Nr. 22/2013 vom 30.05.2013

Heute rettet Globi Schildkröten vor den Chinesen

Es wird Zeit, dass sich die Schweiz ihren kolonialen Verstrickungen und den daraus hervorgegangenen Bildern und Denkmustern stellt: Das zeigt eine neue Generation kritischer Historiker und Ethnologinnen.

Von Anja Suter

Kamerun, im Januar 1953: René Gardi, bekannter Schweizer Fotograf und Publizist, und Paul Hinderling, Schweizer Ethnologe und Assistent am Basler Völkerkundemuseum, landen in Maroua. Dort holt sie der Schweizer Missionar Hans Eichenberger ab, um sie an den eigentlichen Ort ihrer Expedition zu führen: in die nördlichen Mandara-Berge, wo sie vom französischen Kolonialbeamten Monsieur Duc empfangen werden. Duc, so die Hoffnung der beiden Schweizer, würde ihnen das Tor zur «Mafa-Kultur» öffnen. Gardi und Hinderling wollen die dort lebenden «altnigritischen Stämme» und ihre Technik der Eisengewinnung studieren, um ihre Notizen, Fotografien und Filme für ein interessiertes Schweizer Publikum nach Hause zu tragen.

Zwei Schweizer Sammler, die dank Schweizer Missionaren und französischer Kolonialbeamten in Kamerun an die von ihnen gewünschten Orte und Informationen gelangen – ohne die Sprache der lokalen Bevölkerung zu sprechen, über die sie berichten wollen. Ein typisches Beispiel dafür, wie die Schweizer Wissensproduktion mit dem europäischen Kolonialismus verflochten ist. Ein Beispiel dafür auch, wie diese Verstrickung nicht nur die hiesige Forschung, sondern auch die Alltagswahrnehmung prägt: Gardis Fotografien, die das «einfache Leben» der KamerunerInnen zeigen, trugen wesentlich zum ambivalenten Bild der «edlen», weil von der Zivilisation «unverdorbenen Wilden» bei, das in der Schweiz teils auch heute noch präsent ist.

Ökonomische Interessen

Solche Prozesse hervorzuheben, zu fragen, in welchen Macht- und Herrschaftsverhältnissen Wissen produziert wird, ist eine zentrale Aufgabe der Postcolonial Studies. «Postkolonial» bedeutet nicht, dass sich der Fokus auf die Zeit nach dem Kolonialismus beschränkt. Vielmehr verweist der Begriff darauf, dass sich die Machtverhältnisse des europäischen Kolonialismus in unzählige Geschichten, Bilder und Denkmuster, in Bildungs- und Forschungstraditionen der westlichen Welt eingeschrieben haben und durch diese weiterwirken. Im kürzlich erschienenen Sammelband «Postkoloniale Schweiz: Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien» wird diese historische und kulturelle Verflechtung der Schweiz mit dem Kolonialismus thematisiert.

In den vergangenen zehn Jahren sind gleich mehrere Studien entstanden, die sich für die Verstrickung der Schweiz mit dem transatlantischen Sklavenhandel interessieren. Zwei jüngst erschienene Publikationen beschäftigen sich mit der Wirtschaftsgeschichte der Schweiz und ihrem kolonialen Kontext: Christof Dejung schreibt in «Die Fäden des globalen Marktes» die Geschichte der Handelsfirma Gebrüder Volkart, die sich zur Zeit des Kolonialismus mit ihrem Baumwollgeschäft zwischen Indien und Europa «zu einem der grössten Handelshäuser auf dem indischen Subkontinent» aufschwang. Andreas Zangger widmet sich in «Koloniale Schweiz» den wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen von SchweizerInnen zum kolonisierten Fernen Osten. Er zeigt, wie Schweizer Textilproduzenten und Kaufleute ihre Netzwerke in Südostasien errichteten, wie sich Schweizer Pflanzer in der Region neue Existenzen aufbauten – und dabei das Herrschaftssystem der jeweiligen Kolonialmacht aktiv mitgestalteten.

Angstgesteuerte Wahrnehmungen

Im Gegensatz zu diesen historischen Studien richtet sich der Blick der AutorInnen des Sammelbands «Postkoloniale Schweiz» mehrheitlich auf die Gegenwart. So untersucht Gaby Fierz, in welchem Kontext die Reiseberichte des eingangs vorgestellten René Gardi entstanden sind und wie seine Afrikabilder dem Schweizer Publikum präsentiert wurden. Bernhard Schär fragt, inwiefern der auch heute noch bemühte Schweizer Mythos des einfachen und arbeitsamen Alpenvolks mit dem zeitgleich entstandenen kolonialistischen Bild des «edlen Wilden» zusammenhängt.

Meral Kaya zeigt, wie die auch von bürgerlichen «Feministinnen» ins Feld geführten Argumente gegen Minarette und für ein Verschleierungsverbot an einen jahrhundertealten kolonialen Diskurs anknüpfen, während Francesca Falk den kolonialen Wurzeln der heutigen Ausschaffungsgefängnisse auf den Grund geht. Daniel Speich Chassé und Sara Elmer zeigen auf, dass die Entstehung der Schweizer Entwicklungshilfe weit mehr mit der Angst vor politischer und ökonomischer Isolation in der Nachkriegszeit zu tun hat als mit dem Notleiden in der sogenannten Dritten Welt.

Die sechzehn Beiträge machen deutlich, wie sich die kolonialen Verstrickungen der Schweiz auch heute noch auf unseren Alltag auswirken: Musste der Kinderbuchheld Globi in älteren Geschichten noch vor menschenfressenden Afrikanerinnen flüchten, so deckt er heute einen illegalen Ring von Hornhändlern in Ostafrika auf und rettet Schildkröten vor dem unzivilisierten, alles fressenden Chinesen. Zum diffusen, mit kolonialen Stigmata beladenen Bild von Afrika ist ein solches von China hinzugekommen. Patricia Purtschert sieht hierin keinen Zufall: «Diese Kindergeschichte dokumentiert nicht zuletzt aktuelle westliche Ängste angesichts der wachsenden Bedeutung von China in Afrika.»

Rückwärtsgewandte Fantasien

Dem Schweizer Comedypublikum hält Rohit Jain einen Spiegel vor. In der Rolle des dubiosen und ständig feilschenden indischen Geschäftsmanns Rajiv Prasad brachte Viktor Giacobbo zwischen 1998 und 2002 seine ZuschauerInnen zum Lachen: Der Schnell- und Vielredner Prasad kannte weder ethische noch sexuelle Tabus – mit «Wanna fuck?» bot er dem Kunden gerne auch mal Sex mit seiner Frau an, um ins Geschäft zu kommen. Das rassistische Bild des betrügerischen, amoralischen Inders, so zeigt Rohit Jain, war eine wichtige Stütze der britischen Kolonialmacht.

Zu solchen Zerrbildern gesellen sich noch heute kolonialistische Fantasien: So warb das Warenhaus Globus vor wenigen Jahren für Seidenbettwäsche und Kleider mit dem Slogan «Verbringen Sie Ihre Nächte im Orient – Träumen Sie von der guten alten Kolonialzeit». Francesca Falk und Franziska Jenni verdeutlichen in ihrem Beitrag, wo solche Fantasien ihren Ursprung haben: 1835 reisten die ersten Basler Missionare nach Indien – ein gutes Jahrhundert später, als Indien unabhängig wurde, gehörte die Schweiz zu den grössten ausländischen InvestorInnen des Landes.

«Können diese Muster in einem Land ohne Kolonialbesitz einfacher fortbestehen, da sie paradoxerweise weniger von der Entkolonialisierungspolitik nach 1945 tangiert wurden?», fragt die Ethnologin Shalini Randeria im Vorwort des Sammelbands. Dass er nach wenigen Monaten bereits in der zweiten Auflage vorliegt, zeigt: Die Zeit ist reif für eine kritische Auseinandersetzung.

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