Nr. 16/2013 vom 18.04.2013

Neuer Kampf für alte Maissorten

Gemeinden und nichtstaatliche Organisationen in Mexiko haben 2013 zum Jahr des Widerstands gegen den Gentechmais erklärt und kämpfen landesweit mit neuem Elan. Doch bisher zögert die neue Regierung eine Entscheidung hinaus.

Von Gerold Schmidt, Mexiko-Stadt

Mexikanische Landrassen: Gross angelegter kommerzieller Gentechmais-Anbau könnte das Ende der genetischen Vielfalt des Maises bedeuten. Foto: Daniel Sandoval

«Einzig Maismasse trat in das Fleisch unserer Ahnen.» So steht es im Popol Vuh, der Schöpfungsgeschichte der Maya. Der Mais und der aus ihm geschaffene Mensch galten als Einheit in Mittelamerika. Entsprechend repräsentierte die Maisvielfalt auch die Vielfalt der Menschen. Der Mais wurde aus dem Wildgras Teosinte gezüchtet und seit 6000 Jahren stets weiterentwickelt. In Mexiko gibt es mindestens 59 Sorten mit Hunderten perfekt an die lokalen Umweltbedingungen angepassten Varietäten. Nirgendwo sonst auf der Welt ist die genetische Vielfalt von Mais so gross wie in Mexiko. Bis heute ist dort die «Pflanze der Götter» das wichtigste Nahrungsmittel. Millionen KleinbäuerInnen bringen ihr Saatgut Jahr für Jahr aus. Doch ausgerechnet in ihrem Ursprungsland droht der Kulturpflanze nun die Kontamination mit gentechnisch veränderten Maissorten.

Letzten Herbst schien der Kampf gegen den Anbau von Gentechmais, der bis in die Mitte der neunziger Jahre zurückgeht, entschieden. Im September 2012 beantragten die Konzerne Monsanto, Dupont-Pioneer und Dow eine Genehmigung für die Aussaat auf über einer Million Hektaren in den nördlichen Bundesstaaten Sinaloa und Tamaulipas. Dabei handelte es sich um die gesamte Fläche für den Bewässerungsfeldbau in dieser Region. Niemand zweifelte daran, dass die scheidende konservative Regierung der Partei der Nationalen Aktion (PAN) unter Präsident Felipe Calderón vor ihrem Abgang den Weg für die Saatgutkonzerne ebnen würde. Denn 2009 hatte Calderón trotz heftiger Proteste das seit 1998 bestehende Moratorium für Gentechmais-Anpflanzung aufgehoben – damit war der Weg frei für den versuchsweisen Anbau von Gentechmais. Doch was immer die Beweggründe gewesen sein mögen: Das Abschiedsgeschenk des scheidenden Präsidenten Calderón an Monsanto und Co. blieb aus.

Irritierte Gentechlobby

Nun droht aber der am 1. Dezember angetretene neue Präsident Enrique Peña Nieto von der Partei der Institutionellen Revolution (PRI) nachzuholen, was Calderón verpasste. Dagegen mobilisiert eine breite Allianz: Das seit über zehn Jahren bestehende Netz zur Verteidigung des Maises, hinter dem landesweit etwa tausend indigene und kleinbäuerliche Gemeinden und Organisationen stehen, arbeitet mit der Urbanen Volksbewegung (MUP) in Mexiko-Stadt und der StudentInnenbewegung #Yo Soy 132 zusammen. Mitglieder der Vereinigung gesellschaftlich engagierter WissenschaftlerInnen (UCCS), von denen viele in Regierungseinrichtungen oder öffentlichen Universitäten arbeiten, melden sich verstärkt zu Wort. Dem UCCS-Aufruf gegen die Gentechmais-Aussaat in Mexiko haben sich inzwischen mehr als 3000 WissenschaftlerInnen aus aller Welt angeschlossen.

«Es ist die Breite der Opposition gegen den Gentechmais, die die neue Qualität des Widerstands ausmacht», sagt Ana de Ita vom Zentrum für den Wandel im mexikanischen Landbau. «Ich glaube, dass wir den Kampf um die öffentliche Meinung gewinnen.» Das sei zwar noch keine Garantie dafür, dass auch die Regierung umdenke. «Wenn wir es aber schaffen, den Gentechmais aus dem Ursprungsland des Maises zu vertreiben, kann das ein wichtiges Signal weit über Mexiko hinaus sein.»

Die in Mexiko in der Vereinigung Agrobio zusammengeschlossene multinationale Gentechnik- und Saatgutlobby – zu den Mitgliedern gehören Monsanto, Bayer, Dow, Dupont-Pioneer und Syngenta – zeigt sich irritiert. Laut Agrobio-Direktor Alejandro Monteagudo «kann Mexiko keine weiteren siebzehn Jahre auf Gentechmais warten». Es sei erwiesen, dass dieser nicht gesundheitsschädlich sei. Er sei nachhaltig, ermögliche Ertragssteigerungen um bis zu zwanzig Prozent pro Hektare und könne «zum Erreichen der Ernährungssicherheit und des wirtschaftlichen Wachstums der Landwirte beitragen» (vgl. «Subventionen und Freihandel führen zu Hunger» im Anschluss an diesen Text).

Menschliche Laborratten

Die GegnerInnen der Gentechlobby argumentieren freilich anders. Bezüglich der angeblichen Ertragssteigerung weist Ana de Ita auf jüngste Untersuchungen in den USA hin, wo Gentechmais seit 1996 angebaut wird. «Der Erntezuwachs ist dort fast ausschliesslich konventionellen Züchtungserfolgen und der Perfektionierung landwirtschaftlicher Praktiken geschuldet.» Zugleich sei das Gentechsaatgut bis zu 35 Prozent teurer als das konventionelle und mit einer Lizenzgebühr für die Nutzung verbunden, sagt de Ita. Zudem wurden im Zeitraum 1996 bis 2008 in den USA 144 Millionen Liter mehr Herbizide verspritzt, als dies ohne den Gentechpflanzen-Anbau der Fall gewesen wäre. Ökologisch und ökonomisch nachhaltig ist das nicht.

Auch deshalb hat in Mexiko der Widerstand wieder Fahrt aufgenommen: Im Januar hielten LandwirtInnen der Nationalen Vereinigung der bäuerlichen autonomen Regionalorganisationen (Unorca) im Zentrum von Mexiko-Stadt einen einwöchigen Hungerstreik ab. Nächtliche Kälte und das Verbot der Stadtregie rung, Zelte aufzubauen, hielten die KleinbäuerInnen aus verschiedenen Bundesstaaten nicht davon ab, gegen Gentechmais und die Saatgutmultis zu protestieren. Die Unorca, ein Mitglied der internationalen Bewegung Via Campesina, befürchtet, ihre Mitglieder könnten in völlige Abhängigkeit von Konzernen wie Monsanto geraten, sollte sich deren Gentechmais in Mexiko durchsetzen. «Wir sind gekommen, um Präsident Peña Nieto zu sagen, dass der Kampf gegen Hunger und Armut nicht darin besteht, die Campesinos zu urbanisieren und uns karitativ zu helfen, damit wir Junkfood kaufen können», so Unorca-Koordinator Olegario Carrillo. Die bäuerliche Familienwirtschaft könne ausreichend Nahrungsmittel produzieren und müsse gestärkt werden. In Workshops und Vorträgen auf offener Strasse informierten die Organisationen über die Gefahren des Gentechmaises aus ihrer Sicht.

Spontan solidarisierten sich auch andere Organisationen wie etwa Greenpeace und die Nationale Versammlung der Umweltgeschädigten mit der Hungerstreikaktion und marschierten bei der abschliessenden Protestdemonstration mit. Die StadtbewohnerInnen, die als KonsumentInnen ebenfalls von einer Ausbreitung von Gentechmais betroffen wären, näherten sich dagegen erst zögerlich. «Hier braucht es noch viel Informationsarbeit», sagt Alberto Gómez, ein anderer Unorca-Organisator. «Die meisten Städter zeigen sich vor allem erschrocken über mögliche Gesundheitsrisiken. Denn schliesslich möchte niemand eine menschliche Laborratte von Monsanto sein.»

Der Widerstand hat aber noch weitere Formen: In den kommenden Monaten wird es im Rahmen des Permanenten Völkertribunals, das in Mexiko Menschenrechtsverletzungen in verschiedenen Bereichen aufarbeitet (siehe WOZ Nr. 18/2012), Anhörungen zum Thema «Mais» geben. Aus Europa gab es verschiedene offene Briefe an die neue Regierung. Über die in New York ansässige Avaaz-Stiftung, die globale politische Kampagnen zu den Themen «Klimawandel», «Menschenrechte» und «Armut» organisiert, ging eine Petition mit über 40 000  Unterschriften an den mexikanischen Präsidenten, die ihn aufforderte, jegliche Aussaat von Gentechmais zu stoppen. Und die jüngste Entscheidung der Europäischen Kommission, die Genehmigung für den Anbau verschiedener Gentechpflanzen in der EU mindestens bis Ende 2014 auszusetzen, wird in Mexiko auch von der Regierung wahrgenommen.

Dies ist auch der Fall mit der im Herbst 2012 in Frankreich veröffentlichten «Séralini-Studie», die international für Aufsehen sorgte. Der französische Molekularbiologe Gilles-Éric Séralini hatte nachgewiesen, dass bei Ratten, die mit herbizidresistentem Monsanto-Gentechmais Mon 603 gefüttert wurden, eine verstärkte Tumorentwicklung zu beobachten ist. Die Studie folgte dabei bewusst den Modellanordnungen von Monsanto, mit denen der Konzern die Unbedenklichkeit der Maissorte beweisen wollte. Mit einem Unterschied: Sie wählte einen Versuchszeitraum von zwei Jahren, Monsanto hingegen nur einen von drei Monaten. Die meisten Krankheiten wie Tumore oder schwere Nieren- und Leberschäden traten bei den Ratten erst im späteren Versuchsverlauf auf.

Das Jahr des Widerstands

Nun ist die Regierung von Präsident Peña Nieto am Zug. Möglich, dass ihr bisheriges Schweigen bedeutet, dass sie derzeit aus politischem Kalkül ihre grundsätzlich eher gentechfreundliche Position überdenkt. Zeit gibt es keine zu verlieren. Bereits 2011 hatten die Ministerien für Umwelt und Landwirtschaft das Land rasterartig eingeteilt: in sogenannte Ursprungszentren des Maises, in denen kein Gentechmais angebaut werden darf, und in übrige Zonen, in denen sein kommerzieller Anbau erlaubt sein soll. KritikerInnen werfen den verantwortlichen Stellen allerdings eine absichtlich ungenaue und unvollständige Erfassung vor, um die Gentechmais-Anpflanzungen rechtfertigen zu können.

Nach Auffassung der meisten unabhängigen ExpertInnen ist es aber in jedem Fall unmöglich, die Kontaminierung des einheimischen Maises durch Gentechmais zu verhindern. Übertragungen sind durch Pollenflug, die Vermischung bei Lagerung und Transport und die wissentliche oder unbeabsichtigte Nachsaat von Gentechmais praktisch nicht zu verhindern. Ein gross angelegter kommerzieller Gentechmais-Anbau könnte mittelfristig das Ende vieler einheimischer Maisarten und damit der genetischen Vielfalt des Maises bedeuten.

Die Initiativen gegen den Gentechmais sehen deshalb das gesamte Territorium Mexikos als Ursprungszentrum des Maises an und fordern als ersten wichtigen Schritt die Wiedereinführung des Moratoriums für Gentechmais. Um ihr Ziel zu erreichen, setzen die Gentechmais-GegnerInnen aber lieber weiter auf Mobilisierung als auf den guten Willen des Staats – zumindest symbolisch haben sie dies schon mal klargemacht und 2013 zum Jahr des Widerstands gegen den Gentechmais erklärt.

Siehe auch das WOZ-Dossier zur globalen Landwirtschaft.

Falsche Argumente für den Gentechmais

Subventionen und Freihandel führen zu Hunger

Mais ist das Hauptnahrungsmittel der gut 115 Millionen MexikanerInnen: Der durchschnittliche Maisverbrauch liegt bei 120 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Die einheimische Produktion des für den Konsum bestimmten Maises lag in den letzten Jahren bei gut zwanzig Millionen Tonnen. Davon dürften allein knapp sieben Millionen Tonnen im Regenfeldbau für die Selbstversorgung der kleinbäuerlichen Familien angebaut werden.

Die agroindustrielle Produktion mit Bewässerungsfeldbau findet vor allem im Norden des Landes statt und versorgt die Städte. Die einheimische Maisproduktion reicht für die Versorgung im Land. Eines der Hauptargumente der BefürworterInnen, Gentechmais könne Hunger verhindern und mehr Ernährungssicherheit bewirken, kann einfach widerlegt werden.

Auch die sogenannte Tortillakrise Anfang 2007 mit sprunghaftem Preisanstieg für die Maisfladen um über fünfzig Prozent war weniger der Knappheit, sondern Aufkäufen und der Spekulation auf dem Rohstoffmarkt geschuldet. Zudem hat der 1994 in Kraft getretene Freihandelsvertrag Nafta zwischen Kanada, den USA und Mexiko dazu geführt, dass hoch subventionierter Mais zollfrei aus den USA in Mexiko eingeführt und zum Spottpreis verkauft wird. Das setzt vor allem die kleinen und mittleren mexikanischen ProduzentInnen, die früher mit Abnahme- und Preisgarantien des Staats rechnen konnten, einem Konkurrenzdruck aus, dem sie nicht gewachsen sind. Als 2008 die letzten Zolltarife und -schranken für die Maiseinfuhren im Nafta-Rahmen fielen, liess Mexiko die Chance für Neuverhandlungen ungenutzt.

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