Nr. 11/2013 vom 14.03.2013

Sport mit Biss

Pedro Lenz über einen motivierten Marder auf Kunstrasen.

Von Pedro Lenz

Am letzten Wochenende spielte der FC Zürich (FCZ) in Thun. Die Kasernenstadt am Eingang des Berner Oberlands hat eines der modernsten Fussballstadien der Schweiz. Zur Modernität der Arena Thun gehört unter anderem auch die Spielunterlage aus Kunstrasen. Kunstrasen sieht fast aus wie richtiger Rasen, geht aber weniger schnell kaputt. Deswegen ist Kunstrasen bei Platzwarten beliebt, bei Fans dagegen höchst unbeliebt. Fussballfans vermissen beim Kunstrasen ausser dem Rasenduft vor allem die Kampfspuren. Gerade jetzt, in dieser nassen Jahreszeit, sieht es ziemlich unnatürlich aus, wenn ein Fussballer bei einem Tackling meterweit auf dem Hosenboden rutscht und danach noch immer saubere Kleider trägt.

Fussball wurde in England erfunden, und dort ist der Dreck am Tenue bis heute ein Gradmesser für das Engagement der einzelnen Spieler. Müssten sich englische Fussballfans ihren Lieblingssport auf Kunstrasen ansehen, sähen sie am Ende eines Matches nie, wer wirklich gekämpft hat und wer bloss mitgelaufen ist.

Dieser Mangel an Natürlichkeit bei der Spielunterlage kann allerdings auch positive Auswirkungen haben. Zumindest in Thun scheint der Plastikbelag beim Publikum die Sensibilität für Flora und Fauna zu verbessern. Oder anders gesagt: Die Thuner Fans sind ganz besonders empfänglich für unvorhergesehene Naturereignisse im Fussball. Deswegen waren sie am letzten Sonntag hocherfreut, als mitten im Spiel ihres FC Thun gegen den FCZ ein Marder aufs Feld lief. Der Nager rannte über die Kunststoffwiese, als wollte er den ZuschauerInnen beweisen, dass ein motivierter Marder auch auf künstlicher Unterlage sportliche Höchstleistungen abrufen kann.

Weil jedoch Fussball in Thun ein Profisport ist, entstand ein Konflikt zwischen der Spiellust des Marders und der Berufsethik der Fussballer. Die Spieler wollten ihrer Arbeit nachgehen, während der Marder die Aufmerksamkeit der johlenden Menge genoss. In so einer Situation durfte sich niemand darüber wundern, dass Loris Benito, Abwehrspieler des FC Zürich und Neffe des langjährigen FC-Aarau-Torwarts Ivan Benito, irgendwann die Geduld verlor. Mit einem kühnen Hechtsprung bewies der junge Sportsmann, dass er die Torhütergene seines Vaters in sich trägt. Und wie ein Goalie, der eben einen schwierigen Ball gefangen hat, hielt Benito das eben erwischte Tier mit beiden Händen fest.

Das war der Augenblick, in dem der Marder seinem Raubtierinstinkt folgend den flinken Fussballer in die Finger biss. Der schmerzgeplagte Sportsmann trug seine Beute aus dem Spielfeld, liess sich verarzten und glaubte danach, das Spiel könne weitergehen.

Doch nach einer kurzen Besichtigung der Ränge beschloss der Marder, seinen frenetisch bejubelten Tanz auf dem Kunstrasen fortzusetzen. Dabei unterlief ihm freilich ein entscheidender Fehler. Vom anhaltenden Applaus übermütig geworden, geriet das Tier in den Fangbereich von FCZ-Goalie David Da Costa. Und da dieser dick gepolsterte Handschuhe trug, konnten ihm die scharfen Zähne des kleinen Volkshelden nichts anhaben. Da Costa brachte den hartnäckigen Spielunterbrecher in einen gesicherten Bereich, und das Spiel konnte endlich fortgesetzt werden.

Inspiriert von ihrer erfolgreichen Jagd nach dem Marder gewannen die Zürcher den Match mit 4:0. Anderntags zierte die Geschichte mit dem sportlichen Vierbeiner die Frontseite des Boulevardblatts. Manche Thuner Fans möchten den Marder nun zum Vereinsmaskottchen küren. Loris Benito nimmt schmerzstillende Mittel. Und die zahlreichen SicherheitsexpertInnen im Land versichern sich gegenseitig, dass der Zwischenfall mit einem massiven Polizeiaufgebot, schärferen Repressionsmassnahmen, Schnellverfahren und konsequenterer Anwendung einer unmissverständlichen Nulltoleranzpolitik hätte verhindert werden können.

Pedro Lenz ist Schriftsteller und lebt in Olten. Als Fussballfan und Tierliebhaber hätte er dem Marder von Thun eine Show auf Naturrasen gegönnt.

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