatten anzetteln wollen?

Führungswechsel

Heute, sagen verlässliche InformantInnen, hätten sich die früheren Kader der NaxalitInnen – gut ausgebildete, ideologisch geschulte und engagierte junge Männer und Frauen – weitgehend zurückgezogen, aus Alters- und Krankheitsgründen, weil sie die ständige Repression, die Todesschwadronen und langen Haftstrafen zermürbt haben. Oder weil sie desillusioniert sind. «Sie haben Tausende aus der Zwangsarbeit befreit, die Reichen in Schach gehalten, durch ihre Aktionen weitreichende Landreformen ermöglicht und ihr Leben aufs Spiel gesetzt», sagen viele anerkennend. An ihre Stelle seien aber andere gerückt: Leute, denen das eigene Wohlergehen wichtiger ist, die durch Gewalt ihre eigenen Umstände bessern wollen, die sich nicht mehr für andere aufopfern mögen.

So hatte beispielsweise der frühere MCC-Chef Kanai Chatterjee in Bihar junge Männer aus der Yadav-Kaste rekrutiert, der vor allem Hirten angehören, weil ihnen Führungsqualitäten zugeschrieben wurden. Diese führten dann auch bald die naxalitische Bewegung an – und in eine ganz andere Richtung. «Die Yadavs», zu diesem Schluss kam eine vor fünf Jahren publizierte Untersuchung, die sich auf offizielle Daten stützt, «haben dreissig Prozent des Bodens, den Grossgrundbesitzer unter Druck verkauften, übernommen», also für sich behalten. So manche Yadavs wurden dadurch reich – und diskreditierten damit die naxalitische Bewegung, deren Kader oft keine klare politische Ausrichtung mehr haben, die Vernetzung und den Kontakt zur Basis vernachlässigen, lokale Kleinkriege führen – und sich manchmal wie Strauchdiebe und Ganoven benehmen. Ihre Aktionen, so wird uns erzählt, seien mitunter kaum noch von jenen der kriminellen Banden zu unterscheiden, die sich zur Schutzgelderpressung als maoistische NaxalitInnen ausgeben.

Diese neue Entwicklung fand auch in Lokalwahlen ihren Niederschlag. So wählten vor einiger Zeit im Distrikt Bhodjur sechs Dörfer jeweils einen Maoisten zum Ortsvorsteher – und alle wurden bei der darauffolgenden Abstimmung sechs Jahre später wieder abgewählt: Sie hatten sich zu selbstherrlich aufgeführt. Überheblichkeit statt permanenter Selbstkritik, Eigennutz statt revolutionärer Transformation – zumindest in Teilen von Bihar ist die einst aufrührerische Bewegung der NaxalitInnen kaum wiederzuerkennen.

War also alles umsonst? Nein. Denn es gibt auch Menschen, die der Sache treu geblieben sind. Vidyanand Vikal zum Beispiel, 45 Jahre alt, Präsident des Dalitdepartements von Bihar. Er hatte sich als Student der maoistischen Communist Party of India (Marxist-Leninist) angeschlossen und leitete siebzehn Jahre lang naxalitische Gruppen. In dieser Zeit hat er nach eigenen Angaben den GrossgrundbesitzerInnen insgesamt 680 Hektaren Boden abringen können, die er dann an die Armen verteilte. Danach wurde er als Kandidat aller linker Gruppierungen zweimal ins Parlament von Bihar gewählt, bevor er das Amt des Dalitbeauftragten übernahm. «Ich bin kein Mitglied der Naxaliten mehr», sagt Vikal, «jedenfalls nicht formal. Die Ideen aber teile ich weiterhin – und mein Engagement für die Armen ist ungebrochen.»

Seit er die Regierungsbehörde zur Förderung der Rechte der Dalits übernommen hat, ist aus Dalit Adhikar Manch – der Bewegung – eine politische Kraft geworden, die zumindest in Bihar niemand mehr ignorieren kann. Und deren Aufstieg kaum aufzuhalten ist.

Einzelne der im Text zitierten Personen sind bei den NaxalitInnen aktiv. Wir mussten ihnen aber versprechen, das nicht zu verraten.

Aus dem Englischen von Pit Wuhrer.

Die Naxalitinnen

Abschied vom chinesischen Modell

Die indische Guerilla der NaxalitInnen hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Entstanden war sie 1967, als sich die Bevölkerung des Dorfs Naxalbari im ostindischen Bundesstaat Westbengalen gegen die Ausbeutung durch GrossgrundbesitzerInnen zur Wehr setzte – zuerst friedlich und mit Massenaktionen, dann mit Gewalt. Die damals kommunistische Regierung von Westbengalen antwortete mit Repression, aber auch mit Landreformen auf den Protest von Naxalbari, dem sich viele StudentInnen angeschlossen hatten. Diese waren in die Dörfer gegangen, um die BäuerInnen und LandarbeiterInnen zu agitieren, «befreite Zonen» zu schaffen und – nach Mao Zedongs Vorbild – langsam die Städte einzukreisen. Die Bewegung breitete sich schnell aus und erfasste bald auch andere Bundesstaaten.

In den siebziger und achtziger Jahren verloren die NaxalitInnen jedoch an Zulauf – sie hatten, anfangs beseelt von der chinesischen Kulturrevolution und getrieben von der staatlichen Verfolgung, eine Killerstrategie entwickelt: Selbst kleine Grundbesitzer, Dorfbeamte und -polizisten wurden als «Agenten der Kompradorenbourgeoisie» verfolgt und getötet. Die gnadenlose «Vernichtung des Klassenfeinds» schreckte viele ab und führte die Bewegung in die Isolation. Erst ein Kurswechsel liess sie wieder aufleben: Eine Reihe naxalitischer Organisationen stellte den bewaffneten Kampf zugunsten ziviler Protestformen wie Landbesetzungen, Protestmärsche und Hungerstreiks ein; manche Gruppierungen entschieden sich für den parlamentarischen Weg.

Mitte der neunziger Jahre beschränkten sich die «befreiten Zonen» auf einige abgelegene Gebiete im Innern des indischen Subkontinents. Und auch dort ging es nicht mehr um die «Revolution», sondern nur noch um die Verteidigung der Lebensverhältnisse, um die Abwehr von Übergriffen und den Widerstand gegen gierige GrossgrundbesitzerInnen und korrupte BeamtInnen. Der bewaffnete Kampf war kein strategisches Mittel mehr, sondern bestenfalls eine defensive Massnahme.

Danach verschafften die zunehmende Armut, die wachsende Ungleichheit und die anhaltende Ausbeutung der LandarbeiterInnen der Bewegung wieder Auftrieb. Zu Beginn des Jahrhunderts reichte das Einflussgebiet der NaxalitInnen von Karnataka im Süden bis Orissa im Norden; rund ein Fünftel des indischen Territoriums werde von der Guerilla kontrolliert, hiess es 2004 im indischen Parlament.

In manchen Regionen wie Bihar (vgl. Haupttext weiter oben) ist ihr Einfluss seither geschwunden. In den Bundesstaaten Maharashtra, Chhattisgarh, Jharkhand und Orissa sind die MaoistInnen auf dem Land jedoch weiterhin stark. Das hat auch mit dem Umfeld respektive der Basis zu tun: Während die NaxalitInnen in Bihar vor allem aus der Gemeinschaft der eher individualistisch geprägten unteren Kaste der Dalits («Unberührbare») kommen, operieren sie anderswo vornehmlich in den bedrohten Siedlungsgebieten der Adivasi. Diesen Nachfahren der Urbevölkerung ist der kollektive Zusammenhalt wichtig; sie leben in Gemeinschaften, lassen sich nicht leicht auseinanderdividieren und streben auch nicht nach individuellem Aufstieg.

Joseph Keve

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-Leser:innen.

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