Nr. 35/2015 vom 27.08.2015

Die antipatriarchale Hexe, die zur anerkannten Zauberin wurde

Doris Stauffer war eine Pionierin: als Künstlerin wie als Aktivistin, als Lehrerin und als Kunstvermittlerin. Eine grosse Monografie gibt nun Einblick in das Werk der 81-Jährigen – und fängt den bewegten Geist der sechziger und siebziger Jahre ein.

Von Noëmi Landolt

«Ich bin ein Schneepflug», sagt Doris Stauffer. «Ich bahne den Weg frei für die, die nach mir kommen.» Stauffer sitzt in einem Korbstuhl in der Ecke des Arbeitszimmers ihrer kleinen Wohnung im Zürcher Seefeld, die gegenüberliegende Wand ist ausgefüllt von einem abstrakten Gemälde von Max von Moos. Flechten, Marmor oder ein Gewitter? Auf dem grossen Tisch liegen Mäppchen, gestapelte Couverts, Fotos in Umschlägen. Zeitdokumente, Zeugen ihrer Pionierarbeit. Neben dem Laptop das Buch: «Doris Stauffer», eine grosse Monografie, soeben im Verlag Scheidegger & Spiess erschienen. Das Titelbild: schwarzweiss, Doris Stauffer in den siebziger Jahren, vor einer Diaprojektion, die Fäuste ausgestreckt, ein Bein in der Luft – man könnte meinen, um dem Patriarchat einen kräftigen Tritt in den Hintern zu verpassen.

Rückzug ins Hausfrauendasein

«Da ist mein Leben drin», sagt die 81-Jährige. «Aber mein Leben war noch viel mehr als das.» Das Buch erzählt, wie sie, 1934 in Amden geboren, mit siebzehn an die Kunstgewerbeschule nach Zürich kam, in der Fotofachklasse ihren späteren Mann Serge Stauffer kennenlernte und hochschwanger das Diplom machte. Es beschreibt ihre ersten gemeinsamen Jahre in prekären finanziellen Verhältnissen, in einer kleinen Wohnung neben dem Grossmünster. Dann der Umzug nach Seebach in ein altes Bauernhaus mit Garten. Serge unterrichtete an der Kunstgewerbeschule, betrieb «Kunst als Forschung» (so auch der Titel der grossen Retrospektive im Helmhaus 2013) und stand in regem Austausch mit KünstlerInnen und DenkerInnen jener Zeit: mit Marcel Duchamp, André Breton, Meret Oppenheim und vor allem André Thomkins. Oft kamen Gäste nach Seebach. Doris Stauffer versuchte anfangs noch, sich an den Gesprächen zu beteiligen, musste jedoch immer wieder fortspringen, da das Spaghettiwasser kochte, ein Kind weinte, was auch immer. Bis sie sich schliesslich ganz zurückzog. Zurück ins Hausfrauendasein. Was solls. So sollte es wohl sein.

Bitterböse Assemblagen

«Ich sass intellektuell völlig auf dem Trockenen», sagt Doris Stauffer heute. «Ich kam mir vor wie ein Polizist. Ständig musste ich den Kindern irgendetwas verbieten. Ich hatte keine Lust, mit ihnen zu spielen.» Abends las Serge jeweils aus Büchern vor, während Doris Kleider nähte, flickte, bügelte. In jener Zeit, in den sechziger Jahren, schuf sie ihre Assemblagen aus Alltagsgegenständen: Besteck, Nadeln, Garnrollen und Kinderspielsachen, zusammengeleimt in einem Kästchen, ungekochte Teigwaren auf einem Rüstbrett, manchmal wie zufällig, manchmal angeordnet wie ein Mandala. Aus dieser Zeit stammt auch «Schneewittchen und die acht Geisslein», ein grosses, weisses Kopfkissen mit acht Topfdeckeln bestückt, die wie Zitzen wirken. Das Kunsthaus Aarau hat dieses Werk neulich für seine Sammlung gekauft.

Die Stadt Zürich hat zudem die acht Guckkästen ihres «Patriarchalischen Panoptikums» erworben, die Doris Stauffer 1975 für die Ausstellung «Frauen sehen Frauen» im Zürcher Strauhof geschaffen hatte, eine bitterböse Abrechnung mit dem Patriarchat, jeder Kasten auch eine Art Assemblage, zusammengehalten von Zementit: Papst und Teufel, Föten und Panzer, King Kong, Putzlappen, blutige Binden, Kurt Furgler. «Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet meine böseste Kunst einmal von der Stadt Zürich gekauft würde?» Am 4. September erhält sie von der Stadt eine Auszeichnung für allgemeine kulturelle Verdienste. Ihre Arbeiten hatte Doris Stauffer nicht für den Kunstmarkt geschaffen, «die Kunstszene interessierte mich nie». Sie verschenkte sie vielmehr an die Familie und FreundInnen. Die Aufmerksamkeit, die ihr nun zuteil wird, überrascht Doris Stauffer bisweilen selbst. «Es ist wie ein Märchen», sagt sie. Und meint dies weniger im romantischen Sinn eines endlich wahr gewordenen Wunschtraums, sondern eher im Erstaunen darüber, was das Leben bringt: Unerklärliches, Unerwartetes.

Wohlig warm im Schritt

Ihre Kunst stiess immer wieder auf Unverständnis. Ihre Assemblagen wurden als «Frauenkunst» abgetan, was nicht als Kompliment gemeint war. Doch auch ihre WeggefährtInnen aus der Frauenbefreiungsbewegung (FBB), zu deren Gründerinnen Doris Stauffer gehörte, erkannten die Subversivität ihrer Arbeiten nicht immer. Anfang der siebziger Jahre strickte Doris Stauffer bunte Peniswärmer in verschiedenen Grössen, als ironisches Geschenk für Männer. Damit es ihnen wohlig warm bleibt im Schritt, im Schoss des Patriarchats. Je grösser der Peniswärmer, desto sexistischer der Typ. Sie kamen jedoch nicht überall gut an, auch bei vielen Frauen nicht. «Wir wollen doch wegkommen von der Lismete», hätten sie ihr gesagt. 
«Es ist spannend», sagt Doris Stauffer heute, während sie durch das vor ihr liegende Buch blättert. «Von den meisten meiner Kunstwerke weiss ich nicht mehr, wie sie entstanden sind, woher die Idee dafür kam. Alles, was ich damals tat, schien mir in gewisser Weise selbstverständlich.»

1969 begann sie, Teamwork an der Zürcher Kunstgewerbeschule zu unterrichten für die Klasse «Farbe und Form». In der Meinung, dass Kunst auf die Strasse gehöre, erstellte sie mit ihren SchülerInnen Transparente und riesige Papiermachépuppen für Aktionen der FBB und verlegte den Unterricht kurzerhand in den öffentlichen Raum: an die Bahnhofstrasse, auf eine Müllkippe oder zum «Sändele» am Zürichhorn. Sie erweiterte somit nicht nur die Unterrichtsmethoden, sondern auch die gängigen Vorstellungen von Kunstvermittlung. Sie wollte ihre SchülerInnen provozieren, herausfordern, zum kritischen Denken anregen, sie sollten auch ihre Position als Lehrerin hinterfragen. Teamwork war ein Versuch der Kollektivierung, als Gegenbewegung zum individualistischen Schaffen.

Fröhlicher Zorn

Die Schulleitung goutierte ihre Unterrichtsmethoden überhaupt nicht, die Klasse «Farbe und Form» wurde 1970 aufgelöst. Doris und Serge Stauffer und ihren Kollegen wurde gekündigt, was unter den SchülerInnen zu Protesten führte. Die Stauffers kehrten der Kunstgewerbeschule den Rücken und gründeten 1971 gemeinsam mit Bendicht Fivian, Peter W. Gygax, Peter Jenny und Hansjörg Mattmüller eine eigene Kunstschule: die F + F Schule für experimentelle Gestaltung.

Dort bot Doris Stauffer Ende der siebziger Jahre auch ihre «Hexenkurse» an, die nur Frauen offenstanden. Dabei sollten Frauen sich austauschen, ihre Erfahrungen teilen, in einem geschützten Rahmen die eigenen Fähigkeiten kennenlernen und erproben: «du bist eine hexe, wenn du weiblich bist, ungezähmt, zornig, fröhlich und unsterblich.» Auch die Erfahrung, dass ihre Arbeiten als «Frauenkunst» abgestempelt wurden, mag sie schliesslich zu diesen Hexenkursen geführt haben: zu einer eigenen Vorstellung von Ästhetik und Kunst, unabhängig von der von Männern dominierten Kunstwelt.

Das Buch erzählt nicht alles. Doris Stauffers politisches Engagement beispielsweise war nicht nur auf die FBB beschränkt, sie war auch Mitglied im Komitee gegen Isolationshaft und arbeitete mit Gefangenen. Das Buch vermittelt jedoch oft eine Ahnung darüber, was da noch alles war. Es erzählt auch davon, wie konfliktreich die Beziehung zu Serge manchmal war. Etwa wenn dieser in einem Brief an seinen Sohn Veit beschämt feststellt, «in welchem umfang und mit welch raffinierten mitteln ich doris in all den jahren belehren und ihr eigenes wesen bekämpfen wollte». Die Frage, ob sie keine Mühe hatte, solch Intimes zu veröffentlichen, findet Doris Stauffer «in Zeiten von Facebook und Selfiesticks» eher merkwürdig: «Ich habe schon bei den Hexenkursen meine Tagebücher aufgelegt, damit die Frauen darin lesen konnten.» Dass das Private politisch ist, war bei ihr nicht nur ein Slogan, sondern gelebte Praxis.

Am Ende lässt einen das Buch doch etwas melancholisch zurück. Anfang der Achtziger wird erst Serge müde und dann auch Doris. Sie ziehen sich zurück von der F + F und ein Stück weit auch aus der Öffentlichkeit. Es scheint, als hätten sie all ihre Energie in den Sechzigern und Siebzigern verbraucht. Doris backt Lebkuchen, die sie auf verschiedenen Märkten in Zürich verkauft: Blumenkohl und Delfine, Katzen, Schlangen und Geburtshelferkröten, auch diese märchenhaft, bunt, überladen und verzaubert. «Eat Art» nennt sie das. Vom Kunstmarkt hält sie sich weiterhin fern. Sie schreibt Artikel und Kolumnen, unter anderem für die WOZ und «Die Woche», später für die Quartierzeitschrift «Kontacht».

«Leben, wie ich mir die Welt wünsche»

1989 stirbt Serge Stauffer an Lungenkrebs, «ich bin getrennt von meinem zwillingsbruder serge», schreibt Doris Stauffer 1991 in ihr Tagebuch. «jetzt eineinhalb jahre alt. lerne laufen und reden.» Sie muss aus dem Haus in Seebach ausziehen, den Garten, den selbst gesetzten Kirschbaum zurücklassen. Nach einem Umweg über Neu-Affoltern findet sie die Wohnung im Parterre im Seefeld, mit einem winzig kleinen Garten, nur ein paar Quadratmeter gross. Gross genug für ein paar Blumen, ein paar Kräuter. Pfefferminze zum Beispiel für den Tee, wenn Besuch da ist.

Künstlerisch war Doris Stauffer schon länger nicht mehr tätig. Und auch als Hexe möchte sie sich nicht mehr bezeichnen. Eher als Zauberin. «Früher habe ich aktiv gegen das Patriarchat gekämpft», sagt Stauffer. «Heute versuche ich, so zu leben, den Menschen so zu begegnen, als gäbe es kein Patriarchat mehr. Ich lebe so, wie ich mir die Welt wünsche.»

Seit der Ausstellung «Serge Stauffer. Kunst als Forschung» von 2013 im Helmhaus, in der auch einige ihrer Werke zu sehen waren, ist die Öffentlichkeit wieder da. Seither war sie mit der Durchsicht und dem Ordnen ihres Archivs beschäftigt. Ein Teil davon ist bereits im Schweizerischen Nationalarchiv. «Wenn das alles vorbei ist, werde ich sehr zufrieden sein», sagt Doris Stauffer. «Und dann suche ich jemanden, der mir die zehn wichtigsten Fragen zum Computer beantwortet. Damit ich anfangen kann, darauf zu dichten.»

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