Nr. 13/2015 vom 26.03.2015

Tempo, Tempo

Von Köbi Gantenbein

Ein Merkmal der Ländlermusik aus der Innerschweiz ist der ausgeprägte, hämmernde Rhythmus, den der Klavierspieler mit der rechten Hand und unten dran der Kontrabassist besorgen. Und auf dem satten Teppich treten die Handorgel und die Klarinette mit- und gegeneinander an. In solcher Tradition spielen Matthias Landtwing (Klarinette), Fränggi Gehrig (Akkordeon), Lukas Gernet (Klavier) und Pirmin Huber (Kontrabass) in ihrer Kapelle Gläuffig. Hört man ihre CD «Jä sowieso, uf alli Fäll», so gibt man der Innerschweiz als Merkmal auch unerhört geschwinde Melodien mit. Nicht einmal ein Marsch oder eine Mazurka dürfen da gemächlich sein. Diese Kapelle rüstet sich für die Weltmeisterschaft im Tempospiel, wo die Finger schneller sind als die Töne.

Doch wie kriegt einer das hin? Mein Musiklehrer sagt: «Du bist im Kopf zu langsam. Üben allein reicht nicht. Du musst zuerst Ruhe in den Kopf bringen. Dann geht es.» Vor allem Landtwing muss ein sehr ruhiger Mensch sein, denn sein gläuffiges Tempo, mit dem er durch das Stückli «De Büehler Hans am Waffelauf» brettert, ist ebenso atemberaubend, wie er virtuos «Danke Carlo» spielt – ein Augenzwinkern an Carlo Brunner, der nebst Dani Häusler in ein paar Stückli mitspielt. Die beiden der älteren Generation waren lange die Anführer der Tempofraktion. Nun müssen sie sich zurücklehnen und Ruhe in den Kopf nehmen. Landtwings Fingerraserei wird wohl auch ihnen die Ohren sturm machen. Doch die CD ist nicht nur ein mit Testosteron geladenes Wettrennen. Es ist bemerkenswert, wie die jüngeren Virtuosen die Tempogrenzen brechen, aber in ihren Kompositionen die Strukturen des Ländlers wahren: Bass und Klavier am Rhythmus, Klarinette und Handorgel oben fortfliegend.

Wann kommt die Zeit, wo auch Virtuosen wie der Bassist Pirmin Huber mit einer temporeichen Solopassage Wettrennen spielen und der Klarinettist ihm den Takt schlägt?

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