Nr. 28/2013 vom 11.07.2013

Ragtime im Kämmerimoos

Von Köbi Gantenbein

In der Innerschweiz sitzt der Pianist in der Ländlerkapelle. Ab und zu darf er eine Passage solo spielen, aber seine Hauptaufgabe ist, zusammen mit dem Bassgeiger das Gerüst der Mazurkas, Märsche und Polkas zusammenzuhalten. Im Kanton Graubünden sind die PianistInnen arbeitslos und im Appenzell selten. Wie im Jazz gibt es aber auch in der Volksmusik eine verloren gegangene Tradition, wo der Pianist ohne Handorgel, Bass und Klarinetten nächtelang allein aufgespielt hat.

Hans Frey (1913–1973) war der Begründer und Vollender solcher Musik. Er lernte als Bub in Lachen und Umgebung Klavier spielen und brachte es zu einem der populärsten Unterhaltungsmusiker der Schweiz. In den vierziger und fünfziger Jahren war er Stammgast von Radio Beromünster. Sein «Mit em Rex is Tessin» war zeitweilig der am meisten gespielte Titel, es ist eine Roadmusig, denn «Rex» hiess Hans Freys Töff, und Fahrten ins Tessin waren ihm lieb. Wer seine Biografie kennenlernen will, findet sie im Büchlein zu den zwei CDs, auf denen Matthias Knobel aus Wädenswil Freys Musik wieder aufgelegt hat – eine eindrückliche musikarchäologische Arbeit, begleitet von einem Notenband mit 43 Kompositionen.

Frey selbst war kein Notenleser, sondern ein Gehörspieler. Seine Musik reist querbeet durch die Unterhaltungsmusik der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Deren Ländlermusiker haben den Foxtrott eingeschweizert und bodenständige Gassenhauer amerikanisiert. Charakteristisch für Frey ist eine harte linke Hand, mit der er die Basslinien durch seine Stückli bugsiert, mit Terzen und Sexten verziert er seine einfachen Melodien. Also geht nicht fehl, wer zu hören meint, der Ragtime habe sich ins Kämmerimoos verirrt. Die CD ist ein Dokument dafür, wie lebendige Volksmusik am Geschmack von Zeitgeist und Publikum in den Bars von Zürich und in Radio Beromünster entstanden ist und sich dann übers Land verbreitet hat.

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