Nr. 21/2015 vom 21.05.2015

Zwei Meter über der Erde

Von Michael Saager

Die Platteninfo spricht von einem «selbstbewussten Schritt in Richtung neuer, unentdeckter musikalischer Sphären». Hört sich gut an. Aber gibt es so etwas denn noch im Pop – unentdeckte Sphären? Für Obaro Ejimiwe, den Ghostpoet, wohl nicht. Der 33-jährige Sänger, Spoken-Word-Artist und Produzent aus London hat die letzten Jahre ja nicht unterm Stein gelebt.

Wirklich toll, diese tiefe, unglaublich sonore Stimme. Der Ghostpoet könnte ranzige Butter mit ihr verkaufen. Er rappt nicht, und er singt nicht. Seine Stimme bewohnt ein Zwischenreich. Es ist ein tiefes, versponnenes Murmeln, ein kurviges Erzählen von weit unten. Ghostpoet erzählt von Sinnkrisen und Einsamkeit, von Abstiegen, Süchten, Vertrauen und Trennungen. Er schlüpft in fremde Köpfe, beobachtet seine Mitwelt. Er sagt: «My life is only one amongst millions. And that’s the attitude of it.»

«Shedding Skin» hat Ghostpoet mit seiner Tourbegleitband und ein paar ausdrucksstarken Gastsängerinnen und -sängern live im Studio eingespielt. Es ist offensichtlich, dass das Album auf grössere Bühnen will. Wozu sonst das satte, groovende Rockschlagzeug, der nostalgische New-Wave-Bass, hypnotisch-meditative Gitarrensounds und hochdramatisch-quecksilbrige wie von TV on the Radio? Dazu an- und abschwellendes Dröhnen und Brummen, nicht menschliche Flüstersounds, verwunschene Synthiemelodien. «Shedding Skin» bewegt sich zwei Meter über der Erde, erhaben und atmosphärisch dicht. Der nachdenkliche Gesang bremst die Überwältigung melancholisch aus. Schwebeflug.

Und doch fehlt etwas Entscheidendes, denn vieles fand man so auch auf «Some Say I So I Say Light» von 2013. Darüber oder darunter aber gab es flexible, fantasievolle, knackige, ansprechend temperamentvolle, immer geschmackvolle Beats in bester britischer Bassmusiktradition. Wo sind die hin? Und was hat der Künstler sich dabei gedacht? Die Beschwörung Londons als grossstädtische Klang- und Gefühlserfahrung, um die es auf dem letzten Album musikalisch ging, um die geht es nun nicht mehr. Nun spielt Ghostpoet überall und nirgendwo.

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