Nr. 44/2007 vom 01.11.2007

Kunstkritik am Rasen

Von Pascal Claude

Frank Sidebottom

Frank Sidebottom ist ausserhalb Grossbritanniens leider nahezu unbekannt. Der Mann mit dem Pappmachékopf ist im Showbiz tätig, wohnt aber noch bei seiner Mutter, vor der er seine Popularität geheim hält. Frank zur Seite steht Little Frank, seine kleine Kopie aus Karton. 1990 schickte Sidebottom, selbst grosser Fussballfan, Little Frank als Reporter an die WM, aber nicht nach Italien, sondern wie 1986 nach Mexiko. Die identischen Landesfarben hatten ihn verwirrt.

Frank Sidebottom unterstützt Manchester City, sein Herzensklub aber ist der unterklassige Altrincham FC. Womit Sidebottom das Stichwort geliefert, seine Spuren hinterlassen und seine Schuldigkeit getan hat. Ausgerechnet im grauen Altrincham nämlich war vor kurzem die englische Nationalelf zu Gast, um sich auf die EM-Qualifikationspartie in Moskau vorzubereiten. Die Russen hatten kurzerhand den Naturrasen des Luzhniki-Stadions entfernt, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen, und ihn durch einen Uefa-konformen künstlichen ersetzt. In Altrincham fand Englands schlauer Coach McLaren nach langer Suche dieselbe Unterlage. Doch die gezielte Vorbereitung nützte nichts, seine Spieler wurden im nasskalten Luzhniki eingeseift.

Man ist sich ja allerhand Tricks und Kniffs der Heimteams gewohnt, um es dem Gegner möglichst schwer zu machen: Feld auf die Mindestbreite verkleinern, wenn ein spielstarker Gast kommt, oder Platz wässern kurz vor dem Anpfiff. Aber gleich den Rasen austauschen? «Ungewohnt» sei der Kunstrasen für die Engländer gewesen, schreibt die Uefa in ihrem eigenen Spielbericht. Schwingt hier ein schlechtes Gewissen mit? Es ist offensichtlich, dass in Rasenfragen die sportliche Realität der technischen und reglementarischen Entwicklung hinterherhinkt. Das beste, naheliegendste Beispiel sind die Young Boys. Seit im Stade de Suisse ein Kunstrasen liegt, klaffen Heim- und Auswärtsstärke der Berner in einer in der Klubgeschichte einzigartigen Weise auseinander. Kann das jemand ernsthaft wollen? Hämisch schrieb die NZZ nach dem null zu vier in Basel: «Es bleibt offensichtlich, weshalb der BSC Young Boys auswärts erst einmal gewinnen konnte. Naturrasen ist kein Plastik.» Man könnte auch fragen: Wo stünden die Young Boys heute ohne ihren Kunstrasen?

Sinn und Grundlage jeder Meisterschaft ist ihre möglichst hohe Unvorhersehbarkeit, das heisst: Im besten Fall ist der Ausgang jeder Partie völlig offen. Das würde eine maximale Spannung bis zum letzten Spieltag bedeuten. Die krass unterschiedlichen wirtschaftlichen Realitäten der einzelnen Klubs unterlaufen dieses Prinzip schon genug; zwei Drittel der an einer Meisterschaft Beteiligten kommen für den Titel nie infrage. Ist es sinnvoll, diese Verfälschung des Wettbewerbs durch Zulassung extrem unterschiedlicher Rasentypen noch zu verstärken? Wäre es, wenn schon, im Sinne des ursprünglichen Wettbewerbsgedankens nicht konsequent, flächendeckend Kunstrasen vorzuschreiben?

Die Plastikunterlage ist das eine. Mindestens so bedenklich sind die erzwungenen Anstrengungen der Klubs, stets einen tadellosen Naturrasen zu präsentieren. Die Partie Roter Stern Belgrad gegen Bayern München veranschaulichte dies vor kurzem auf beinahe groteske Art. Nur wer genau hinschaute, merkte, dass es sich beim Gezeigten nicht um eine Dokumentation über serbische Hochmoore handelte. Aus lauter Ehrfurcht vor dem grossen Gegner hatte Roter Stern seine sumpfigen Stellen eilends mit Rasenziegeln überdeckt, damit das Feld wenigstens überwiegend grün aussah. Den neuen Gräsern fehlte die Zeit zum Wurzeln schlagen, weshalb Bastian Schweinsteiger am linken Flügel einmal in eine regelrechte Fallgrube trampte. Verstört blickte der Blonde auf den Fetzen Natur neben sich. Den Freistoss, den ihm der Schiedsrichter aus Verlegenheit zusprach, schoss Schweini geistesabwesend einem Gegner an den Kopf. «Man hat gesehen, dass wir grosse Probleme mit dem Rasen hatten», sagte Ottmar Hitzfeld nach dem Spiel. Wie hätte er gesprochen, hätten seine Bayern nicht gewonnen?

Wer einen Platzwart oder eine Platzwartin kennt, weiss, dass diese Menschen alles tun für ihren Rasen, mit ihm leben und leiden. Grund für einen schlechten Platz ist kaum je seine Pflege, und kein Verein der Welt spielt freiwillig auf einem Acker. Doch Fussball wird noch immer unter freiem Himmel gespielt, und manchmal kommt Regen von da oben, viel und unaufhörlich, und der Platz wird tief und braun. Na und? Was ist daran so schlimm? Sicher, fehlerhafter Fussball auf furchigen Feldern ist nicht, was der TV-Konsument sich wünscht. Aber garantiert denn jeder englische Rasen das grosse Spektakel? Wäre der mit zu viel TV-Geld und Verlierverbot gezüchtete Sicherheitsfussball nicht ebenso geeignet für Reformen wie der Rasen?

Das soll, so kurz nach den Wahlen, keine grüne Glosse sein, dafür wird ja auch zu viel gedüngt. Aber mit Entfremdung hat es schon zu tun, wenn sich der Fussball mit dem Gras plötzlich nicht mehr verträgt. Hat das Stade de Suisse dereinst ausgedient, in ein paar Jahrzehnten, und die Fans oder Kunden oder wie sie bis dann heissen, dürfen sich vor dem Abbruch ein Stück Kunstrasen sichern, dann legen sie es zu Hause in den Garten oder ins Balkonchischtli, und das Stück liegt dann so da, spröd, immergrün und ohne Leben. Das ist doch keine schöne Vorstellung, oder?

(Wer Frank Sidebottom kennenlernen möchte: Auf YouTube ist er mehrfach zu sehen, auch im Trikot des Altrincham FC.)

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