Nr. 27/2013 vom 04.07.2013

Alle Zeit der Welt

Von Michael Saager

Mit 33 Jahren ist Kurt Vile noch einigermassen jung. Trotzdem hat man das Gefühl, er sei schon immer dabei gewesen. Das liegt vermutlich an der Zeitlosigkeit seiner Musik. Und wenn die gesamte Menschheit längst in die Grube gefahren ist: Von irgendwoher wird leises Zupfen, anmutiges Fingerpicking, temperamentvolles Schrammeln zu hören sein.
Kurt Vile macht also Folkrock, der neuerdings gar nicht so weit entfernt ist von Tom Petty und Neil Young und der ausserdem Spuren britischer Psychedelia in sich trägt – da darf man sich dann gerne an Syd Barrett oder Nikki Sudden erinnert fühlen. Am liebsten spielen Vile und seine Band, The Violators, Songs, die ellipsenartig um ein eher einfaches melodisches Thema kreisen. Stücke mit durchaus eigensinnigen Gitarrenläufen, die sich vom Grundthema abheben, kleine Soundinseln bilden, bevor sie wieder im Ozean des Grundthemas verschwinden.
In Europa bekannt wurde Vile mit seinem 2011 erschienenen vierten Album «Smoke Ring for My Halo». Da war Viles Sound noch etwas rumpeliger und verwaschener, die Stimme stärker in den Hintergrund gemischt. Lesen konnte man damals, Kim Gordon von den verblichenen Sonic Youth halte grosse Stücke auf ihn. So was kann ja nie schaden. Gabelstapler fährt Vile nicht mehr, er lebt von seiner Musik.
Kurt Viles Stücke nehmen sich alle Zeit der Welt. Der Titelsong seines neuen Albums «Wakin on a Pretty Daze» dauert knapp zehn Minuten: ein ausgesprochen verführerischer, melancholischer Laid-back-Gleiter, versehen mit feinen, anmutig verschlungenen Gitarrensoli, Tempiwechseln, ein paar hübschen Breaks und davonfliegenden Gitarrensounds, wie man sie aus dem Dreampop kennt. Man verliert sich darin und taucht erst wieder auf, wenn das Stück zu Ende ist. Bei vielen Songs des 69 Minuten langen Doppelalbums ist das so. Viles sonore, sexy vernuschelte, immer etwas weltabgewandte Erzählerstimme verstärkt dieses Gefühl – als würde man von einem leicht angekränkelten Hypnotiseur mit angenehm monotoner Stimme in eine andere Welt geführt.

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