Nr. 16/2013 vom 18.04.2013

Mit den Augen der Dichterinnen und Geistlichen

Einen Monat nach Ausbruch der Krise setzt auf Zypern ein Prozess der Aufarbeitung ein. Dabei distanzieren sich immer mehr Intellektuelle und Kulturschaffende vom Traum des vereinten Europa.

Von Amalia van Gent, Nikosia

Am Anfang war das Wort. Pater Neofytos, Bischof von Morphou, hat diesen Satz tausendfach gepredigt und war um den korrekten Gebrauch der Sprache besonders bemüht; dem Wort fühlt er sich tief verpflichtet. Wörter machen ihm neuerdings aber zu schaffen: Nach der hitzigen Sitzung der Eurogruppe in Brüssel in der Nacht auf den 26. März priesen die EU-FinanzministerInnen das ausgearbeitete Hilfsprogramm für Zypern etwa als «die Rettung» der östlichen Mittelmeerinsel an. Die ZypriotInnen hingegen erlebten dasselbe Programm als Katastrophe.

«Zwischen den beiden Sachverhalten liegen Welten», sagt der Pater mit dem langen grauen Bart und den feurigen Augen. Im Empfangszimmer eines frisch renovierten Klosters unweit der Hauptstadt Nikosia ist der Unterton von Hohn und zugleich Trotz kaum zu überhören.

Zypern hat sich Ende März in Brüssel spektakulär verkalkuliert: Die Regierung von Nikos Anastasiades war gerade mal fünfzehn Tage alt, mit den Gepflogenheiten der Eurogruppe unerfahren und auf eine Auseinandersetzung völlig unvorbereitet. Für die Lösung ihrer Bankenprobleme setzte sie blind auf die Solidarität der EU-KollegInnen, auf ähnliche Therapien wie in Irland, auf «business as usual». Stattdessen wurde sie vor die Wahl gestellt, eine ungeregelte Staatspleite hinzunehmen oder den Bankrott des Bankensektors zu akzeptieren. Beides setzte dem Modell Zypern als Finanzstandort im östlichen Mittelmeer ein unwiderrufliches Ende und stellte die Insel faktisch vor das wirtschaftliche Nichts.

Ernüchtert schrieb kurz danach Maltas Finanzminister Edward Scicluna in der «Times of Malta»: «Zypern ist eine Fallstudie dafür, wie mit einem kleinen mediterranen EU-Staat umgegangen wird, wenn er Hilfe von den Nachbarstaaten bräuchte.» Es habe beinahe zehn Stunden gedauert, bis der Vertreter der Regierung von Nikosia «mit der Pistole am Kopf» dem Rettungspaket zugestimmt habe. «Das war für jeden einzelnen Finanzminister eine Lektion fürs Leben.»

Zwei kolossale Fehler

Pater Neofytos ist an solchen Details des Deals kaum interessiert. Zypern habe in seiner jüngsten Geschichte zwei kolossale Fehler begangen, sagt er. Nach dem Einmarsch der türkischen Truppen 1974 und dem Verlust von 41 Prozent des Inselterritoriums seien die Menschen so abgrundtief verunsichert gewesen, dass sie sich zunächst nur auf das sogenannte Wirtschaftswunder fokussiert hätten. Demnach sollte anfänglich die Wirtschaft wachsen, um die 160 000 Flüchtlinge aus dem Inselnorden zu integrieren, und später sollte sie noch mehr wachsen, um den Wohlstand zu erhöhen.

«Das Wirtschaftswunder war eine Illusion, denn innere Unsicherheit kann bekanntlich auch mit einem ungebremsten Konsumrausch nicht bekämpft werden», so Pater Neofytos. Zypern ist 2004 der EU und 2008 der Eurozone beigetreten. Eine Entscheidung, die für den Priester in erster Linie ebenfalls auf die innere Unsicherheit zurückzuführen ist: «Wir glaubten, mit dem Beitritt in einen Klub der Mächtigen an Selbstsicherheit zu gewinnen. Auch dies war ein kolossaler Irrtum.» Der Zyperndeal habe nun die alte innere Unsicherheit unverändert an die Oberfläche getragen.

Pater Neofytos ist heute nicht gut auf die EU zu sprechen. Dabei war er als progressiver Theologe bekannt, der 2004 entgegen Zyperns konservativer Kirchenführung für den Dialog zwischen Inselgriechinnen und Inseltürken einstand und überzeugter Verfechter eines vereinten Zyperns als Mitglied in der EU war. Die NordeuropäerInnen fühlten sich heute moralisch berechtigt, den angeblich faulen, korrupten Süden zu bestrafen, sagt er zornig. «Das Europa, von dem wir träumten, ist offenbar eine Lüge.»

Angst vor Nationalismuswelle

Über der Ledrastrasse im Zentrum der Altstadt Nikosias hängt beklemmende Stille. Auch am Tag, als die Banken nach einer fast zweiwöchigen Schliessung wieder geöffnet wurden, blieb es still – sehr zur Enttäuschung der internationalen TV-Teams, die sich erwartungsvoll auf dem «Platz der Freiheit» am südlichen Ende der Ledrastrasse positioniert hatten. Der befürchtete Ansturm auf die Banken blieb aus, genauso die Panik der BankkundInnen. «Ein Non-Event», empörte sich eine britische Journalistin.

Die schnurgerade Ledrastrasse gilt als Spiegelbild der zyprischen Geschichte. Sie kreuzt die Demarkationslinie – euphorisch «grüne Linie» genannt –, die die Insel und die Hauptstadt Nikosia in einen türkischen Norden und einen griechischen Süden teilt (vgl. «Strasse der Kämpfe» im Anschluss an diesen Text). Erst 2008 entfernten junge IdealistInnen beidseits der «grünen Linie» an der Ledrastrasse den Stacheldraht; «ihre Mauer» wurde gestürzt. Danach kehrte in der Altstadt eine Art Normalität ein. Im griechischen Teil der Ledrastrasse entstanden schmucke Cafés und schicke Boutiquen. Im nördlichen Teil herrschte orientalisches Treiben.

Nese Yasin überquert fast täglich die «grüne Linie» bei der Ledrastrasse. Die türkisch-zyprische Dichterin wohnt seit über einem Jahrzehnt im griechischen Teil Nikosias und lehrt an der University of Cyprus jungen InselgriechInnen türkische Literatur und Geschichte. Genauso lange bemüht sie sich auch, den Dialog zwischen Inselgriechen und Inseltürkinnen zu fördern und die uralten Vorurteile der beiden Seiten abzubauen. Die plötzliche Verarmung der InselgriechInnen werde auch im türkischen Norden nicht folgenlos bleiben, sagt sie besorgt. In den letzten Jahren hätten über 3000 TürkInnen täglich im reichen Inselsüden ihren Lebensunterhalt verdient. «Aber jetzt überquert kein einziger mehr die ‹grüne Linie›. Die meisten sind arbeitslos und können ihre Schulden bei den Banken nicht bezahlen.»

Regelrecht Angst hat Nese Yasin aber vor den Folgen im Süden: In den letzten dreissig Jahren seien die InselgriechInnen wirklich reich geworden. Sie strebten immer noch luxuriösere Wohnungen und noch grössere Autos an. «Meine Studenten wissen nicht, wie es ist, arm zu sein; sie wissen aber instinktiv, dass ihr Leben sich bald radikal verändern wird», sagt die Intellektuelle. Die demütigende Arroganz des EU-Nordens und die befürchtete Verarmung bildeten eine explosive Mischung, die die nationalistische Bewegung anheizen könne – mit fatalen Folgen.

Dunkle Ära für den Mittelstand

Für die Literatin Tanja Georgiou ist die dominierende Wortwahl in der Zypernkrise «verwirrend trügerisch». Oft sei die Rede von Kreuzzügen gegen Steueroasen und russische OligarchInnen. «In Wirklichkeit wachten wir nach einem unruhigen Schlaf eines Morgens auf und waren plötzlich alle arm», sagt sie.

Den «Tag danach» stellt sie sich als eine dunkle Ära mit breiter Arbeitslosigkeit, vor allem bei den Jugendlichen, vor. «Dabei hatte Zypern nie zuvor eine so gut ausgebildete Generation wie jetzt.» Die 65-Jährige befürchtet, dass die auferlegten Bankrestriktionen den Mittelstand in die Knie zwingen könnten. Einlagen bis zu 100 000 Euro seien zwar garantiert, könnten aber nur in niedrigen Raten bezogen werden, sagt sie: «Wie sollen denn Geschäftsleute ihre Waren bezahlen oder Tourismusunternehmen ihren Verpflichtungen nachkommen?» Eine Schwächung der Tourismusbranche würde auch die Ärmsten noch ärmer machen.

Georgiou hatte schon immer eine scharfe Zunge. Bis heute wird sie nicht müde, die Gier der zypriotischen Bankiers und die beispiellose Unfähigkeit der zypriotischen PolitikerInnen in der tiefen Krise zu geisseln. Der vorherige Präsident und Vorsitzende der mächtigen Kommunistischen Partei (Akel) des Landes, Dimitris Christofias, konnte oder wollte die Finanzmärkte nicht verstehen, meint sie. Er habe die Bankiers gewähren lassen, und diese hätten sich – wie die Golden Boys weltweit – horrende Boni gegeben und alle Warnungen vor der herannahenden Krise in den Wind geschlagen.

Die Hoffnung zunichtegemacht

Zypriotische Bankiers haben den Bankensektor des Landes tatsächlich aufgebläht, indem sie Gelder aus Russland und der Ukraine mit höheren Zinsen und niedrigeren Steuern ins Land lockten, ohne gross nach dem Ursprung dieses Kapitals zu fragen. Ungeachtet der Gräuel des Jugoslawienkriegs gerieten auch Gelder der Familie Milosevic nach Nikosia. 2011 haben zypriotische BankerInnen schliesslich bedenkenlos griechische Staatsanleihen gekauft. Als die EU den Schuldenschnitt privater AnlegerInnen verschrieb, verloren die Banken auf Zypern fast fünf Milliarden Euro. Damit wurde der Bankensektor Zyperns endgültig ins Verderben gestürzt. Tanja Georgiou fragt: «Musste die verschriebene Therapie so schonungslos, so tödlich sein?», ohne auf eine Antwort zu warten.

Als Tochter eines Gewerkschafters studierte Georgiou wie viele andere ihrer Generation im sowjetischen Moskau, wurde aber 2004 zur überzeugten Verfechterin eines EU-Beitritts von Zypern. Sie hoffte, der EU-Beitritt würde die politische Klasse Nikosias dazu zwingen, einen innerhalb der EU üblichen Rechtsstaat auch auf Zypern zu errichten. Der dilettantische Zyperndeal habe diese Hoffnung zunichtegemacht. «Der Trend des EU-Nordens, die Völker des EU-Südens für die Fehler ihrer Führung und für alle Unzulänglichkeiten der Eurozone kollektiv zu bestrafen, ist kafkaesk», sagt Georgiou.

Unter dem Titel «Ich klage an» protestierten Anfang April Intellektuelle und bekannte Grössen der zypriotischen Kunst- und Kulturszene mit einer öffentlichen Erklärung heftig gegen die «Willkür der erzwungenen EU-Direktiven, die die Menschenwürde der EU-Mitglieder grob verletzt und alle europäischen moralischen Werte degradiert».

Wie Pater Neofytos, die türkisch-zyprische Dichterin Nese Yasin und die griechisch-zypriotische Literatin Tanja Georgiou schliessen auch sie einen Austritt Zyperns aus der EU nicht mehr aus und würden sich nicht dagegenstemmen. Der freiwillige Austritt eines EU-Mitglieds aus dem Klub der Mächtigen ist denkbar geworden.

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