Nr. 24/2013 vom 13.06.2013

Jetzt wehren sich die neuen Arbeiterinnen

Von Susi Stühlinger

Ganz in der Nähe spuckt der Bareggtunnel die endlose Blechlawine aus, die sich durch den Aargau pflügt. Wer die Autobahn hier verlässt, findet sich in der Gewerbezone Baden-Dättwil wieder: Top Heim, Sport World, McDonald’s reihen sich trostlos aneinander und warten auf Kundschaft. Nur die Tamoil-Tankstelle und der dazugehörige Tankstellenshop, den die Detailhandelskette Spar betreibt, sind geschlossen. Schon seit eineinhalb Wochen. Es ist der längste Streik in der Geschichte des Schweizer Detailhandels.

Rund die Hälfte der 21 MitarbeiterInnen ist nicht bereit, die Anstellungsbedingungen länger zu ertragen: die Tiefstlöhne von minimal 3600 Franken brutto, vor allem aber den Stress, verursacht durch permanenten Personalmangel. Souverän und geduldig steht die stellvertretende Filialleiterin zum x-ten Mal vor den TV-Kameras von regionalen und nationalen Medien und wiederholt, was sie und ihre Mitstreikenden stört: dass sie kaum von der Kasse wegkommen, um Regale aufzufüllen oder andere anfallende Arbeiten zu erledigen, dass keine Zeit bleibt, um die Lehrlinge zu betreuen, dass manche bis zu 150 Überstunden angehäuft haben, dass gute Arbeitskräfte schnellstmöglich wieder kündigen, dass die Zeit nicht ausreicht, auch wenn noch so gut gearbeitet wird.

Die Geschäftsleitung von Spar Schweiz sieht das anders. Schon am zweiten Tag des Streiks marschierte sie mit rund siebzig StreikbrecherInnen aus anderen Spar-Filialen auf, um die Filiale wieder zu öffnen – und musste unverrichteter Dinge wieder abziehen, der Widerstand von Angestellten und GewerkschafterInnen der Unia war nicht zu brechen.

Die Fronten sind verhärtet. Zunächst machte die Spar-Geschäftsleitung geltend, dass sie nicht verhandeln werde, solange der Streik andauere, vonseiten der Gewerkschaft angebotene Verhandlungstermine liess sie platzen. Dann, nach einem von über fünfzig BundesparlamentarierInnen unterzeichneten Aufruf und einem Solidaritätsfest am vergangenen Sonntag, sollten am Montag endlich Verhandlungen stattfinden – wieder kam es nicht dazu. Erst am Dienstag verhandelten die beiden Parteien schliesslich doch noch – mit dem Ergebnis, dass die Verhandlungen nach sechsstündiger Diskussion wieder abgebrochen wurden.

Im Tertiärsektor regt sich etwas

Wie Spar auf Anfrage mitteilt, gibt es vorerst keine Angaben zu den Verhandlungen und zum weiteren Vorgehen. Gemäss Unia war der Detailhändler zwar bereit, Zugeständnisse beim Lohn ins Auge zu fassen. Gegen den zur Hauptsache beanstandeten chronischen Personalmangel wollte er aber nichts unternehmen. Deshalb seien die Verhandlungen gescheitert. Spar hatte in Aussicht gestellt, die Angestellten zu den Bedingungen des Gesamtarbeitsvertrags (GAV) für Tankstellenshops anzustellen, doch die Filiale in Baden-Dättwil hat die Grösse eines kleinen Supermarkts, weshalb Gewerkschaft und ArbeitnehmerInnen darauf nicht eingehen wollten. Wie es weitergeht, war bis Redaktionsschluss ungewiss. Denn obwohl die Empörung gross ist und die Solidaritätsbekundungen zahlreich sind, beschränkt sich der Widerstand auf die eine Spar-Filiale in Baden-Dättwil, anschliessen wollte sich noch niemand. Ein Flächenbrand ist jedenfalls nicht in Sicht, und die Möglichkeit, dass der Detailhändler letzten Endes am längeren Hebel sitzt, steht im Raum.

Und doch ist Baden-Dättwil kein Einzelfall. Seit einiger Zeit regt sich etwas im Dienstleistungssektor. Wurden die grossen Arbeitskämpfe früher im Bau und in der Industrie ausgefochten, sind es heute vor allem Menschen im Tertiärsektor, die unter niedrigen Löhnen und miserablen Anstellungsbedingungen zu leiden haben – und sich vermehrt zu wehren beginnen. Im April forderten Angestellte der Kleiderkette Metro in Basel bessere Arbeitsbedingungen und höhere Löhne und traten in einen einstündigen Warnstreik – Metro reagierte und hob die Löhne um bis zu 400 Franken an. Ebenfalls zu einem Warnstreik versammelten sich im Mai die MitarbeiterInnen der privaten Alterswohnheimgruppe WIA in Thun. Die BüezerInnen von heute sind nicht mehr nur die Männer mit dicken Oberarmen und schweren Schuhen, es sind Frauen, oft ohne Lehre, oft mit Migrationshintergrund, sie haben Familien, die sie über Wasser halten müssen. Sie sind es, die sich zusehends für ihre Anliegen wehren.

Weiter mit Mut und Ausdauer

Doch was bringt das punktuelle Aufbäumen? Schon einmal wurde in einem Spar-Tankstellenshop gestreikt, 2009 im bernischen Heimberg. Aber die kurzfristig erzielten Verbesserungen für die Belegschaft schwanden mit der Zeit dahin, neue MitarbeiterInnen wurden eingestellt, die sich mit tieferen Löhnen zufriedengaben. Eigentlich müsste ein allgemeinverbindlicher GAV für Branchen im Tertiärsektor wie Detailhandel oder Pflege her. Aber realistisch ist das nicht. Die Struktur der Tertiärbranchen ist komplex und der gewerkschaftliche Organisationsgrad gering. Es herrscht ein Gewirr aus Arbeitgeber- und ArbeitnehmerInnenorganisationen, kantonalen Regelungen und Verträgen mit einzelnen Unternehmen. So gibt es beispielsweise beim Detailhandelsriesen Coop einen schweizweit gültigen Betriebsvertrag, der als relativ fair gilt. Andere Betriebe in der Branche würden einen GAV zu denselben Bedingungen nicht akzeptieren – was beim Inkrafttreten des GAV dazu führen würde, dass sich auch die Bedingungen bei Coop gegen unten nivellierten.

Also bleibt vorerst nur der Weg über Verträge mit den einzelnen Betrieben, zu besseren Bedingungen. Und die müssen erkämpft werden mit jenem Mut und jener Ausdauer, die die Streikenden in Baden-Dättwil derzeit an den Tag legen.

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