Nr. 46/2019 vom 14.11.2019

Wenn die Montage zur Demontage wird

Mischa Hedinger entschlüsselt in seinem Dokumentarfilm «African Mirror» über den Fotografen und Filmer René Gardi den weissen Blick.

Von Kaspar Surber

«Das wäre wirklich interessant zu sehen, wie wir damit fertig würden, wenn wir Schweizer eine Kolonie hätten»: René Gardi reiste mehr als dreissig Mal nach Afrika. Still: Ton und Bild GmbH

Die Vereinigungen, die René Gardi auflistet, wollen kein Ende nehmen. Vor dem Schweizer Alpen-Club habe er referiert, vor kaufmännischen Vereinen, den Gewerkschaften, in der Klubschule, in Theatergesellschaften und Zünften. Lehrer, Ingenieure, Postbeamte hätten ihn eingeladen und, weiter in der männlichen Form, Architekten und Schriftsteller. Bei Dienstags-, Mittwochs- und Donnerstagsklubs war er zu Gast. René Gardi war überall, und wenn ihn Mischa Hedinger in seinem Film «African Mirror» diese Schauplätze aufzählen lässt, heisst das nichts anderes als: Mit Gardi wurde auch sein Bild von Afrika überall verbreitet.

René Gardi, 1909 in Bern geboren, war als Jugendlicher bei den PfadfinderInnen aktiv. Er liess sich zum Lehrer ausbilden und schrieb mit 27 Jahren seinen Pfadiratgeber «Mit Rucksack, Zelt und Kochtopf» sowie erste erfolgreiche Jugendromane. Schliesslich setzte er seine Tipps über das Reisen und das Lagerleben selbst in die Tat um, reiste zuerst nach Skandinavien und 1948 nach Algerien. Bis ins Alter von 82 Jahren kehrte er mehr als dreissig Mal nach Afrika zurück. Gardi war zum Unternehmer seiner selbst geworden, der vom Verkauf von Büchern und Artikeln, von Filmen und Fotos über den afrikanischen Kontinent lebte, im Besonderen über den Norden Kameruns. Mit «Gardi erzählt» hatte er sogar eine eigene Fernsehsendung.

Am liebsten ein Zaun

Über 30 000 Fotografien umfasst der Nachlass des im Jahr 2000 verstorbenen Gardi, dazu kommen Filmrollen und Tonbänder, Tagebücher, Briefe und Zeitungsartikel. Mischa Hedinger, der den Nachlass erwerben konnte und ihn ans Berner Staatsarchiv weitergegeben hat, nimmt in seinem Film das Bild auseinander, das sich Gardi von Afrika machte. In einer geschickten Montage fügt er das Material neu zusammen. Allein aus den Archivalien, ohne Kommentare oder Talking Heads, ist ein Film entstanden, der den weissen Blick auf Afrika zur Kenntlichkeit entstellt.

In einer ersten Szene sind Angehörige der Mafa verschwommen im Hintergrund zu sehen. Über die Aufnahme hat Hedinger einen Tagebucheintrag von Gardi gelegt: «Fantastisches Bild. Ich werde die Silhouetten oben auf dem Felskopf im gelben Abendhimmel nicht mehr vergessen. Der misstrauische scheue Wilde, der nicht näher kommen will. Man erzählt, dass es nun wirklich nirgends in Afrika ähnlich wilde Gebiete gebe.» Am liebsten würde er einen Zaun um das Mandara-Gebirge bauen, um die dortigen BewohnerInnen vor den schädlichen Einflüssen der Zivilisation zu schützen, kommentiert Gardi.

Natürlich, scheu und wild: Das Bild, das Gardi von den Mafa zeichnet, ist von der Sehnsucht nach einem ursprünglichen Leben getrieben. Wo die Realität nicht seinen Vorstellungen entspricht, hilft er gerne nach. Bei einer romantischen «Schäkerszene» an einem Wasserloch, die sich sein Filmteam ausgedacht hat, wollen die BewohnerInnen eines Dorfs nicht mitmachen. So heuert er im nächsten Ort junge Männer an. «In Sulede spazieren sie in Shorts und Turnschuhen herum. Hier hinten verwandeln sie sich in nackte Matakam. Mit ihnen sind gestellte Szenen leicht zu machen.»

Die fast schon besessen wirkende Inszenierung von Nacktheit ist wie in so vielen Bildern aus der Kolonialzeit nur schwer erträglich. Doch gelingt es Hedinger mit seiner Montage, sie als das zu entschlüsseln, was sie sind: mehr als eine Inszenierung nämlich, eine Inbesitznahme. Die schwarzen Körper werden zum Projektionsort der weissen Fantasien, immer wieder sucht Gardi beispielsweise einen Schmid auf, filmt seinen bei der Arbeit vor Schweiss glänzenden Rücken: «Fantastisch. Dantische Visionen. Das ist ein Kerl! Ganz nackt, trägt nur Bergrattenfellmütze.»

Unschuldige Reinheit

Die AfrikanerInnen bleiben in den Aufnahmen Gardis Silhouetten und Körper, die selten zu Wort kommen. Mal bewundert er sie, dann äussert er sich despektierlich, nie spricht er sie als Gleichberechtigte an. «Kluger Satz: Ils imitent, mais ils ne comprennent pas» (Sie ahmen nur nach, sie verstehen es nicht), zitiert er in seinem Tagebuch die französischen Kolonialbeamten, mit denen er in Kamerun unterwegs ist. Im Zweifel steht Gardi auf der Seite der Herrschaft: Wenn die BäuerInnen keine Steuern zahlten, müsse man ihnen halt die Gehöfte niederbrennen.

Statt «African Mirror» könnte Hedingers Film auch «Schweizerspiegel» heissen, in den Projektionen von Gardi geht es vor allem um die Schweizer Gesellschaft. In einer Übereinstimmung mit dem Anderen verortet er den Mythos eines freiheitsliebenden Bergvolks in der exotischen Ferne. In der Absetzung streicht er gleichzeitig die eigene zivilisatorische Überlegenheit über die Kolonialisierten heraus. Für die Behauptung einer unschuldigen Reinheit hatte er wohl auch ein persönliches Motiv. Beiläufig baut Hedinger seine Rechercheentdeckung ein, dass Gardi 1944 wegen sexueller Übergriffe an minderjährigen Kindern gerichtlich verurteilt und als Sekundarlehrer aus dem Schuldienst entlassen worden war. Erst darauf ging er nach Afrika.

«Das wäre wirklich interessant zu sehen, wie wir damit fertig würden, wenn wir Schweizer eine Kolonie hätten», schreibt Gardi einmal. Im Film weht dazu ein Schweizerfähnchen am VW-Bus des Kamerateams. Nicht nur wirtschaftliche Unternehmungen oder wissenschaftliche Expeditionen, auch die Bildproduktion war ein kolonialer Akt. Die Schweizer Kolonie, die es auf keiner Landkarte gab, erschuf Gardi letztlich in seinen 100 000-fach verbreiteten Bildern. Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte der Flieger, Fotograf und Filmer Walter Mittelholzer eine ähnliche Rolle gespielt wie Gardi, auch er war bereits Bestsellerautor, Medienstar und Vortragsreisender.

Gardi ist in der Phase der Dekolonisation unterwegs, die Vorstellung eines unberührten Afrika entbehrt jeglicher Realität. Die Kolonialisierten kämpfen für ihre Unabhängigkeit. In der Schweiz proben die StudentInnen den Aufstand. Und die TouristInnen gehen, inspiriert von Gardis Büchern, selbst auf Reisen. Die herrschende Ordnung kippt, Gardis Bild wird brüchig, er wirkt in seinen Auftritten verunsichert. Und doch hält er an seiner Vorstellung fest, gesteht sich nur selten einen kritischem Moment ein: «Im Grunde projiziert man nur sein Inneres hinaus, und die Aussenwelt reflektiert es wieder zurück.»

Wer heute das koloniale Bilderkarussell noch einmal anwirft, muss sich der Frage stellen, ob damit nicht erneut Stereotype in die Welt gesetzt werden. Und der Frage, ob eine nichtweisse Sicht auf René Gardi nötig wäre. Mischa Hedinger hat sich dagegen entschieden, er lässt die Bilder und Zitate für sich allein sprechen. Aus Gründen der künstlerischen Reduktion ist das durchaus nachvollziehbar, schafft er doch so einen klaustrophobischen Raum, in dem es für weisse BetrachterInnen kein einfaches Entrinnen vor der Geschichte gibt.

Durch den Spiegel gehen

Dafür steckt er aber auch Kritik ein, so in einem Gespräch mit dem Kameruner Germanisten Tevodai Mambai im Reader zum Film. «Diese Bilder sind nicht mehr aktuell, im Film gibt es jedoch kein Wort zur jetzigen Situation der Mafa. In diesem Zusammenhang ist der Film für mich auch verletzend», kritisiert Mambai im Gespräch. Für ihn sei «African Mirror» kein Film über die Mafa, sondern über die Schweiz und Gardis Obsessionen, entgegnet Hedinger. Vermutlich haben beide recht, sind mehrere Filme aus Gardis Material denkbar.

«African Mirror» bestätigt auf alle Fälle, dass die Beschäftigung mit dem kolonialen Erbe in der Schweiz in nur kurzer Zeit weit gekommen ist. Wurde die postkoloniale Theorie anfänglich als moralisierend abgetan, ist sie aus der Geschichtsschreibung nicht mehr wegzudenken. Zahlreiche wissenschaftliche Publikationen haben sich mit der Verflechtung der Schweiz mit dem kolonialen Herrschaftsprojekt beschäftigt. Mit seinem Film führt Hedinger nun einem breiten Publikum vor, was ein dominanter weisser Blick genau bedeutet. Nur wer diesen erkennt, wird die gegensätzlichen Wahrnehmungen von Europa und Afrika überwinden können. Oder mit dem Filmtitel gesagt: durch den Spiegel gehen.

«African Mirror» läuft ab diesem Donnerstag in den Schweizer Kinos. WOZ-Redaktor Kaspar Surber spricht am Donnerstag, 14. November 2019, mit Mischa Hedinger im Kino Rex in Bern über den Film; am Montag, 18. November 2019, mit Mischa Hedinger und dem Historiker Christof Dejung, ebenfalls im Rex.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch