Nr. 16/2013 vom 18.04.2013

«Bald gibt es uns nicht mehr»

Einst lebten viele GriechInnen in der türkischen Metropole Istanbul, dann wurden sie zur Flucht gezwungen. Inzwischen sitzen jedoch viele von ihnen in Athen wieder auf gepackten Koffern – sie wollen zurück an den Bosporus, in ihre alte Heimat.

Von Dieter Sauter, Istanbul/Athen (Text und Foto)

Am 7. September 1955 auf der heutigen Istiklal Caddesi (Unabhängigkeitsstrasse) in Istanbul: In der vorangegangenen Nacht wurden 4200 Geschäfte der griechischen Gemeinde aufgebrochen, geplündert, etliche in Brand gesetzt. Auch kamen beim Progrom von Istanbul über 1000 griechische Wohnungen, 71 Fabriken, 73 Kirchen und 26 Schulen zu Schaden. Foto: Tahri Vakfi

Marina Kiriakopoulo lässt sich schwer auf ihr Sofa fallen. Sie ist 72 Jahre alt, ihre Wohnung in Athen verlässt sie nur noch selten. «Es ist nicht gut für mich, über die Vergangenheit zu reden. Ich versuche seit Jahrzehnten, das alles zu vergessen, aber es gelingt mir nicht. Ich war über zwanzig Jahre lang nicht in Istanbul. Mein Vater war nie mehr dort. Sie haben uns alles weggenommen. Wissen Sie, Istanbul, das ist nicht nur eine Stadt – das ist ein Leben!»

Auch Mihalis Vasiliadis lebte über dreissig Jahre lang fern von seiner Heimatstadt Istanbul in Athen. Aber anders als Marina Kiriakopoulo wohnt er heute nicht mehr dort. Er ist vor gut sieben Jahren an den Bosporus zurückgekehrt und gibt heute die griechische Tageszeitung «Apoyevmatini» in Istanbul heraus. Vasiliadis hatte schon vor 1974, bevor er Istanbul verliess, bei dieser Zeitung gearbeitet. Jetzt sitzt er in einem kleinen Raum, der mit seinen alten Möbeln eher einem Museum als einer Redaktion gleicht.

1926, als die Zeitung gegründet wurde, lebten 800 000 Menschen in Istanbul, damals hatte die griechische Gemeinde am Bosporus über 120 000 Mitglieder und die Zeitung eine Auflage von 30 000. Mehr als dreissig Angestellte recherchierten, schrieben und druckten das Blatt, über drei Stockwerke erstreckten sich Redaktionsräume und die Druckerei. Geblieben sind davon rund dreissig Quadratmeter, der Raum ist durch eine Glasscheibe in einem Holzrahmen aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts aufgeteilt. Täglich werden gerade noch 600 Exemplare gedruckt und verteilt, denn heute leben nur noch 2000 GriechInnen in Istanbul – oder 605 Familien, wie man hier sagt.

Die Redaktion findet man heute noch dort, wo die Zeitung einst gegründet wurde: in einer Passage im Zentrum des europäischen Teils der Stadt, an der einstigen Prachtstrasse von Istanbul, der heutigen Istiklal Caddesi. Früher nannte man sie die «Grande Rue de Pera», eine Strasse, auf der man nur mit gebügelten Hosen flanierte, das «kleine Paris», wie man damals auch sagte. Fast alle Geschäfte in diesem Stadtzentrum gehörten Armeniern, Juden oder Griechinnen – bis zu jenem Abend am 6. September 1955.

Sogar ein Klavier flog auf die Strasse

An jenem Tag standen schon zur Mittagszeit da und dort Männer zusammen, die Mihalis Vasiliadis bereits an ihrer Kleidung als Fremde von ausserhalb Istanbuls erkannte. In der Nacht zuvor hatte jemand Häuser und Geschäfte mit roten Kreuzen markiert. Die «Reichskristallnacht von Istanbul», wie sie später auch genannt wurde, begann um 19 Uhr.

John Stoupakiz war damals achtzehn und wohnte mit seinen Eltern an der Istiklal Caddesi. «Mein Vater meinte immer stolz: Wir machen die beste Butter in der Türkei. Ich war an jenem Tag mit ein paar Freunden auf dem Heimweg von unserem Training im Beyoglu-Sportklub, der war nur eine Ecke weit von der Istiklal-Strasse entfernt. Als wir dorthin kamen, traute ich meinen Augen nicht.» Was er dort sah, werde er sein Lebtag nicht vergessen, sagt Stoupakiz. Es war, als hätte eine Bombe eingeschlagen. «Alle Läden waren aufgebrochen, die ganze Chaussee war übersät mit Waren, sodass man kaum gehen konnte und höllisch aufpassen musste.» Immer wieder seien aus oberen Stockwerken Stühle, Geschirr und sogar ein Klavier auf die Strasse geworfen worden. «Die Ladentür der griechischen Metzgerei, dessen Besitzer ein Freund meines Vaters war, war ebenfalls aufgebrochen; die Einbrecher warfen das Fleisch durch das Schaufenster auf das Pflaster. Es gab ein paar Gestalten in dunklen Anzügen, die den Mob dirigierten. Dann sahen wir, dass einzelne Geschäfte unversehrt geblieben waren – und schliesslich wurde uns klar, dass die Marodeure es auf Geschäfte der Minderheiten abgesehen hatten, vor allem auf die der Griechen.»

Auch Marina Kiriakopoulos Vater befand sich damals auf der Istiklal. Er wollte eigentlich ein Geschenk für Marina kaufen, denn sie hat am 7. September Geburtstag. Als er sah, was dort vor sich ging, holte er aus seinem Büro in der Nähe seinen Fotoapparat – und machte die Bilder, die als erste von diesem Pogrom später im Ausland veröffentlicht wurden. In jener Nacht wurden 4200 Geschäfte der griechischen Gemeinde aufgebrochen, geplündert, etliche in Brand gesetzt, ebenso über 1000 griechische Wohnungen, 71 Fabriken, 73 Kirchen und 26 Schulen.

Zu freundlich für einen Griechen

Wer den Mob organisiert hatte, ist nicht eindeutig geklärt. Damals hiess es, der «spontane türkische Volkszorn» habe sich entladen, weil griechische Nationalisten auf das Geburtshaus von Staatsgründer Kemal Atatürk in Thessaloniki einen Anschlag verübt hätten. Fünf Jahre später, nach dem 
Militärputsch 1960, wurde der damalige Regierungschef Adnan Menderes von der Junta unter anderem für die Organisatiuon der Ausschreitungen zum Tode verurteilt, aber nach wie vor gibt es Zweifel, ob die Regierung für das Pogrom verantwortlich war.

«Mein Vater erzählte mir immer wieder die Geschichte von einem Soldaten, der am 7. September vor einem zerstörten griechischen Laden Wache hielt», berichtet Kiriakopoulo. «Er ging auf ihn zu und fragte ihn: Was ist hier geschehen, was machst du da? Der Soldat antwortete ihm: ‹Bruder, ich verstehe das Ganze auch nicht. Gestern gab man mir den Befehl, ich soll dieses Geschäft hier zerstören, und heute habe ich den Befehl, ich soll den Laden bewachen und beschützen.›»

«Kein Türke hat damals einem Griechen geholfen, keiner!», sagt Mihalis Vasiliadis. «Ja, es gibt eine ganze Reihe von Geschichten, wie ein Mehmet oder ein Mustafa einen Mihalis oder einen Yorgos gerettet hat. Das stimmt, das sind keine Lügen! Aber die haben denen nicht geholfen, weil sie Griechen waren, sondern weil sie ihre Freunde oder Bekannten waren. Meine türkischen Freunde hatten damals zu mir immer wieder gesagt: Mihalis, du bist so ein guter Mensch, das glaubt ja keiner, dass du ein Grieche bist!» Zu jener Zeit gab es im Haus einen Abwart namens Ahmet. «Als in der Nacht der Mob in unsere Strasse kam, nahm dieser Ahmet eine türkische Fahne in die Hand, stellte sich vor unser Haus, schwenkte die Flagge und rief: ‹Hier wohnen keine Griechen!› So hat er uns gerettet. Aber als die Plünderer an unserem Haus vorbeigezogen waren, legte dieser Ahmet seine Fahne weg, nahm eine Axt, rannte dem Mob hinterher und zerstörte mit ihnen zusammen die Wohnungen unserer griechischen Nachbarn.»

«Unsere Abonnenten sterben»

Mihalis Vasiliadis ist müde. Die Zeitung produziert er heute praktisch alleine, und er weiss nicht, wie lange er das noch schafft. Er selbst lebt von seiner Rente, und was an Geld vom Verkauf des Blatts und den wenigen Anzeigen reinkommt, das gibt er den Verteilern. «Wir müssten jeden Tag mindestens 5000 oder 6000 Exemplare verkaufen, um finanziell über die Runden zu kommen, aber das ist vollkommen unmöglich. Wir können unsere Auflage von 600 nicht einmal auf 605 steigern, im Gegenteil: Unsere Abonnenten sterben.» Die Zeitung macht jeden Tag einen Verlust von umgerechnet rund 150 Euro.

Ab und zu besucht ihn der alte Dimitri Frangopoulos. Er ist 82 Jahre alt und war ab 1958 35 Jahre lang Rektor am grössten griechischen Gymnasium in Istanbul. Das Schlimmste war nicht das Pogrom 1955, da sind sich die beiden einig. Das Pogrom dauerte ja nur zwei Tage. Unmittelbar danach verliessen lediglich etwa 15 000 Mitglieder der griechischen Gemeinde die Stadt. Die anderen reparierten die Schaufenster ihrer Geschäfte und räumten ihre Wohnungen auf. Aber dann, 1964, wurde der Druck immer grösser, und die Angriffe und Schikanen dauerten nicht zwei Tage, sondern gut zehn Jahre. «Die Zypernkrise war schliesslich die Ausrede dafür», sagt der alte Schulleiter. Nach der Unabhängigkeit Zyperns (1960) und dem Putsch der griechischen Militärs (1967) – die Zypern Griechenland angliedern wollten – war es 1974 zu einer Invasion türkischer Truppen gekommen. Seither ist die Insel geteilt (vgl. «Mit den Augen der Dichterinnen und Geistlichen»).

Viele griechische Schulen verloren ihre Zulassung, es gab kaum noch Schulbücher. Wenn ein griechischer Schuldirektor aus welchen Gründen auch immer, seinen Posten verliess, weil er in Urlaub ging oder krank wurde, nahm sofort ein türkischer Vertreter seine Stelle ein. Dimitri Frangopoulos musste schliesslich auch seine Lehrerwohnung im Schulgebäude räumen. Die SchülerInnen durften keine Schulabzeichen mehr auf ihrer Uniform tragen, das Schulgebäude hatten sie durch den Hinterausgang zu verlassen, und sie mussten unverzüglich nach Hause gehen.

Zu Frangopoulos’ Zeit wurden an seiner Schule noch mehr als 700 SchülerInnen unterrichtet, heute sind es gerade noch 45. Von 59 griechischen Schulen gibt es noch fünf, zwei davon haben zusammen noch zwölf SchülerInnen. Letztes Jahr wurde wieder eine Schule geschlossen, weil die LehrerInnen nur noch einen Schüler zu unterrichten hatten. «Wir sind heute der kranke Mann am Bosporus», sagt Yani Demircioglu, der Nachfolger von Dimitri Frangopoulos. «Die Lehrer zu motivieren, wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Sie können ja nicht einmal mehr zwischen einem begabten Schüler und einem weniger begabten einen Unterschied machen, sie müssen alle mitnehmen, denn wir wollen ja Tag für Tag beweisen, dass es uns noch gibt!»

Besuch von der Polizei

Wer damals, nach 1964, auf der Strasse laut griechisch sprach, wurde nicht selten angepöbelt oder gar angegriffen, denn überall war die Parole präsent: Mitbürger, sprecht türkisch! «Wenn ich mit meinen kleinen Töchtern im Taxi fuhr, hielt ich ihnen immer wieder den Mund zu. Ich hatte Angst, dass uns der Fahrer aus dem Auto wirft, wenn er hört, dass wir Griechen sind», erzählt Dimitri Frangopoulos. «Es war offensichtlich, man wollte uns mit allen Mitteln loswerden.»

«Wenn mit mir heute einer griechisch spricht, dann antworte ich ihm immer noch automatisch auf Türkisch», seufzt Laki Vasiliadis. «Bald wird es uns nicht mehr geben. Schauen Sie, ich rede ja auch mit Ihnen nur noch türkisch, meine Tochter spricht noch viel weniger griechisch als ich, irgendwann wird es uns gar nicht mehr geben.» Es gibt nur noch zwei Geschäfte auf der Istiklal Caddesi, die Griechen gehören. Eins davon ist das von Laki Vasiliadis. Er verkauft Orthopädieartikel, die Firma ist eine der ältesten der Türkei, sie wurde 1919 gegründet. Er war damals noch Schüler, als die türkische Presse auch zum Boykott der Geschäfte der Griechen aufrief: «Jede türkische Lira, die ihr bei Griechen ausgebt, ist eine Kugel für unsere türkischen Brüder auf Zypern!»

Er hat selbst erlebt, wie die türkische Polizei systematisch alle griechischen Geschäftsleute in ihrem Unternehmen und auch zu Hause heimsuchte und dort alle Unterlagen, ob geschäftlich oder privat, beschlagnahmte. «Wissen Sie», sagt er, «Sie brauchen einem Unternehmer keine Pistole an den Kopf zu halten, um ihn zum Aufgeben zu zwingen. Da gibt es noch viele andere Möglichkeiten.» Heute leben noch etwa 25 griechische Geschäftsleute in Istanbul.

Der traditionelle Beyoglu-Sportklub der griechischen Gemeinde hat noch über 200 Mitglieder, Laki Vasiliadis sitzt im Vorstand, er ist mit seinen gut fünfzig Jahren einer der Jüngsten dort. Jugendliche kommen kaum mehr zum Training. Wenn der Sportklub nicht in einem Gebäude untergebracht wäre, das der griechischen Gemeinde gehört, hätte der Verein längst seine Tore schliessen müssen. Auch hier sagt man mir: Wir wollen vor allem zeigen, dass es uns noch gibt! Aber jeder im Vorstand weiss: Ohne neue, vor allem junge Mitglieder wird der Verein nicht mehr viele Jahre überleben.

Das Tor des Patriarchen

Es ist nicht weit vom Beyoglu-Sportklub zu einem besonderen Mahnmal, das an das Ende der fruchtbaren Koexistenz zwischen TürkInnen und GriechInnen erinnert: dem verschlossenen Eingangstor zum ökumenischen Patriarchat. Bartholomäus I., der Patriarch, der noch heute dahinter residiert, ist – einfach gesagt – der Papst der orthodoxen Kirche mit ihren rund 350 Millionen Gläubigen. Er gilt als Nachfolger des Apostels Andreas, der im Jahre 37 nach Christus die erste Gemeinde am Bosporus gegründet haben soll. 270 Patriarchen der orthodoxen Kirche haben bisher in Konstantinopel und Istanbul residiert.

Anfang des 19. Jahrhunderts brach offene Feindschaft zwischen TürkInnen und GriechInnen aus, als sich Griechenland gegen die Vorherrschaft der Osmanen erhob. In der Osternacht 1821 wurde der damalige Patriarch Grigorius V. am Tor zum Patriarchat wegen Hochverrats erhängt, sein Leichnam ins Goldene Horn geworfen. Man hatte ihn beschuldigt, Kämpfer für die Unabhängigkeit Griechenlands unterstützt zu haben. Seit diesem Tag hält die Kirche das Tor als Zeichen der Trauer geschlossen. Die Türken benannten die Strasse, an der das Patriarchat liegt, nach dem Grosswesir Sadrazam Ali Pascha, der die Hinrichtung des Patriarchen befohlen hatte – und so heisst die Strasse heute noch. Offiziell anerkennt Ankara auch den Titel und die Funktion des Patriarchen nicht – für die Republik Türkei ist er nur ein Pfarrer einer Gemeinde in Istanbul.

Priester gibt es für die vielen orthodoxen Kirchen und Klöster in Istanbul zu wenige – allein um das Goldene Horn soll es einst bis zu 350 Kirchen und Klöster gegeben haben. Heute ziehen die Geistlichen Woche für Woche von einer Kirche zur anderen, um hier und da wenigstens noch ab und an einen Gottesdienst abzuhalten.

In der Kapelle des Altersheims aber wird noch regelmässig gebetet. Hier lebt fast jeder Zehnte der Gemeinde, das Durchschnittsalter der GriechInnen am Bosporus liegt bei weit über fünfzig. Mittlerweile gibt es selbst im griechischen Altersheim leere Betten, sagt Fotini Mayoglu, die Leiterin des Hauses. Das Heim ist ein grosser Bau auf dem Gelände des Krankenhauses der griechischen Stiftung. Die Einrichtung wurde 1911 gegründet, und etliche ihrer BewohnerInnen kamen hierher, weil es nach dem Tod ihres Ehepartners niemanden mehr gab, der sich um sie kümmern konnte. Die Verwandten und die Kinder waren alle ins Ausland abgewandert. «Die meisten sind hier sehr allein, es gibt ja auch kaum jemanden, der sie besuchen könnte.»

Vasilis Vasiliadis wollte trotzdem auf jeden Fall von Athen zurück in seine alte Heimat Istanbul. Er ist 74 und lebt seit über sechs Jahren im Altersheim. Er braucht Pflege, seit einem Schlaganfall ist er halbseitig gelähmt. Warum er 1974 Istanbul verlassen hat? Darüber will er nicht reden, «es musste sein», sagt er nur. Nur wenige wollen über die dunklen Tage der Vergangenheit sprechen. «Aber ich wollte immer zurück.» Bevor er Istanbul verliess, wurde er angefeindet, wenn er griechisch sprach, später, in Griechenland, besuchte er Sprachkurse für Türkisch: «Ich wollte die Sprache nicht vergessen.»

Wie vielen es so geht wie Vasilis Vasiliadis, wie viele trotz allem, was sie erlebt haben, Sehnsucht nach Istanbul haben, kann man im Sommer auf dem Sportgelände des Vereins Byzanz in Athen sehen. Alle zwei Jahre veranstalten die rund zwei Dutzend Vereine der ehemaligen Istanbul-GriechInnen hier ein Festival zum Gedenken an ihre alte Heimat, mit Fotos, Vorträgen, Musik und Tanz. Vor den aufgehängten Strassenkarten von Istanbuler Stadtvierteln zum Beispiel drängen sich die BesucherInnen. Alle wollen auf der Karte mit einem Filzstift die Stelle markieren, wo sie einst wohnten. 4000 BesucherInnen hatte das Festival zuletzt. «Wir sind keine Griechen, wir sind Istanbul-Griechen, das ist etwas anderes», sagt einer, der vor dem Stadtplan von Istanbul-Bakirköy steht. «Wir sind ja nicht irgendwann aus Griechenland in die Türkei ausgewandert, unsere Familien lebten über viele Generationen am Bosporus, manche seit 2000 Jahren. Unsere ganze Geschichte, all unsere Erinnerungen, all das ist in Istanbul. Wir hatten dort unsere eigene Kultur.»
Als sie hier in Griechenland ankamen, wurden sie keineswegs mit offenen Armen empfangen. «Ich ging in einem fremden Land in die Schule und hatte in dieser Schule keine Freunde, denn keiner wollte mit mir etwas zu tun haben. Ich sei eine Ausländerin, eine Türkin, so haben mich meine Mitschüler beschimpft», erzählt Marina Kiriakopoulo. «Auch als ich später studierte, sagte ich keinem, dass ich aus Istanbul stamme. Wenn mich einer fragte, dann behauptete ich immer, ich sei aus Athen.»

«Mir hat man gesagt: Du kannst hier nicht arbeiten! Du kriegst bei uns nicht einmal eine Aufenthaltsgenehmigung, erst recht keine Arbeitsgenehmigung!», erinnert sich Nikolaos Uzunoglu. Er ist heute Professor an der Technischen Universität in Athen und leitet die Vereine der «ehemaligen Istanbul-Griechen». «Jahrzehntelang haben wir nur versucht, nicht an Istanbul zu denken. Wir wollten nur alles vergessen, wir haben auch mit keinem darüber gesprochen. Punkt. Ich bin erst nach über dreissig Jahren wieder nach Istanbul gereist, heute bin ich sehr oft dort.»

Rückkehr mit Risiko

Nikolaos Uzunoglu verhandelt seit mehr als zwei Jahren mit Vertretern der türkischen Regierung über die Bedingungen einer möglichen Rückkehr der Istanbul-GriechInnen. «Ja, wir wollen zurück! Viele Länder dieser Welt haben einige dunkle Kapitel in ihrer Geschichte. Aber es gibt auch viele Beispiele dafür, dass Regierungen die Fehler der Vergangenheit eingesehen und ihre Politik geändert haben.» Eine Rückkehr, das weiss er, ist nicht so einfach. «Die meisten von uns haben Kinder, die sind in Griechenland aufgewachsen, und viele der Jugendlichen wollen nicht in die Türkei auswandern. Aber dass wir heute mit der türkischen Regierung über eine Rückkehr überhaupt ernsthaft sprechen können (vgl. «Erwartungen an Ankara»), das ist ein Fortschritt. Davon hätten wir vor zehn Jahren noch nicht einmal zu träumen gewagt.»

Keine Zukunft unter der Akropolis

Minas, der Sohn von Mihalis Vasiliadis, ist schon zurück in Istanbul. Aufgewachsen in Athen, wollte er seinen Vater vor vier Jahren nur für ein paar Tage besuchen, nachdem der 2005 an den Bosporus zurückgekehrt war. «Ich bin seither nicht mehr nach Athen zurückgekehrt», sagt er. «Ich hatte mir die Türkei ganz anders vorgestellt. Ich kann mich noch erinnern, was meine Lehrerin uns in der Grundschule erzählte: Die Türken würden alle auf dem Boden essen und keine Teller benutzen – und sie hat mich auch einmal, als ich mich mit einem Klassenkameraden prügelte, einen ‹türkischen Dieb› genannt, weil sie wusste, dass meine Eltern aus Istanbul sind.»

Minas Vasiliadis schaut optimistisch in die Zukunft der griechischen Gemeinde in Istanbul. Zwar misstrauen viele noch immer dem türkischen Staat, der könnte ja auch bald wieder einmal eine härtere Gangart gegenüber den Minderheiten im Land einlegen. Aber sie hätten zumindest jetzt keine Angst mehr, zu sagen, dass sie GriechInnen seien – und ChristInnen.

«Ohne Rückkehrer nach Istanbul wird es unsere Gemeinde bald nicht mehr geben», sagt sein Vater. «Eine Gemeinde mit nur noch 2000 Mitgliedern und einem Durchschnittsalter von weit über fünfzig kann nicht überleben.» Aber wird es diese RückkehrerInnen auch geben? «Schauen Sie», antwortet die Leiterin des Altenheims, «wer Istanbul verlassen hat, hat seine Heimat verlassen und seine ganze Existenz aufgegeben.» Wieso sollten diese Familien nun noch einmal ihre Existenz aufgeben, um am Bosporus wieder von vorne zu beginnen? Es gebe zwar in Istanbul inzwischen wieder achtzig griechische Firmen, aber die griechischen Geschäftsleute, die diese Firmen führten, kämen alle nur vorübergehend in die Stadt.

Vielleicht hat die Krise in Griechenland in dieser Hinsicht sogar eine positive Seite. Nicht wenige junge Menschen sehen zurzeit unter der Akropolis keine Zukunft für sich – und nicht wenige blicken voller Anerkennung auf die boomende Wirtschaftsmetropole am Bosporus.

Dem 72-jährigen Mihalis Vasiliadis ist vor allem wichtig, dass zumindest die Geschichte der Istanbul-GriechInnen nicht in Vergessenheit gerät. Denn nicht nur in den türkischen Geschichtsbüchern, auch in den griechischen findet sich bis heute dazu kein Wort.

Ein Dokumentarfilm von Dieter Sauter zu diesem Thema 
(Titel: «Adieu Istanbul») hatte am 20. März 2013 Premiere auf dem Dokumentarfilmfestival in Thessaloniki. Er wurde am vergangenen Samstag (13. April) auch auf dem Istanbul-Filmfestival gezeigt.

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