Nr. 11/2013 vom 14.03.2013

Von Tür zu Tür für mehr Bildung

Schulbesuch ist in Togo keine Selbstverständlichkeit. Wo die Politik scheitert, übernehmen Studierende die Initiative und sensibilisieren ihre Nachbarschaft.

Von Christine Bertschi, Sokodé

Sonntagmorgen, sieben Uhr. Man könnte meinen, dass die Studierenden auch in Togo um diese Zeit noch schlafen. Doch Farouk Mama und seine KommilitonInnen nutzen die Morgenstunden anders. In ihrer Heimatstadt Sokodé gehen die Studierenden von Haus zu Haus und reden mit den Familien über den Schulbesuch der Kinder: Welches Kind besucht welche Klasse? Kümmern sich die Eltern um den schulischen Erfolg? Schicken sie die Kinder überhaupt zur Schule? «Jeunesse pour l’Excellence» nennen die sechs Studierenden ihren Verein.

In Togo ist es nicht selbstverständlich, dass Kinder in die Schule gehen. Nur gut zwei Drittel schliessen die sechsjährige, eigentlich obligatorische Schulzeit ab; jedes neunte Kind besucht die Primarschule überhaupt nicht. Vor allem bei den Mädchen ist die Abbruchrate hoch. Wer könnte dies tragischer finden als junge Leute, die es geschafft haben, die Schule abzuschliessen, und heute an einer der beiden Universitäten des kleinen westafrikanischen Lands studieren?

«Wollt ihr uns verhaften?»

Der erste Hausbesuch an diesem Sonntagmorgen verläuft glatt, der Vater ist interessiert und diskussionsfreudig. Und er nutzt die Gelegenheit, Probleme anzusprechen: Er klagt über fehlende Toiletten, zu wenig Jobs, die Diskriminierung seiner Ethnie, der Kotokoli. Für seine Tochter sieht er keine Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen. Gleichzeitig spricht er den BesucherInnen Mut zu: «Wenn nur ein Kind dank euch die Schule abschliesst, könnt ihr stolz sein!»

Farouk Mama kam die Idee für die Initiative vor gut einem Jahr: «Wenn ich in den Semesterferien nach Hause kam, beobachtete ich die Kinder in meiner Nachbarschaft. Niemand kümmerte sich um ihre Schulkarriere.» Zusammen mit FreundInnen begann er, Förderunterricht anzubieten. Nun wollen sie die ErstklässlerInnen unter ihre Obhut nehmen und sie bis zum Schulabschluss begleiten. Sie wollen Vorbilder für ihre Nachbarskinder sein und den Familien aufzeigen, zu welchen Perspektiven der Schulbesuch verhelfen kann. Dabei werden sie auch von der Quartierschule unterstützt.

Später an diesem Sonntagmorgen: Im Innenhof eines Hauses treffen die Studierenden einige Frauen beim Waschen. «Wollt ihr uns verhaften?», fragen diese erschrocken. Doch die Studierenden wollen nur eine Kopie der Geburtsurkunde der Kinder. Sie brauchen diese, um die Fünf- bis Sechsjährigen in der Schule anzumelden.

Die ländlichen Gebiete sind die ärmsten in Togo. Wo die Erträge der Felder die Familie kaum ernähren können, hat Bildung nicht erste Priorität. Grosse Hilfswerke wie zum Beispiel Plan International verlagern deshalb ihre Einschulungskampagnen immer öfter von den Städten in die Dörfer. «Doch das Problem ist auch in der Stadt noch nicht gelöst», meint Farouk Mama. Gerade bei angesehenen, traditionsbewussten Familien steht die Schulkarriere nicht zuvorderst.

Eltern oft überfordert

Nicht alle nehmen die Studierenden ernst. «Viele glauben, dass ohne Geld und ohne ausländische Sponsoren gar nichts geht», sagt Mama. Und wenn die Dozierenden die Studierenden auffordern, sich zu engagieren, komme stets die gleiche Frage: «Woher sollen wir das Geld nehmen?» Jeunesse pour l’Excellence wird jedoch bald eine Website aufschalten, wo sich Gleichgesinnte organisieren und austauschen können. Viel Geld können die Vereinsmitglieder nicht investieren, doch ihr Wissen und ihre Zeit stellen sie gerne zur Verfügung.

Sonntagnachmittag: Die Studierenden zählen über vierzig Geburtsurkunden. «Morgen gehen wir damit zur Schuldirektion und melden die Kinder an», sagt Mama. «Es ist aber wichtig, den Eltern die Verantwortung nicht abzunehmen, sondern sie einzubeziehen», fügt Awa Moumouni an. Die Zwanzigjährige studiert Politikwissenschaft, sie ist die einzige Frau im Verein und möchte Diplomatin werden. Ihrer Einschätzung nach sind die Eltern oft überfordert; viele sind selbst nicht zur Schule gegangen. Da fällt es schwer, die Kinder zu unterstützen.

«Für Hilfe sind die Eltern dankbar», sagt Moumouni. Vor allem, wenn die Unterstützung gratis ist, denn nicht selten scheitert der Schulbesuch am Geld. Auch wenn der Besuch der staatlichen Schulen kostenlos ist, können nicht alle Eltern die Mittel für Hefte, Stifte und Schuluniform aufbringen. Zudem seien die Klassen meist zu gross: «Bis zu hundert Kinder sitzen in einem Schulzimmer», sagt Moumouni: «Da kann der Lehrer nicht reagieren, wenn ein Kind den ganzen Morgen schläft oder gar nicht zum Unterricht erscheint.»

Die Studierenden haben sich ein hohes Ziel gesteckt: «Unsere Schützlinge sollen möglichst bis ins Gymnasium kommen», sagt Mama. «Und vielleicht wird ja einer Präsident.»

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