Nr. 14/2013 vom 04.04.2013

Die buddhistischen Prügelmönche

Welches sind die Ursachen für die neue Gewalt gegen Minderheiten in Burma? KritikerInnen sagen, die Unruhen würden bewusst geschürt.

Von Nicola Glass, Bangkok

Es begann scheinbar harmlos. In einem Goldgeschäft im zentralburmesischen Meikhtila entbrannte am 20. März 2013 ein Streit zwischen dem muslimischen Inhaber und zwei buddhistischen Kunden. Doch dieser Zwist artete zuerst in eine Prügelei und später in Strassenschlachten aus, bei denen nach offiziellen Angaben 43 Menschen getötet wurden. AugenzeugInnen vermuten, dass die Zahl viel höher ist. Sie sahen, wie ultranationalistische, bewaffnete Mobs durch die Strassen zogen, darunter buddhistische Mönche. Hunderte von Häusern in einem muslimischen Stadtteil wurden angezündet. Am dritten Tag der Gewalt verhängte Burmas Präsident Thein Sein den Ausnahmezustand über die Region. Kurz darauf wurden auch aus anderen Gegenden Übergriffe auf muslimische Einrichtungen gemeldet.

Antimuslimische Hetze

Erst im Juni und Oktober 2012 waren im westlichen Rakhaing-Staat bei Unruhen zwischen BuddhistInnen und der muslimischen Volksgruppe der Rohingya mindestens 180 Menschen getötet und über 115 000 vertrieben worden, darunter vor allem Rohingya, die in Burma nicht als Minderheit anerkannt sind und systematisch verfolgt werden. MenschenrechtlerInnen hatten die Regierung aufgefordert, die gegen die Rohingya gerichtete religiöse Gewalt sofort zu stoppen und die Hintergründe zu untersuchen. «Wenn die Behörden nicht auch die Ursachen der Gewalt angehen, könnte es noch schlimmer werden», warnte Phil Robertson, Vize-Asienchef der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.

KritikerInnen vermuten, dass die Unruhen gesteuert sind. Sie dürften Hardlinern aus dem Umfeld der Armee oder der militärgestützten Regierungspartei USDP in die Hände spielen, die trotz des Reformprozesses an ihrer Macht festhalten wollen. Laut der umstrittenen Verfassung hat Burmas Militär das Recht, in einer Staatskrise das Ruder an sich zu reissen.

Seit zweieinhalb Jahren steht Burma in einem politischen Reformprozess, der mit der Freilassung der Oppositionellen Aung San Suu Kyi begann. Allerdings hätten religiöse und ethnische Minderheiten bislang nicht von diesen Reformen profitiert, kritisieren AktivistInnen. So würden die Autoritäten weiterhin gewaltsam die einst von der Militärjunta initiierte Staatspolitik der «Burmanisierung» vorantreiben, das heisst, das Land in «ethnischer, kultureller, sprachlicher und religiöser Hinsicht homogenisieren», schrieb die Menschenrechtsorganisation CHRO, die sich für die Rechte der überwiegend christlichen Chin-Minderheit einsetzt.

Und das bekommen auch Burmas MuslimInnen, darunter die Rohingya-Volksgruppe, zu spüren. So machen Teile des buddhistischen Mönchsstands aus ihrer radikalen Gesinnung keinen Hehl: Im September 2012 führten Hunderte einen Protestzug in Mandalay an – zum «Schutz des Mutterlands» und in Solidarität mit Präsident Thein Sein, der erklärt hatte, die Rohingya sollten in Lagern gehalten oder deportiert werden.

Mehr noch: Nach der Gewalt in Meikhtila veröffentlichten AktivistInnen Berichte über eine von radikalen buddhistischen Mönchen geführte Kampagne, die die religiöse Zahl 969 als Namen trägt und antimuslimische Hetzparolen verbreitet. Darin involviert ist ein Mönch namens Wirathu, der bereits zu Zeiten der Militärdiktatur für seine fanatische Haltung berüchtigt war und 2003 wegen Anstiftung zu religiösen Unruhen verhaftet wurde. Mittlerweile wieder auf freiem Fuss, führte der militante Geistliche unter anderem die Anti-Rohingya-Demos in Mandalay an.

Der Staat trägt Mitschuld

Der Mitbegründer der Koalition Freies Burma, Maung Zarni, bezeichnet die 969-Kampagne als Neonazibewegung. Laut der NGO Burma Campaign UK wurden schon seit Monaten Flugblätter mit Boykottaufrufen und Hetze gegen MuslimInnen in Umlauf gebracht – unter anderem in Rangun und im Bundesstaat Karen.

Tomas Ojea Quintana, der für Burma zuständige Uno-Sonderberichterstatter für Menschenrechte, sagte, der Staat sei mitschuldig an der Eskalation. Er habe Berichte erhalten, wonach dieser in einige der Gewaltakte verwickelt sei. Auch habe es Vorfälle gegeben, bei denen Sicherheitskräfte den Gräueltaten der ultranationalistischen Mobs tatenlos zugesehen hätten. Die Regierung wies die Vorwürfe zurück.

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