Nr. 14/2013 vom 04.04.2013

Das AKW und die Fische

Das Fischsterben im Nationalpark zeigt die Grenzen der Wasserkraft. Derweil gibt das Bundesgericht der viel riskanteren Atomkraft grünes Licht.

Von Susan Boos

Fische zucken im grauen Schlamm und gehen erbärmlich zugrunde. Andere wurden in die Turbinen gesogen und kamen darin um. Im Ausgleichsbecken Ova Spin treiben Tausende von Bachforellen auf dem Rücken. Das grosse Fischsterben im Engadiner Nationalpark war das Osterereignis. Schlammmassen ergossen sich aus dem Livignostausee, wälzten sich durch den Spöl und töteten alles Leben darin. Zuvor hatte man den Bach während Jahren biologisch aufgepäppelt. Das Vorzeigeprojekt ging binnen Minuten kaputt.

Der Schlamm liegt wie ein Totentuch über dem Bachbett. Auch die saubere Wasserkraft hat ihre dunkle Seite. Schlamm und Schutt füllen die Stauseen stetig. Man geht davon aus, dass ein Staubecken im Durchschnitt pro Jahr um ein Prozent gefüllt wird; in hundert Jahren sind die Becken demnach voll. Man könnte sie spülen, Schlamm und Sedimente herauswaschen, doch das bekommt der Natur nicht sonderlich, wie man nun – unfreiwillig – im Nationalpark vorgeführt bekam.

Wasserkraft ist nicht endlos nachhaltig. Irgendwann sind die Becken voll, weil die Berge rundherum erodieren.

Abgesehen davon hätte der Unfall niemals geschehen dürfen. Die Engadiner Kraftwerke AG, die die Anlage betreibt, sagt, das Personal habe keine Fehler gemacht. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft. Am Ende ist vielleicht die Technik schuld, weil Überwachungsgeräte ausfielen und Schlamm war, wo keiner hätte sein sollen.

Da lässt sich der Bogen zum anderen energiepolitischen Ereignis der letzten Tage spannen: Das Bundesgericht hat Ende vergangener Woche dem AKW Mühleberg eine unbefristete Betriebsbewilligung zugesprochen. Damit hat es das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts umgestossen, das noch vor einem Jahr anderer Meinung war.

Den KlägerInnen – etwa hundert AnwohnerInnen – wurden die Prozesskosten auferlegt. Das macht etwa 150 000 Franken. Eine prohibitive Summe, die künftige KlägerInnen abschrecken dürfte.

Eine juristische Einordnung des Urteils will Rainer Weibel, der Anwalt der Klagenden, erst vornehmen, wenn die schriftliche Begründung vorliegt. Er hat allerdings im Namen einiger AnwohnerInnen vor rund einer Woche beim Energie- und Umweltdepartement Uvek noch ein «Gesuch um Entzug der Betriebsbewilligung des Kernkraftwerkes Mühleberg» eingereicht, weil die Anlage den vorsätzlichen Absturz eines grossen Flugzeugs nicht überstehen würde.

Immens über das Urteil gefreut hat sich indes der Mühleberg-Betreiber, das Berner Energieunternehmen BKW. Vergnügt sagte BKW-Verwaltungsratspräsident und BDP-Nationalrat Urs Gasche dem «Bund», vielleicht werde man nun die Anlage bis 2026 weiterbetreiben. Dann wäre der Reaktor 54 Jahre alt.

Gasche bot der Atomaufsichtsbehörde Ensi einen Kuhhandel an: früherer Abschalttermin gegen weniger Nachrüstung. Seine Begründung: «Wenn wir die Betriebsdauer halbieren, reduzieren wir auch das Risiko.» Gasche hat nichts verstanden. Bei den geforderten Nachrüstungen geht es darum, Designfehler zu beheben. Um Mängel, die die Anlage seit Anbeginn aufweist – weil sie eben ein Deux Chevaux und kein moderner Mercedes ist.

Eigentlich hätte das Ensi nach dem AKW-Unfall in Fukushima anordnen müssen: Mühleberg abschalten, Designmängel beheben, erst dann wieder in Betrieb nehmen. So würde man es bei jeder Seilbahn tun. Doch das Ensi gewährt der BKW eine immens lange Frist, um die Probleme zu beheben. Wenn Mühleberg ohne Nachrüstung bis 2017 am Netz bleiben darf, warum nicht auch bis 2022 oder 2026?, wird sich Gasche gesagt haben. Und dann gibt er sich kulant, gibt ein bisschen nach, reduziert die Betriebszeit – und hat formal die Sicherheit erhöht.

Das hört sich an wie eine Posse. Mit Sicherheit hat es nichts, mit Geld aber sehr viel zu tun. Oder wie Gasche es ausdrückte: «Bis 2022 ist der Stilllegungs- und Entsorgungsfonds geäufnet, und die Abschreibungen sind gemacht. Bis dann hätte sich das KKW selber finanziert.» Er pokert, um die Kassen zu füllen. Viel Spass, denn wenn es schiefgeht, geht es nicht mehr nur um krepierende Fische. Ereignete sich in Mühleberg ein ähnlicher Unfall wie in Fukushima, läge die Bundesstadt Bern mitten in der Evakuierungszone.

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