Nr. 21/2013 vom 23.05.2013

Wo die schlechte Laune einen guten Standortfaktor darstellt

Täglich befinden sich rund eine halbe Million Reisende in Berlin, Tendenz stark steigend. Wie das zuweilen aussieht, wenn «die Stadt zur Kulisse der Erlebnisindustrie» wird, hat der Kulturjournalist Peter Laudenbach zu beschreiben versucht – rein phänomenologisch.

Von Lennart Laberenz

Dem Winter sei Dank: In Zeiten, in denen Eis, Wolken und kühler Wind einige Wochen länger die Stadt regieren, bekommt man in Berlin Aufschub vor FreundInnen des guten Wetters. Die kalte Zeit ist bereits seit der Romantik, wie Adam Gopnik in seiner wunderbaren Essaysammlung «Winter» beobachtet, mithilfe zugdichter Verglasung, Wärmetechnik und schliesslich auch symbolisch vom Sinnbild für Tod und Stillstand weggerückt – und längst eine arbeitsame Zeit geworden, aber auch offen für Reflexion und Gemeinsamkeit im Schutz der vier Wände.

Abgesehen vom Skitourismus ist Reisen im Winter beschwerlich. Überhaupt, Reisen: Bis auf ein paar junge Adelige, die schon in der Renaissance durch die Städte fuhren und sich am Kulturangebot ergötzten, trat schon damals und vor allem sommers, wer konnte (Teile des Klerus und des Handelsbürgertums), den Rückzug vor Lärm, Gestank und Betrieb der Städte an.

Zum Reisen gehört die Suspension des alltäglichen Egos, haben TourismusforscherInnen in den siebziger Jahren festgestellt, also auch ein temporäres Ausschalten gewohnter Reaktionen auf routinierte Anforderungen. Das kann auch zum Ausschalten von Verstand und Umgangsformen führen, wie es periodisch private Krawallsender aus den Bordellen Thailands, den Suffhochburgen Spaniens oder vom Oktoberfest berichten. Als zum Ende des 20. Jahrhunderts die Themenkomplexe Spass und Erlebnis der dostojewskischen Figur der Sommerfrische etwas Bleibendes entgegengesetzt hatten, war auch eine neue Figur des Reisenden geboren: der/die engagierte StadttouristIn. Und so existieren sie nebeneinander – jene, die an den Strand und in die Berge fahren, und solche, die in die Stadt wollen. Sehr viele von Letzteren kommen nach Berlin. Nun hat der Kulturjournalist Peter Laudenbach über sie einen schmalen Essay verfasst: «Die elfte Plage».

Eine neue Zweiteilung

Wenn es nicht mehr kühl und garstig ist, verstopfen in Berlin ausladende Kinderwagen die Gehsteige, ausserdem kommen TouristInnen. Wenn dann Reisegruppen und Erlebnisgäste in Berlin aufschlagen, zerfällt, so Laudenbach, grob gerechnet die Bevölkerung der Stadt in zwei Teile: die TouristenhasserInnen und diejenigen, die von diesen leben. Zwischen diesen beiden Blöcken gibt es zwar irgendwo einen marginalen mit Erwerbsarbeit beschäftigten Rest, aber der spielt hier keine Rolle. Es geht um die Reisenden. Zu jedem Tag des Jahres sind es in Berlin im Schnitt 500 000 , Tendenz stark steigend und eindeutig sichtbarer an sonnigen Tagen.

Laudenbach interessiert, was passiert, wenn «die Stadt zur Kulisse der Erlebnisindustrie» wird. Vor allem: wie das aussieht. Er findet hauptsächlich die Unsitten – TouristInnen besichtigen, fotografieren, belagern: oft trampelig, oft besoffen, nur manchmal unscheinbar. Laudenbachs TouristInnen führen sich vor allem so auf, als sei nicht nur ihr Ego suspendiert, sondern auch gleich ein Grossteil ihrer Zivilisationsformen. Also zerschmeissen sie Flaschen auf Friedrichshainer Strassen, pinkeln in Kreuzberger Hauseingänge, grölen herum oder platzen anderswie in die Privatsphäre der StadtbewohnerInnen. Natürlich kennt Laudenbach auch die Wirtschaftsdaten, die Zahl der zweckentfremdeten Wohnungen und das Marketinggesabbel rund um den Tourismussektor. Er sieht den Umstand, dass Berlin sich dem Tourismus zu Füssen wirft – so gut, dass er das häufig wiederholt. Es gibt auch ein paar Bemerkungen zum Phänomen des Hipsters und zur Spasskultur, die sich in allerlei Events selbst befeiert. Vielleicht, weil es so viel Freude macht, bleibt Laudenbach oft bei der Phänomenologie und wird nicht müde, den Berlinreisenden als aufgemöbelten Provinzhirschen zu beschreiben, als präfigurierten Dämlack, der sich nun aber mal richtig daneben benehmen kann.

Natürlich bieten TouristInnen in Zeiten steigender Mietpreise, mieser Stadtplanung und aufgehobenen Milieuschutzes eine einfache Angriffsfläche. Viel weiter geht Laudenbach nicht: Seine Beobachtungen und Interviewfragmente enden damit, dass er über die freie Theaterszene als Standort- oder das Feiern als Wirtschaftsfaktor die Nase rümpft. Die schlechte Laune in der Stadt, die sich in Slogans gegen TouristInnen und gelegentlichen Übergriffen zeigt, erklärt er mehrfach als Aspekt, der längst in die Berlinwerbung und also auch in die Marktfunktion eingebunden ist.

Das suspendierte Ego

In der Folge liest sich «Die elfte Plage» irgendwo zwischen lustig und Lustigkeit und bleibt bei Erwartbarem – es braucht nicht viel, um dem Zitat von Elias Canetti anzusehen, dass es eingestreut ist, weil nun mal «Die Masse liebt Dichte» direkt zum Thema Alkohol führt. Interessanter wird es, wenn Laudenbach mit einem Bezirksbürgermeister über rechtliche Möglichkeiten spricht, der Umwandlung von Kiezen in Servicelandschaften entgegenzuwirken, oder über den «touristischen Blick» nachdenkt. Aber diese Abschnitte sind kurz, und schnell stösst einem wieder auf, dass ihm zu jedem «Berliner Künstler» automatisch das Beiwort «verkracht» einfällt. Richtig Neues findet sich nicht, oder vielleicht das: Die meisten BewohnerInnen der Stadt sind Punks, Hipster oder Schlaffis.

Laudenbach ist so das Kunststück gelungen, ein Buch zu schreiben, das nett, aber gleichermassen zu kurz wie auch zu lang ist: Die Wiederholungen von folkloristischen Oberflächen ziehen sich, es fehlen weitergehende Einblicke in Strukturen. Die Schauplätze, Kreuzberg-Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg, duplizieren den touristischen Blick: Wer über die Vorgänge in diesen Vierteln schreibt, findet eben Zugereiste und Vorbeireisende – Berlin aber ist grösser, Ursachen liegen tiefer.

Wenig findet sich dagegen über die in Berlin hochgeschätzte soziale und kulturelle Abgrenzung, über die reduzierte Kulturpolitik. Wenig dazu, dass die vor längerem Eingewanderten auch ihr Ego suspendierten und dann mittels all jener Improvisationsmöglichkeiten, die ihnen die Stadt mit ihren Brüchen und Freiräumen bot, temporär umformulierten. Und vielleicht stecken blieben.

Manchmal geschah das aus freiem Willen; manche zogen auch nach Brühl, Pforzheim oder New York zurück. Manchmal ist aber auch gleich ein ganzer Staat weggebrochen, und nach der DDR kam eben doch nicht nur Wohlbehagen. Dazwischen sind die soziale Kühle, die kurzsichtige Politik und die enervierende Grossmäuligkeit Berlins schwer zu ertragen. Die Fragilität der Selbstinszenierung zeigt sich jedenfalls im aufgebrachten Ton, der neuen Reisenden oder angeblichen Schwaben begegnet. In dieser von Umbrüchen geprägten Stimmung aber könnte sich in Berlin etwas finden, was andere Grossstädte mit linearer Entwicklung nicht haben: die vage Erinnerung an alternative Ideen. Und dann wäre «Arbeit am rauen Berlin-Image» eben nicht nur «Dienst am Wirtschaftswachstum».

Irgendwann aber wird der Herbst kommen, der Ton dämpft sich dann, und es fällt Schnee. Die Menschen bleiben zu Hause, der öffentliche Raum wird frei. Dann ist die Stadt zwar noch immer vom Konsum kolonialisiert, aber sehr geniessbar.

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