Nr. 21/2008 vom 22.05.2008

«Ich lasse mich lieber holen»

Der Volksmusiker, Virtuose, Grenzgänger, Kauz und Freigeist aus dem Kanton Zug hat seine erste Solo-CD veröffentlicht. «sehr schnee sehr wald sehr» ist die Essenz einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung des Handorgelzauberers mit seinem Instrument.

Von Marcus Maida

Hans Hassler, der heute in Hagendorn im Kanton Zug lebt, wurde 1945 geboren und ist in Chur in einer traditionellen Volksmusikerfamilie in Arbeiterverhältnissen aufgewachsen. Sein Vater arbeitete als Fahrer und spielte Kontrabass in einer Ländlerkapelle, der Onkel Handorgel.

Mit sieben bekam der kleine Hans sein erstes Akkordeon und schloss sich mangels Spielmöglichkeiten dem Orchester eines Musikhauses an. Ein Chauffeurkollege des Vaters gab ihm Stunden, danach brachte er sich durch Teilnahmen an Wettbewerben weiter. Dazu kamen Jamsessions mit den zahlreichen Orchestern, die damals noch traditionell in den Wirtshäusern auftraten. «Der Club in Chur war damals wahrscheinlich der einzige Ort, wo es das Ziel der Junioren war, bei den Senioren mitzumachen. Bei den Wettspielen habe ich eigentlich irgendwie immer gewonnen», sagt Hassler heute.

Mit dem Daumen spielen

Eines Tages im Jahr 1956 führte der Vater den damaligen Akkordeon-Weltmeister Kurt Heusser ins Hinterzimmer, wo sich der elfjährige Hassler nach einem Auftritt erholte. Heusser war sehr angetan vom Spiel des Jungen und lud ihn in den Sommerferien nach St. Gallen ein, brachte ihm die Klassik nahe. Damals gab es noch nicht viel Originalliteratur für Akkordeon, und das Instrument wurde über die Volksmusik hinaus nicht beachtet. Er und seine zwei Brüder tourten als Hassler Buebe durch die Ländlerszene. «Für die Volksmelodien brauchte ich keine Noten, ich habe es gehört und bin sofort eingestiegen. Im Radio liefen damals nur Ländler und Schlager, das andere gabs nicht.»

In den späten fünfziger Jahren hörte Hassler im Radio Ländlerkoryphäen wie den erst im Februar 2008 verstorbenen Klarinettisten Edi Bär oder auch den Klarinettisten und Akkordeonstimmer Jost Ribary, der damals jeden Abend im Restaurant Konkordia im Zürcher Niederdorf spielte. «Und es gab den Akkordeon-Weltmeister Bobby Zaugg. Mein Vater hat Anfang der sechziger Jahre einen Besuch arrangiert. Von Bobby hatte ich ein Stück aus dem Radio aufgenommen und mir selbst beigebracht. Zu Hause haben mein Bruder und ich ihm vorgespielt, und er hat gesagt: Ohne Daumen geht es nicht. Seither habe ich immer auch mit dem Daumen gespielt.»

Das Akkordeon gefiel Hassler, aber er spürte ebenso früh seine Limiten. Mit fünfzehn hat sich das Instrument für ihn erschöpft. Er begann in der Knabenmusik Klarinette zu spielen. In der Mittelschule kam er in Kontakt mit Dixieland, später mit der Klassik: Strawinsky und dann vor allem Bach. Die barocke Fülle und vor allem die Chöre haben ihn sehr beeindruckt, es war ein Einstieg in eine andere musikalische Form. Um 1968 spielte er bei einem Wettbewerb Bachs G-Dur-Toccata. «Es klang überraschend, wenn man vom 'Schneewalzer' herkommt.» Wichtig wurde ein weiterer musikalischer Lehrer: Hugo Noth, der zu der Zeit im süddeutschen Trossingen Professor für Akkordeon war. «Noth hat in einer Richtung weitergemacht, zu der ich später gekommen bin. Er steht für die Schule, die die Klassik transformiert.»

1964 wollte er eigentlich Elektroingenieur werden, doch es missfielen ihm die rigide festgelegten Arbeitszeiten. «Technik interessierte mich schon sehr, Musik auch: also Tonmeister.» Es gab die Schulen in Basel sowie in Zürich, wo ihm Tonmeister Klaus Koenig klarmachte: Wenn du wirklich gut sein willst, musst du nach Detmold. Also meldete sich Hassler im Westfälischen an. Für die Tonmeisterei lernte er Klavier spielen. «Die Prüfung war im Oktober, es war April. Zwei Wochen vor der Prüfung habe ich noch gelernt, eine Melodie zu harmonisieren. Sie sagten mir, wenn ich das schaffte, sei ich ein Genie. Die Prüfung bestand ich. Es war Wahnsinn, wie ich mir das Instrument reinklopfte.»

Ab 1966 studierte Hassler dann in Zürich vier Semester Musikwissenschaften und Anglistik. «Ich bin von Chur gekommen, und an der Uni haben sie Absenzenkontrolle geführt ... bis 15 Uhr, und ab da konnte man dann ins Kino oder sonst wohin gehen. Ich brauchte damals auch diese Freiheit.»

Unterhaltungsmusik hat er zu der Zeit gemacht, um Geld zu verdienen. So tourte er 1966 bis 1968 mit dem jodelnden Schlagersänger Peter Hinnen und dessen Hit «7000 Rinder» durch alle möglichen Alpfesthütten. «Aber die klassische Musik wurde wichtiger. Ich hab in der Zeit das Akkordeon ein bisschen zur Seite gelegt und 1969 an der Musikakademie Zürich auch noch mit dem Klarinettenstudium begonnen. Mein Lehrer war von meinem Akkordeonspiel so beeindruckt, dass er mir riet, das Instrument auf keinen Fall aufzugeben. Improvisieren konnte ich eigentlich schon immer.»

Abgesehen von Dixieland war Jazz zu der Zeit kein Thema für Hassler. «1972 kam ich wieder in die Zuger Gegend und spielte mit einer sehr guten Dixieband. Da konnte ich mitspielen, ohne ständig auf den Solisten achten zu müssen.» Später folgten Jazz-Aha-Erlebnisse aus dem Radiolautsprecher: «Gerry Mulligan and his Concert Jazz Band 'My funny Valentine'. So bin ich vom Dixieland weggekommen.» Mitte der siebziger Jahre waren Bebop und Hardbop und erst recht Freejazz immer noch weisse Flecken auf seiner Landkarte. «Dafür hörte ich die alten Helden wie King Oliver, und die bewundere ich bis heute.»

Ein Meteoriteneinschlag

Ab 1974 ging es mit dem Schanfigger Ländlerquintett sogar wieder konsequent in Richtung Bündner Volksmusik. Hassler machte die Diplome für Schulmusik und fing früh an zu lehren. Eigentlich zu viel, meint er heute.

Anfang der Achtziger gab es einen Meteoriteneinschlag. «Ich hörte im Radio Mogens Ellegaard. Und deshalb bin ich jetzt hier.» Der dänische Komponist hatte mit seiner Frau Marta Bene gespielt und damit Hassler eine völlig neue Welt eröffnet, seine Musik warf ihn «total um». «So etwas hatte ich nie zuvor gehört. Sechzehntel auf dem Akkordeon, Tongebung, Dynamik, alles, was für Musik wirklich eine Rolle spielt, alles, was bei anderen Instrumenten so selbstverständlich ist, hatte Ellegaard für das Akkordeon 'gestaltet'. Er spielte virtuos, extrem expressiv und frei. Er ist zu vielen Komponisten gegangen und hat ihnen das Instrument erklärt, sodass sie Stücke dafür schrieben, und hat es auch in einer Fabrik in Italien technisch weiterentwickelt. Seine Rolle kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.»

Hassler fasste sich ein Herz und rief Ellegaard in Kopenhagen an. Er wurde von ihm nach Südschweden eingeladen. «Er zeigte mir Instrumente und Literatur, die über die Transkriptionen hinausging.» Das bedeutete? «Die traditionellen Akkordeonisten sagen, das freie Spiel sei doch kein Akkordeonspiel mehr. Es gab - und gibt immer noch - diese zwei Religionen beim Instrument. Mogens half mir, das Akkordeon als vollwertiges Instrument zu begreifen.»

Das Akkordeon ist als ein mobiles Instrument im Industriezeitalter erfunden worden, um das Orchester wegrationalisieren zu können. Die Ländlerkapellen wurden aus den Tanzsälen gefegt, und es gab noch einen Musiker, der alles Vorherige an Dynamik und Ausdruck ersetzen musste. Hassler befand sich damals immer noch zwischen den beiden «Religionen»: hier die Hugo-Noth-Schule mit ihren klassischen Transkriptionen, im Frack und mit der Gestik der Klassik auftretend, dort die LändlerspielerInnen, die das Instrument unprätentiös begreifen und so neue Techniken und Möglichkeiten anpeilten.

Durch das von Ellegaard mitentwickelte Konverter-, Manual-3- oder auch Einzelton-Akkordeon mit seinem mehrere Oktaven umfassenden Einzeltonmanual auf der Bassseite erfuhr er ganz neue ausdruckstechnische Möglichkeiten, die ihn immer mehr zum «Prinzip Freiheit» führten. Ellegaard half bei der Standortbestimmung, war strikt gegen das Spielen von Transkriptionen und wollte das Akkordeon als Volksinstrument begreifen, erneuern und konsequent neue Musik spielen. Hassler wurde Schüler des Dänen, merkte jedoch bald, dass das Spektrum des Instruments doch begrenzt ist. «Es ist eben nicht dasselbe, wenn ein Klavier ein dreigestrichenes 'C' spielt, es ist nicht derselbe Ton! Das Hohe, diese Brillanz, das kriegt man nicht hin!»

Hassler hatte mittlerweile bei anderen Freigeistern angedockt: «Damals mit dem Habarigani-Projekt spürte ich, dass wir etwas anders spielen mussten. Für mich hiess das, in eine Richtung mit dem Akkordeon spielen, wo man nie denkt: Das müsste jetzt ein Klavier sein.» Die Aufnahme von 1987, auf der Hassler auch Klarinette und Bassklarinette spielte, hat er erst kürzlich wiederentdeckt.

Es war ein von Hans Kennel initiiertes Projekt - mit Kennel als mäanderndem Trompeter, Flügelhornist und Jodler, mit dem Posaunisten Roland Dahinden als Spezialist für weite, dichte und manchmal magische Stimmungen, mit Thomas Eckerts erdigem wie atmosphärischem Klarinettenspiel sowie mit Hassler, der mit der Komposition «Ballade pour Brillantine» Slavko Avsenik, Dave Brubeck, Franz Lehar und Volksmusik als Spiegelung integriert. Mit der ersten CD des Projekts Habarigani verschaffte sich Hassler beim Jazzpublikum Gehör. Man improvisierte sehr viel, spielte Thelonious Monks «Epistrophy», ohne vor Ehrfurcht zu erblassen, und schuf insgesamt eine frühe Referenz zur Volksmusik, ohne in deren Gestus oder gar Klischees zu verfallen.

Der begnadete Freispieler

Ab den achtziger Jahren war Hassler vermehrt in der Improszene anzutreffen, doch es gab keine konstante Besetzung. «Ich bin nicht so der Macher», sagt er gelassen, «ich lasse mich holen.» 1986 tat dies Mathias Rüegg, und er spielte über ein Jahr im Vienna Art Orchestra. 1990 gab es eine Fortsetzung von Habarigani, 1996 eine sehr schön bewegte und rhythmisch dichte Platte im Quintett unter der Federführung des Tessiner Perkussionisten Ivano Torre. Marco Käppeli holte ihn in seine Selection, 2000 partizipierte er in Gebhard Ullmanns Tà Lam in Vancouver, und es gab Begegnungen mit ähnlich frei gesinnten Musikern wie Koch-Schütz-Studer. Hassler war endgültig in der freien Jazz- und Improszene angekommen. Ein Jahr später dann die Teilnahme in Peter Liechtis Doku-Roadmovie «Namibia Crossings» über das Scheitern des multikulturellen Musikensemble Hambana Sound Company, wodurch Hassler für viele Interessierte zum ersten Mal ausserhalb der Landesgrenzen als begnadeter Freispieler sicht- und hörbar wurde.

1988 gab er im Zürcher Volkshaus auf dem Jazzfestival sein erstes Solokonzert und beeindruckte Publikum und KritikerInnen gleichermassen. «Mein Vorgänger war ein Akkordeonist aus Frankreich: glatt und ödig.» Hassler hingegen spielte dreissig Minuten und machte danach einen Handstand. Seither ist er ein Garant für musikalische Überraschungen und Transformationen.

«In der guten Tradition fühle ich mich wohl: Es gibt gute Volksmusik, und die spiele ich sehr gern. Ich mache mich nie darüber lustig, verforme zwar, aber respektiere sie und sehe Verbindungen, die nicht für alle sichtbar sind. Volksmusik ist im Moment ziemlich in. Man entdeckt die alte Musik wieder und macht eine Art World Music daraus. Schwyzerörgeli wird da von einem Studenten gespielt, der komponiert und findet, die Volksmusik muss sich entwickeln. Und das finde ich eben nicht. Die Kühe, die machen Muh, und die fragen sich nicht plötzlich, 'Du, müssen wir eigentlich immer nur Muh machen?' Es gibt so viel neue Akkordeonmusik, neue Ländlermusik, hervorragend gespielt, sehr virtuos, aber es reisst mich nicht vom Hocker. Volksmusikelemente kommen bei mir vor, aber ich möchte nicht darauf reduziert werden.»

Erstaunlicherweise gab es von Hassler noch nie eine CD, die sein Solospiel dokumentiert. Intakt-Records hat soeben mit «sehr schnee sehr wald sehr» vierzehn Stücke veröffentlicht, die aus dem Moment heraus entstanden. Das konnte er schon immer. Es ist seine Wesensart, dass ihm im Augenblick Sachen auf- und einfallen. «Ich reagiere auf sprachliche Dinge. In der Bäckerei sagt die Frau an der Theke: 'Danke, Herr Hüssler!', und danach kommt halt Herr Hassler. Oder im Radio heisst es 'Stau zwischen Au und Widnau', da sehe ich sofort Verbindungen und Assoziationen, genauso wie beim Schnee Wald Sehr. Oft gehe ich auf die Bühne, und die Situation ist eben so, wie sie ist, und daraus entsteht dann alles, das sind wirkliche Glücksmomente.»